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Die „Demo für alle“ im Kampf gegen Kinderrechte im Grundgesetz.

„Frau2000plus“

Was Antifeminismus mit Angst vor Kinderrechten zu tun hat

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Reaktionäre Eltern laufen Sturm: Autor Brosche über den Widerstand von Antifeministinnen um Birgit Kelle und „Demo für alle“ gegen Kinderrechte im Grundgesetz.

Herr Brosche, der antifeministische Verein „Frau2000plus“ hat in Berlin eine Veranstaltung zum Thema „Kinderrechte ins Grundgesetz“ beworben, die vom „Berliner Kreis“ organisiert wurde. Was steckt dahinter?

Wie seine Vorsitzende und Mitbegründerin, Birgit Kelle, vertritt der Verein „Frau2000plus“ rechtskatholische und evangelikale Einstellungen, also ein reaktionäres Frauenbild und eine antiliberale Sexualmoral. Er wendet sich mit Verve gegen jegliche Liberalisierung und rechtliche Gleichstellung von LGBT. Gleichzeitig werden die Themen der sexuellen Selbstbestimmung, der Abtreibung und die Genderwissenschaft mit unterkomplexer bis fanatischer Abwehr durchweg negativ und diffamierend abgehandelt. Die inhaltlichen und personellen Verbindungen zu gleichgearteten, teils auch internationalen Organisationen und zur Politik (zum Beispiel zur AfD oder der „Werteunion“) sind zahlreich. Die politisch-sozialen Stellungen von Frauen werden zumeist nur unter einer längst überholten und seit jeher unrealistischen Perspektive des Hausfrauendaseins und kitschverzerrter Mutterschaft diskutiert. Es entsteht der Eindruck, dass das Leben einer Frau nur als Mutter vollständig und glücklich gelingen könne. Unter diesem trügerischen Aspekt rücken natürlich auch Kinder ins Zentrum des Interesses.

Was sind konkrete Strategien?

Eine Strategie, die reaktionäre und neurechte Bewegungen gemein haben, ist das Verbreiten von Bedrohungsnarrativen. Die Vordenkerin, gleichsam die intellektuelle Übermutter des Rechtskatholizismus, Gabriele Kuby, hat in ihrer Kampfschrift, „Die globale sexuelle Revolution“ von 2012 Feminismus, Sexualaufklärung, Genderwissenschaft, Homosexualität etc. als globale Gefahr für die Familie und vor allem für Kinder beschrieben. Kuby predigt eine abenteuerliche Theorie: Sie behauptet, alle Entwicklungen, die zur individuellen Freiheit und zu den demokratischen Staatsmodellen führten, von der französischen Revolution bis zum Feminismus, würden im Kern einer Sexualität ohne Normen Vorschub leisten. Ziel sei eine staatliche Enthemmung und Sexualisierung, die schon bei den Kindern in der Kita ansetze und in den Schulen fortgeführt werde. Dadurch würden bewusst Kinder „beeinflusst“ und dem Einfluss der Eltern entzogen.

Erster Schultag 1947.

Was hat das mit den Kinderrechten im Grundgesetz zu tun?

Seit 1989 die UN-Kinderrechtskonvention erlassen wurde, die die Bundesrepublik ein Jahr später unterzeichnete, wird unter anderem von Unicef, dem Deutschen Kinderhilfswerk und dem Kinderschutzbund die Aufnahme spezieller Kinderrechte ins Grundgesetz gefordert. Angesichts von jährlich 150 Kindstötungen, zumeist durch die Eltern, und des unübersehbaren Ausmaßes von Missbrauch und Gewalt gegen Kinder, scheinen den Befürwortern speziell formulierte Kinderrechte dringend erforderlich. Die Gegner aber haben nur ein Argument: Kinderrechte schmälern die Rechte der Eltern. Sie glauben, sie vor der „sexuellen Verwahrlosung“ schützen zu müssen.

Birgit Kelle ist Vorsitzende von „Frau 2000plus“. Ihre ablehnende Haltung zu den Gender Studies ist bekannt. Wie passt das zur negativen Einstellung bezüglich der Kinderrechte?

Wolfgang Brosche ist Autor und Journalist. 

Kelles jüngstes Buch trägt den Titel „Muttertier“ – das sagt schon allerhand: Sie interpretiert die Rolle von Frauen und Müttern auf plumpe Weise biologistisch. Auch wenn sie darin ihren eigenen Alltag als „berufstätige Mutter“ beschreibt, resümiert sie ihr Selbst- und Frauenbild entlarvend als „Weibchen“ und definiert ein patriarchales Weiblichkeitsbild, das ohne den Blick auf den Mann nicht auskommt. Kinderrechte stehen hierzu gegensätzlich, da sie ein offenes, normfreies und vielfältiges Miteinander von Kindern, Frauen und Männern (und anderen Geschlechtern) ermöglichen. Familie soll ohne überkommene Rollenzuweisungen, ohne Angst vor Sexualität, aber auch ohne Abwertung einer anderen sozialen oder ethnischen Gruppe auskommen. Das steht natürlich im Gegensatz zu einer konservativ-normativen Erziehung.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Birgit Kelle und ihre Mitstreiter behaupten, dass die Eheöffnung oder die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare ein „No-Go“ sei. Hier bekämen Menschen „Privilegien“, die ihnen nicht zuständen, sondern nur normgerechten Familien. Wenn aber Kinder nach den Ideen der UN-Konvention und aufgrund von Vorschriften im Grundgesetz aufwachsen und erzogen werden, zwinge man die Eltern zu einer liberalen Lebenseinstellung, die im Grunde nicht zu akzeptieren ist. Tatsächlich fürchten solche Menschen um ihre eigenen Privilegien, die auch eine juristisch und gesetzlich-finanzielle Bevorzugung der heterosexuellen Normfamilie bedeutet.

