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„Die besondere Situation der Service Class wird gegenwärtig sehr deutlich, ihre Tätigkeiten sind sehr krisensensibel“, erklärt Andreas Reckwitz.
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„Die besondere Situation der Service Class wird gegenwärtig sehr deutlich, ihre Tätigkeiten sind sehr krisensensibel“, erklärt Andreas Reckwitz.

Corona-Krise

Andreas Reckwitz: „Die Erwartungen an den Staat haben sich wieder intensiviert“

  • vonMichael Hesse
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Der Soziologe Andreas Reckwitz über die Corona-Krise, die bereits Vorhandenes verdeutlichte, über die Verbreitung von Systemmisstrauen und über den Irrtum, Pandemie betreffe alle Menschen gleichermaßen.

Professor Reckwitz, können Sie in dieser Zeit des durch die Corona-Pandemie bedingten Stillstandes besonders gut erkennen, wie die Gesellschaft tickt?

Man erkennt die Strukturen deutlicher, die man in der spätmodernen Gesellschaft schon vorgefunden hatte und die sich nun noch einmal verstärken. Am Anfang der Coronakrise gab es sehr schnell den Diskurs nach dem Motto des „alles wird ganz anders“. Kurzfristig war es ja auch so. Dann hieß es mit Betonung auf der Zukunft, „alles wird ganz anders werden“. Das hatte mitunter den Unterton, dass auch alles anders werden sollte. Größtenteils war dies wohl „wishful thinking“, übrigens auch in der medialen Berichterstattung. Als würde man sich nun auf das Wesentliche besinnen, jetzt komme der große Bruch, alles würde nachhaltiger und konzentrierter werden.

Und wird es zum großen Bruch kommen?

Aus soziologischer Perspektive bin ich da skeptisch. Ich würde eher sagen, bestimmte Strukturen, die es zuvor bereits gab, intensivieren sich und werden deutlicher sichtbar. Bestes Beispiel ist natürlich die Sozialstruktur der spätmodernen Gesellschaft. Die große Diskrepanz besteht in der postindustriellen Gesellschaft zwischen der neuen Mittelklasse in der Wissensökonomie und der neuen Service Class mit den einfachen Dienstleistungen. Beide haben in der jetzigen Krise auch eine mediale Sichtbarkeit bekommen.

Werden die Abgrenzungen zwischen der neuen Mittelklasse und der Unterschicht nach der Coronakrise noch klarer sichtbar werden?

Diese Aufspreizung zwischen Wissensökonomie, also Knowledge-Workern, einerseits und einfachen Dienstleistungen andererseits, ist Teil einer Entwicklungstendenz, die es seit den 1980er Jahren gibt. Ich würde vermuten, dass sich dieser Gegensatz noch weiter verstärkt. Die traditionellen Mittelklasse-Berufe etwa aus dem industriellen Bereich oder klassische Bürotätigkeiten geraten dagegen durch die Digitalisierung zunehmend unter Druck. Dieses Segment dürfte künftig kleiner werden. Die besondere Situation der Service Class wird gegenwärtig sehr deutlich: Die einfachen Dienstleistungen sind einerseits gesellschaftlich notwendig – die Gesellschaft hängt von den Pflegeberufen bis hin zu den sich zu einer Boombranche entwickelnden Lieferdiensten ab -, auf der anderen Seite sind es Tätigkeiten, die sehr schnell wegfallen können, die sehr krisensensibel sind, etwa in der Gastronomie oder im Tourismus. Die starke Vulnerabilität ist zurzeit sehr deutlich, und zugleich sind es Tätigkeiten, die – obwohl so notwendig – bisher nur eine geringe gesellschaftliche Wertschätzung erfahren haben.

Wir sehen nun, dass dieser Moment der Gleichbetroffenheit doch nur recht kurz war.

Andreas Reckwitz

Das klingt nach Parallelgesellschaften.

Es sind sehr unterschiedliche Lebenswelten. Auch die subjektive Erfahrung der Coronakrise ist in den Segmenten sehr gegensätzlich. In der neuen Mittelklasse, das heißt vor allem unter Akademikerinnen und Akademikern, wird teilweise über Entschleunigung gesprochen, in dem Sinne, dass man sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren könne. Einige sagen, durch die Krise ginge es ihnen eher noch besser, da nun bestimmte lästige Dinge wegfielen wie Dienstreisen und sie sich die Frage stellen könnten, was überhaupt wichtig für ihr Leben sei. In diesem Segment haben gewisse Reflexionsprozesse über Lebenssinn und Lebensausrichtung eingesetzt.

