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Carolin Emcke, hier 2016 als Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.
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Carolin Emcke, hier 2016 als Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Populismus

Anfeindungen gegen Carolin Emcke: Der neue deutsche Katechismus

  • VonAleida Assmann
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Angesichts der Vorwürfe gegen Carolin Emcke stellt sich die Frage: Ist Denken noch erlaubt?

In ihrer engagierten Rede beim Parteitag der Grünen hat sich Carolin Emcke das Verhältnis zwischen Demokratie und Wahrheit vorgenommen. Wie es ihre Art ist, hat sie ihre Sorge über Populismus, Ressentiments und Wissenschaftsfeindlichkeit ebenso dringlich wie reflektiert zum Ausdruck gebracht. Das hat nun auch ihr einen Antisemitismusvorwurf eingebracht. Dieser Vorwurf ist ungeheuerlich und das schlimmste Stigma, das für ernsthafte Deutsche denkbar ist. Gleichwohl wird diese Ächtung reflexhaft ausgesprochen und von der Springer-Presse inzwischen serienmäßig vergeben. Dabei trifft sie inzwischen immer öfter genau die, die ihre Arbeit und ihr Denken der Bekämpfung von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit widmen. Die Autorin, Journalistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke hat sich den Antisemitismusvorwurf eingehandelt, weil sie in einem Argument auch auf Juden Bezug nimmt, womit sie umgehend ins Kreuzfeuer vernichtender Attacken geraten ist. Was ist da genau geschehen?

In den Augen von Carolin Emcke ist die Beziehung zwischen Wahrheit und Demokratie durch ein Denk- und Argumentationsmuster besonders gefährdet, das in Varianten regelmäßig wiederkehrt. Es hat ein großes Mobilisierungspotenzial, für das unzufriedene Bevölkerungsgruppen besonders anfällig sind. Dieses Muster hat sie uns noch einmal vor Augen geführt, und zwar in Kurzform. Dieses Argument wird noch klarer, wenn man es in der expliziten Langform auseinanderfaltet.

Dann klingt es folgendermaßen: Für all ihr Unglück und ihre Unzufriedenheit haben die Verschwörungstheoretiker die Juden und Kosmopoliten als Urheber verantwortlich gemacht und sie als „Elite“ und verschworene Mächte des Bösen verächtlich gemacht. Hinter diesem Impuls stecken die sogenannten Protokolle der Weisen von Zion als Urform der Verschwörungstheorien und Grundmuster dieser Protestform.

Für eine Welt, in der sie nicht mehr uneingeschränkt herrschen und bestimmen dürfen, haben weiße Männer, die sich in ihrer Hoheit und Freiheit eingeschränkt fühlen, die Feministinnen verantwortlich gemacht, die sie als eine verschworene „Elite“ verunglimpften.

Dämonisierung der „Eliten“

Für alle Einschränkungen ihrer Lebensqualität in Zeiten der Pandemie haben empörte und wütende „Querdenker“ die Virologen verantwortlich gemacht, deren Diktatur sie ausgesetzt sind und die sie als eine verschworene „Elite“ bekämpfen.

Für eine Welt, so fährt Emcke fort, in der Menschen mit immer stärkeren Einschränkungen in ihrer Lebensweise und Wirtschaftsform rechnen müssen, um die Klimaerwärmung zu reduzieren und die rasant fortschreitende Zerstörung des Planeten aufzuhalten, wird die nächste Gruppe die der Klimaforscherinnen und Klimaforscher sein, die als „Elite“ dämonisiert wird und gegen deren Forschung man sich zur Wehr setzt.

Emckes Pointe ist glasklar: Es gibt ein Muster der Argumentation, von dem wir inzwischen eine reichliche Anschauung haben – über unterschiedliche historische Kontexte hinweg. Die Kontexte ändern sich, die Adressaten der Empörung ändern sich, aber das Muster der Bedrohung und Diffamierung bleibt dasselbe. Menschen, die nicht gewillt sind, gewisse soziale, kulturelle, politische und ökologische Veränderungen anzunehmen oder Bedrohungen anzuerkennen (wie Globalisierungseffekte, Einschränkung des Patriarchats, Sicherheitsmaßnahmen in der Pandemie oder Vorkehrungen gegen Klimawandel) tun das immer wieder mit demselben Argument. Sie werden weiterhin „die da oben“ als eine „Elite“ denunzieren, die es auf die Kleinen und Wehrlosen abgesehen hat und mutwillig deren Sicherheit und Lebensglück zerstört.

Die wirksamste Methode, gegen dieses toxische Argument anzukämpfen, besteht darin, seine Struktur und Logik als variables Muster durchsichtig zu machen, das in ganz unterschiedlichen Kontexten Emotionen aufruft und politisch einsetzt. Die Konstante in diesem Muster ist die Diffamierung von Eliten durch pauschale Verallgemeinerungen. Wenn sich das Muster gegen Juden als Kosmopoliten richtet, ist die Verschwörungstheorie judenfeindlich und damit antisemitisch; wenn sie sich gegen Feministinnen richtet, ist sie frauenfeindlich; wenn sie sich gegen Virologen richtet, ist sie wissenschaftsfeindlich, und dasselbe ist der Fall, wenn sie sich gegen Klimaforscherinnen richtet.

Was genau hat Carolin Emcke denn nun den Antisemitismusvorwurf eingebracht? Mir muss man jetzt bitte mal genauer erklären, auf welchem Wege ihre Offenlegung dieses platten Argumentationsmusters Juden demütigt und den Holocaust relativiert. Weil sie uns daran erinnert hat, dass die Juden die ersten Adressaten dieses Argumentationsmusters waren? Oder weil sie die Juden in eine Verbindung mit anderen Adressatengruppen gebracht hat? Die Lehre, die daraus zu ziehen wäre, ist bizarr. Der neue deutsche Katechismus verbietet offenbar, beim Sprechen über Juden auch andere Gruppen und Themen einzubeziehen. Eigentlich gilt nämlich genau das als antisemitisch: beim Reden über Juden dieser Gruppe eine absolute Sonderrolle zuzuweisen und alle Aussagen über sie auf festgelegte Assoziationen und Stereotypen einzuschränken.

Aleida Assmann veröffentlichte Bücher zur deutschen Vergangenheit und Gedächtniskultur. Gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann erhielt sie 2018 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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