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Im dauernden Konflikt: Palästinenser und israelisches Militär in der West Bank. Jaafar Ashtiyeh/afp

Antwort auf Micha Brumlik

Antisemitismus: Alle Beteiligten sollten rhetorisch abrüsten

  • vonMeron Mendel
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Auch mit besten Motiven kann man Fehler machen – und sie gehen unter, wenn mit Zuspitzungen Aufmerksamkeit erzeugt werden soll. Eine Replik von Meron Mendel auf Micha Brumlik im Antisemitismus-Streit.

  • Über die Definition von Antisemitismus herrscht in Deutschland Uneinigkeit
  • Dass Antisemitismus bekämpft werden muss, darin sind sich viele einig
  • Meron Mendel antwortet auf ein FR-Interview mit Micha Brumlik

Es ist gut, dass über Antisemitismus in diesem Land gestritten wird. Und es ist gut, dass vor allem über seine Definition Uneinigkeit herrscht – denn dass er bekämpft werden muss, darüber sind sich alle einig, die sich am Streit um den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, beteiligen. Doch auch mit besten Motiven kann man Fehler begehen – und im Bedürfnis, mit immer neuen Zuspitzungen Aufmerksamkeit zu erzeugen, können diese Motive auch untergehen. So ist auch der offene Brief von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die zur Absetzung von Felix Klein aufrufen, sowie das Interview an dieser Stelle mit Micha Brumlik vom 3. August einzuordnen.

Gerade weil ich meinen Doktorvater und langjährigen Freund Micha Brumlik sehr schätze, fällt mir die Kritik schwer. Allerdings lernte ich gerade bei ihm, dass solche Debatten intellektuelle Aufrichtigkeit erfordern. In seinem Bemühen, zusammen mit den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen des offenen Briefs Klein unredliche Arbeit nachzuweisen, ja das bloße Thematisieren von israelbezogenem Antisemitismus als anrüchig darzustellen und dabei nichts weniger als einen „neuen Historikerstreit“ zu behaupten, sehe ich eine Tendenz zum Krawall verwirklicht, die diesem ernsten Thema nicht gut tut. Ärgerlich sind aber vor allem die vielen faktischen Fehler, die Brumlik im Zuge des Gesprächs unterlaufen.

Antisemitismus: Micha Brumlik trifft im Interview falsche Äußerungen

So behauptet er, die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) nenne „drei“ Kriterien für israelbezogenen Antisemitismus; insbesondere sei laut IHRA antisemitisch, wer dem Staat Israel etwas ankreide, das anderen Staaten nicht vorgeworfen wird. Die sieben Kriterien der IHRA sind viel eindeutiger, als von Brumlik suggeriert: die Beschuldigung jüdischer Bürger, loyaler zu Israel zu stehen als zu ihren Nationen; das Bestreiten des Selbstbestimmungsrechts des jüdischen Volkes, z. B. durch die Behauptung, der Staat Israel sei ein rassistisches Unterfangen; die Gleichsetzung gegenwärtiger israelischer Politik mit jener der Nazis usf.

Großzügig stellt Brumlik der gesamten Boycott, Divestment and Sanctions-Bewegung (BDS) einen Persilschein aus: „So weit ich mich mit den BDS-Beschlüssen vertraut gemacht habe, geht es dabei … ausschließlich um die besetzten Gebiete von 1967.“ Omar Barghouti zum Beispiel, Gründungsmitglied und einer der prominentesten BDS-Vertreter, schloss 2011 ausdrücklich aus, die BDS-Forderungen auf den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten zu reduzieren.

Auch die Fragen der sehr vertraulich auftretenden Interviewerin sind inhaltlich falsch. Bascha Mika beschreibt die Auswirkung des BDS-Beschlusses des Bundestags folgendermaßen: „Der Direktor des Jüdischen Museums in Berlin musste zurücktreten; Achille Mbembe, renommierter Postkolonialismus-Theoretiker, durfte die Ruhrtriennale nicht eröffnen; der Historiker Reiner Bernstein, der sich stets für eine friedliche Lösung im Nahost-Konflikt eingesetzt hat, wird als Antisemit diffamiert.“