Und wie sieht es dagegen in der Unterklasse aus?

Andreas Reckwitz.

Da bleibt das muddeling through, das Durchwursteln, Sich-Durchbeißen die Lebenshaltung. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern das sehen wir in allen westlichen Gesellschaften, eigentlich auch auf globaler Ebene. Stand am Anfang der Coronakrise die gemeinsame Erfahrung, der Glaube, es betreffe alle gleich, da man wie eine Art Weltgesellschaft mit dem Virus konfrontiert sei, so sehen wir nun, dass dieser Moment der Gleichbetroffenheit doch nur recht kurz war: Von der Krise mag jeder betroffen sein, aber je nach sozialem Background in sehr unterschiedlicher Weise.

Zeigt sich das nicht besonders in der Bildungspolitik?

Auch hier gilt, dass die Trennlinien nicht nur sichtbarer geworden sind, sondern sich eher sogar verschärfen. Kinder aus der neuen Mittelklasse, die meist auf Gymnasien gehen, werden auch von ihren Eltern weiter gefördert. Die Akademiker-Eltern betreiben intensives Homeschooling. Diese Kinder haben also weiterhin einen Lernprozess. Ihnen schadet das eine Jahr Schulausfall wohl nicht so stark. Auf der anderen Seite stehen die Schülerinnen und Schüler, die auf Brennpunktschulen gehen, die Förderung durch Schule und Elternhaus ist hier sehr viel schwieriger. Es ist zu befürchten, dass sie in der Coronakrise weiter zurückfallen, so dass sich die Bildungsdifferenz eher verschärft.

Es gibt die Phänomene der zahlreichen Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung, auf denen sich die verschiedensten Gruppen versammeln. Teile der Unterklasse, das rechte Milieu, aber auch Leute, die man eher im linken politischen Spektrum verordnen würde. Wie passt das zusammen?

Zur Person

Andreas Reckwitz , geboren 1970, ist Soziologe und Kulturwissenschaftler. An der Berliner Humboldt-Universität ist er Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie. 2019 wurde er als „einer der originellsten Gesellschaftsdiagnostiker“ mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet, der mit 2,5 Millionen Euro dotiert ist.

Zuletzt erschien von ihm: „Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“ (Suhrkamp, 2019).

Nach der Untersuchung des Kollegen Oliver Nachtwey aus Basel nahmen überraschenderweise eine ganze Reihe von Leuten an den Demonstrationen teil, die hohe Bildungsabschlüsse haben. Es bleibt abzuwarten, ob das in dieser Ausprägung ein besonderes Phänomen des deutschsprachigen Raums ist. Unabhängig davon gilt: Schon vor der Krise gab es einen beträchtlichen Teil in der Gesellschaft, der von Systemmisstrauen geprägt gewesen ist, neben dem großen Teil jener, die ein Systemvertrauen besitzen. In diesem Segment bedeutet Systemmisstrauen alles, ein Misstrauen in die Funktionseliten, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien. Das gab es zuvor auch und wurde insbesondere durch den Rechtspopulismus bedient. Das erkenne ich jetzt wieder. Möglich ist, dass in der Coronakrise durch die sehr ungewohnten Maßnahmen des Staates, der in private Lebenswelten eingreift, sich auch bei Individuen, die bisher nicht durch Systemmisstrauen aufgefallen sind, ein solches themenspezifisch herauszukristallisieren beginnt.

Das Misstrauen greift in weitere Gesellschaftsbereiche über?

Das wissen wir noch nicht. Aber in einer Krisensituation wie Corona könnten die Karten neu gemischt werden, könnte bei manchen bisher eher Unpolitischen ein grundsätzlicher Vertrauensverlust einsetzen. Dann ist man unzufrieden mit der aktuellen Coronapolitik, beginnt bestimmte Internetseiten zu lesen, bestimmte Informationen aufzubauen, sich in eine Partial-Öffentlichkeit hineinzubegeben, die sich selbst verstärkt und die sich dann in wenigen Wochen oder Monaten digital radikalisiert. Es ist noch kein festes Milieu, aber es könnte an das bisherige Systemmisstrauen andocken, dass wir bei den Rechten finden, das wird ja auch in der Untersuchung von Nachtwey deutlich. Im Moment scheint es eher noch eine Schwarmbewegung zu sein.

Eine interessante Verschiebung deutet sich an: Der Staat wird einerseits aktiver und gleichzeitig beschränkt er sich auf eine Schutzfunktion. 

Andreas Reckwitz

Der Staat ist wieder im Fürsorgemodus gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. Ein Vorteil?

