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Anne Franks Versteck: Der Verrat und seine Folgen

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Von: Georg Leppert

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Anne Frank, Portrait ca. 1942.
Anne Frank, Portrait ca. 1942. © © epd-bild / Keystone

Der Frankfurter Wissenschaftler Meron Mendel über die neuen Erkenntnisse zu Anne Frank.

Wenn Meron Mendel mit Jugendlichen über das Leben von Anne Frank spricht, dann soll der in Israel geborene und in Frankfurt beheimatete Pädagoge oft zwei Fragen beantworten. Zum einen geht es darum, wie weit die Beziehung zwischen der Jüdin Anne Frank und dem ebenfalls im Haus an der Amsterdamer Prinsengracht untergetauchten Peter van Pels reichte. „Die jungen Leute wollen dann auch schon mal wissen, ob Anne und Peter Sex hatten“, erzählt Mendel. Zum anderen soll er sagen, wer Anne Frank und die weiteren sieben Jüdinnen und Juden in ihrem Versteck verraten hat.

Während Mendel, seit 2010 Direktor der Bildungsstätte Anne Frank im Frankfurter Westend, über die äußerst intimen Details des 1945 von den Nazis ermordeten Mädchens nur wenig weiß, kann er die Frage nach dem Hinweisgeber nun wohl mit etwas mehr Sicherheit beantworten. Ein Team aus überwiegend niederländischen Forscherinnen und Forschern stellte am Montag seine Theorie vor, nach der der Amsterdamer Notar Arnold van den Bergh die untergetauchten Familien den Nazis auslieferte. Bisher waren unter anderem ein Lagerarbeiter und eine Putzfrau verdächtig gewesen. Beweisen ließen sich die Anschuldigungen nie.

Das gilt auch für die Vorwürfe gegen van den Bergh. Der frühere FBI-Ermittler Vince Pankoke sprach von einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent, dass die Gestapo ihre Informationen von van den Bergh hatte. Wichtigstes Indiz ist ein anonymer Hinweis, den Annes Vater Otto Frank nach Kriegsende in seinem Briefkasten vorgefunden hatte. Otto Frank hatte als einziger der ausgelieferten Jüdinnen und Juden die Konzentrationslager überlebt und später das Tagebuch seiner Tochter veröffentlicht. Mit dem Zettel in seiner Post beschäftigte sich in den 60er Jahren auch die niederländische Polizei. Ohne Ergebnis.

Arnold van den Bergh war Jude. So könnten nun die Diskussionen über die Rolle von jüdischen Kollaborateuren in der NS-Zeit wieder neu geführt werden, sagt Mendel. Van den Bergh war Mitglied im sogenannten Judenrat, der auf Befehl der Nationalsozialisten auch in Amsterdam gegründet worden war. Das Gremium wusste von vielen Verstecken – auch von dem in der Prinsengracht 263. Van den Bergh, so legen es die Ermittlungen nahe, führte darüber Listen.

Als Mitglied des Judenrats, der zudem als Notar Beziehungen zu den Nazis hatten, fühlte sich van den Bergh lange Zeit einigermaßen sicher. Das änderte sich im Sommer 1944. Um seine Familie und sich zu schützen – so legen es jedenfalls die Rechercheergebnisse nahe – gab er die Adressen der Verstecke an die deutschen Besatzer. Am 4. August 1944 stürmte die Gestapo das Hinterhaus, in dem sich die Gruppe um Anne Frank seit mehr als zwei Jahren versteckt hatte. Während sich Annes Spur im Konzentrationslager Bergen-Belsen verliert, überlebte van den Bergh den Holocaust. Er starb 1950.

Historiker üben Kritik

Meron Mendel, der an der University of Applied Sciences in Frankfurt lehrt, ist selbst Wissenschaftler und weiß derartige Forschungsergebnisse sehr gut zu bewerten. Das Buch „Der Verrat an Anne Frank“, das diese Woche in den Niederlanden erschienen ist, hat er noch nicht gelesen, und so stellt Mendel klar: „Ich bin sehr vorsichtig mit einer endgültigen Einschätzung.“

Nicht nur Mendel ist zurückhaltend. Inzwischen haben mehrere Historiker Kritik an der Untersuchung geübt. Die Beweislage sei dünn, sagte etwa der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im NRC Handelsblad. Es gebe keine Beweise, dass der Jüdische Rat damals Listen mit Verstecken von Juden aufgestellt hatte. Der Notar sei bereits selbst im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht.

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