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Alles falsch. Mbembe konnte die Ruhrtriennale nicht eröffnen, weil sie wegen Corona nicht stattfand; das Jüdische Museum hat eine lange Geschichte öffentlicher Fehlgriffe; Bernsteins privater Rechtsstreit hat mit dem BDS-Beschluss überhaupt nichts zu tun. Die Interviewerin legt jedoch nahe, dass alle diese Ereignisse einem geheimen Plan von BDS-Kritikern und -Kritikerinnen zugrunde liegen; ein Narrativ, das Brumlik aufgreift, wenn er von einer „tiefgreifende(n) Gegenbewegung“ raunt, „die auch öffentlich an Boden gewinnt.“

Dieses Raunen geht weiter, wenn ein eher unbekannter Publizist wie Arye Sharuz Shalicar von der Interviewerin als gruseliger Geheimagent gezeichnet wird: „Shalicar berät den Mossad, das ist kein Geheimnis. Gleichzeitig wird er bei seiner publizistischen Arbeit von der Bundesregierung unterstützt. Heißt das, der israelische Geheimdienst nimmt auf diesem Wege Einfluss auf die Debatte in der deutschen Öffentlichkeit?“

Im Ernst? Dann muss der Mossad schon ziemlich verzweifelt sein. Die Vorstellung, die Bundesregierung würde vom Mossad, Netanyahu oder vom israelischen Zauberer Uri Geller gesteuert, ist ja nichts Neues, erinnert sei an Jakob Augsteins legendäres Motto „Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.“ Brumlik lässt sich auf diese These ein und füttert sie wieder mit falschen Behauptungen, wonach der Bund eine Lesereise von Shalicar unterstützt habe.

Streitfrage Antisemitismus: „Komm mal wieder runter!“

Abgesehen von diesen Fehlern überrascht das Vokabular Brumliks: „Historikerstreit“, „ein neuer McCarthyismus“. Wenn wir in einem zweiten Historikerstreit sind, wie vor mehr als 30 Jahren zwischen Habermas und Nolte, frage ich mich, wer die Rolle von Habermas und die von Nolte hat. Mir kommt es eher so vor, dass gerade eine Generation verdienstvoller Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie Micha Brumlik, Aleida Assmann und Wolfgang Benz noch einen Akzent für die Geschichte setzen wollen. Und gibt’s ein besseres Vermächtnis, als sich selbst zur Schlüsselfigur eines Historikerstreits zu ernennen? Meine Oma pflegte in solchen Momenten zu sagen: „Meschugge, aoyf fun dach!“ (frei übersetzt: Komm mal wieder runter!)

Angesichts des dramatischen Tons überrascht in der Debatte immer wieder, wie relativierend gleichzeitig über Antisemitismus gesprochen wird – bei Rassismus würde man es nicht akzeptieren. Soeben hat Wolfgang Benz einen Sammelband herausgegeben, der nahezu alle prominenten Vorfällen der letzten Jahre als Dumme-Jungen-Streiche entschuldigt – Alltagsantisemitismus existiert in dieser Welt einfach nicht.

Thema Antisemitismus: Die rhetorische Aufrüstungsspirale verlassen

Wohlgemerkt: Auch viele BDS-Kritiker und -Kritikerinnen sollten in ihrer Sprache Mäßigung walten lassen. Dass jegliche Kontaktschuld immer sofort zu Ausladungen und Entlassungen führen muss, ist eine unheilvolle Tendenz, die BDS-Gegner und -Gegnerinnen wie Klein-Kritiker und -Kritikerinnen eint. Wenn Brumlik zu Recht die Anwendung von Kontaktschuld im Kontext von BDS beklagt, reproduziert er gleichzeitig diese Logik, wenn er eine Verbindung zwischen dem Mossad, Shalicar und Felix Klein insinuiert.

Ein uraltes Pessach-Lied, „Chad Gadja“, schildert, wie ein Lämmchen von einer Katze gefressen wird, die Katze wiederum von einem Hund, der Hund von einem Stock geschlagen wird usf., bis schließlich der Todesengel und Gott selbst eingreifen. Inhärent ist dem Lied eine Kritik jener Überbietungslogik, in der mit immer größeren Waffen auf immer kleinere Ziele geschossen wird. Es wäre schön, wenn wir uns diese Weisheit zu Herzen nehmen – und die rhetorische Aufrüstungsspirale endlich verlassen. (Meron Mendel)

Meron Mendel ist Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

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