Der Staat hat eine Steuerungsfunktion bekommen, die er sich vorher jahrzehntelang abgewöhnt hatte. Und teilweise ist er nicht besonders gut darin. Der Rückzug des Staates ist etwas, was bereits seit der Finanzkrise in die Kritik geraten ist. Seitdem musste er aktiver werden, ein prägnantes Beispiel war die Bankenrettung. Die Frage stellte sich danach, ob es nicht auch generell nötig ist, dass Staatlichkeit aktiver und regulierender auftritt, etwa wenn es um soziale Ungleichheit oder digitale Aggressivität geht. Die Erwartungen an den Staat haben sich in den letzten Jahren wieder intensiviert: Gerade die hyperdynamische und globalisierte Gesellschaft bedarf offenbar doch stärker öffentlicher Funktionen, zum Beispiel im Gesundheitswesen oder im Katastrophenschutz oder in der Bildung, in den Schulen, usw. Die Kritik an der rein neoliberalen Politik, die auf Markt und Wettbewerb setzt, wird mittlerweile von vielen geteilt.

Da das Bedürfnis da ist, könnte die staatliche Rolle so bleiben.

Die Frage ist, wie Staatlichkeit künftig definiert wird, auch etwa im Zusammenhang mit der Klimakrise, die uns in Zukunft sehr beschäftigen wird. Man kann eine interessante Verschiebung vermuten, die sich auch jetzt in der Corona-Krise andeutet: der Staat wird einerseits aktiver und gleichzeitig beschränkt er sich auf eine Schutzfunktion. Er ist nicht mehr so aktiv wie der klassische Wohlfahrtsstaat, wo es um mehr Gleichheit oder mehr Freiheit geht. Es geht eher um Risikomanagement, Prävention und Resilienz. Es ist also eine aktivere Rolle, aber auch eine defensivere Staatlichkeit, in der es vor allem darum geht, Risiken zu minimieren. Natürlich kann man sich fragen, ob das ausreicht.

Der Begriff der Nation wird gerade diskutiert, um wieder mehr Gruppen unter einen Hut zu bekommen. Aleida Assmann hat es hier in einem Buch vorgetragen, in den USA die Historikerin Jill Lepore. Taugt das Modell?

Die Diskussion ist interessant. Der Begriff der Nation schien ja eine Zeit lang für viele überholt zu sein, in Deutschland ohnehin. Die Frage, die Assmann und Lepore aufwerfen, ist aber, ob der Nationalstaat in mancher Hinsicht nicht sogar ein überraschend zeitgemäßes Modell sein kann, insbesondere wenn er sich mit globaler Kooperation verbindet. Nation heißt ja nicht Nationalismus. Terry Eagleton hatte vor Jahren einmal darauf hingewiesen, dass der Nationalstaat eine Art Doppel von Allgemeinen und Besonderen darstellt und dadurch spezifisch modern ist. Der Nationalstaat erhebt ja – jedenfalls wenn er republikanisch, nicht völkisch-ethnisch ausgerichtet ist – den Anspruch, die Allgemeinheit aller Staatsbürger zu adressieren, unabhängig von der Herkunft oder Klasse. Nach innen ist er also sozial inklusiv. Gleichzeitig hat die Nation aber auch kulturell etwas Besonderes, Singuläres; jede Nation ist anders, sie hat etwa ihre eigene Geschichte. Diese Singularität liefert einen Identifikationsort für eine kollektive Identität, selbst wenn es eine schwierige und gebrochene Geschichte ist. Das Allgemeine und das Besondere kommen in dem Nationsbegriff also zusammen. Ich verstehe es so, dass Lepore und Assmann einen republikanischen Nationsbegriff vertreten, also die Idee einer multi-ethnischen Nation. Das läuft einem völkischen Nationsbegriff entgegen, wie man ihn aus der deutschen Geschichte lange kannte.

Aber ist dieses Konzept nicht schon deshalb weniger integrierend als erhofft, weil es aus dem liberalen Milieu entstammt? Lassen sich die Gräben so überbrücken?

Wenn der Nationsbegriff nun aus dem liberalen Milieu stark gemacht wird, ist das in jedem Fall eine interessante Entwicklung, man hätte ihn ja eher im konservativen oder gar rechten Milieu vermutet. Ich denke aber, dass auf der liberalen Seite einiges in Bewegung geraten ist, auch was die Kritik an den neuen Klassenverhältnisse und an der Erosion ziviler Normen des Zusammenlebens angeht. Ob der Begriff der Nation da tatsächlich eine neue Integrationsformel darstellen kann, bleibt sicher abzuwarten.

Interview: Michael Hesse

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