Zur Person

Wolfgang Broscheist Autor und Journalist, unter anderem beim WDR und Deutschlandfunk und auf der Seitediekolumnisten.de, und porträtiert in seinem Buch „Panoptikum des Grauens“ Personen aus den verschwimmenden Bereichen zwischen Konservativen, Reaktionären und Neuer Rechten. Ein Kapitel ist auch Birgit Kelle gewidmet.

Das Buch:„Panoptikum des Grauens. Üble Zeitgenossen, Zombies und andere neue Rechte“. Erschienen in der Edition Critic, 199 S., 18 Euro.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die „Demo für Alle“?

Die „Demo für Alle“ gibt es seit 2014, zu den Frontfrauen zählte anfangs noch Beatrix von Storch; Kelle ist immer wieder Vortragende bei Veranstaltungen. Die aktuelle Führerin, Hedwig von Beverfoerde, malt zum Thema Kinderrechte nur Bilder in schwärzesten Farben. Denn ein Aufwachsen unter dem Schutz dieser Rechte bedeutet ja auch ein Leben in Vielfalt – und Vielfalt wird von diesen Leuten als Pflaster auf dem Weg in die Verderbnis angesehen. Aus deren Perspektive wird die Gesellschaft durch Feminismus, Gender Studies, die Gleichberechtigung verschiedener Sexualitäten und das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper bedroht. Der Hintergrund ist eine Sexualitätsfeindlichkeit, die, um es mit dem Schriftsteller Karl-Heinz Deschner zu sagen, die europäische Gesellschaft bis ins 19. Jahrhundert hinein im Würgegriff hatte. Man fürchtet also, dass die eigenen Kinder ohne Ängste oder Prüderie aufwachsen könnten.

Das klingt ja beinahe so, als hätten sie vor Kindern Angst ...

Genauso ist es – autoritäre und streng religiöse Eltern, die das Leben ihrer Kinder nur als Verlängerung des eigenen Lebens verstehen, können zwangsläufig nicht ertragen, wenn die Kinder anders werden als sie – deshalb muss es sie erschrecken, wenn es Gesetze gibt, die das ermöglichen. Alle Konflikte zwischen Eltern und Kindern beruhen ja immer auf kollidierenden Lebensentwürfen. Und mit dem Kampf gegen Kinderrechte glauben die Gegner, solche Konflikte verhindern zu können.

Haben diese Gruppen mit ihren Forderungen gesellschaftlichen Einfluss?

Und ja – es gibt einen negativen Einfluss dieser Gegnergruppen: Die „Demo“ nahm zum Beispiel Kontakt mit Kultusministerien in den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern auf, um Bildungspläne, die das Thema „Vielfalt in der Schule“ betrafen, zu kippen. Auch solche Podiumsdiskussionen sind ein Versuch der Einflussnahme.

Ein Argument der Gegner ist ja, dass es der Kinderrechte nicht bedarf, weil diese über die Menschenrechte mitdefiniert sind.

Die Forderung nach Menschenrechten wurden zum ersten Mal in der Französischen Revolution erhoben. Sie galten seit je für eine Welt der Erwachsenen, für Individuen mit „freiem Willen“. Die Kindheitsforschung hat nun gezeigt, dass Kinder aus vielen Gründen – zum Beispiel biologisch, psychologisch, sozial – die Welt anders wahrnehmen als Erwachsene, und sich auch anders zu ihr in Beziehung setzen. Allein schon diese Tatsache sollte klarmachen, dass die „Menschenrechte“ der Kinder speziell formuliert werden müssen.

Das Schlagen von Kindern ist schon gesetzlich verboten. Hat sich nicht schon einiges bewegt?

Ich könnte zynisch antworten: Auch die Vergewaltigung in der Ehe ist verboten ... Es werden längst nicht alle Kinder gewaltfrei erzogen. Selbst Papst Franziskus hält das „moderate Schlagen“ von Kindern für ein statthaftes Erziehungsmittel. Und der AfD-Abgeordnete Thomas Tillschneider verkündete im Landtag von Sachsen-Anhalt: „Wir müssen wieder zu einer Kultur des pädagogischen Strafens zurückfinden!“ Weitere Beispiele sind der prominente Kinderpsychiater Michael Winterhoff und der Pädagoge Bernhard Bueb (ehemaliger Leiter von Schloss Salem) mit ihren Publikationen „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ und „Lob der Disziplin“. Ein weiterer Erziehungstrend kommt aus den USA: „Harsh parenting“. Da geht es darum, Kinder mit körperlicher Züchtigung, Beleidigung und Abwertung zu besseren Leistungen in der Schule zu bringen oder „unerwünschtes Verhalten“ abzutrainieren. Es sind im Grunde die alten elterlichen Grausamkeiten.

Interview: Katja Thorwarth

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