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Rückkehr ins Ungewisse im November 2020: Flüchtlinge aus Berg-Karabach warten in Eriwan auf einen Bus, der sie nach Stepanakert bringen soll.
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Rückkehr ins Ungewisse im November 2020: Flüchtlinge aus Berg-Karabach warten in Eriwan auf einen Bus, der sie nach Stepanakert bringen soll.

Flucht

„Heimat ist nur ein Unwort für Menschen, die nie die Heimat verloren haben“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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Es gibt eine Weltgeschichte der Heimatlosigkeit und erzwungenen Wanderschaft. Bascha Mika im Gespräch mit dem Sachbuchpreisträger Andreas Kossert über das Menschheitsdrama Flucht und Vertreibung.

Herr Kossert, es ist Weihnachten, lassen Sie uns also über die Bibel reden. Der Theologe J.H. Claussen behauptet, sie sei ein Buch von Flüchtlingen für Flüchtlinge...

Da hat er recht. Vor allem das Alte Testament ist eine Geschichte von Deportation, Vertreibung, Exil, der Erinnerung an die verlorene Heimat und der Sehnsucht danach. Es geht etwa um die Hoffnung, aus der babylonischen Gefangenschaft in das gelobte Land Zion zurückzukehren.

In den Weihnachtserzählungen wird die Flucht von Maria, Josef und dem kleinen Jesus nach Ägypten beschrieben, weil König Herodes alle Erstgeborenen töten lassen wollte. Flucht als roter Faden auch im Neuen Testament?

Auf jeden Fall, so ist es im Matthäus-Evangelium nachzulesen. Und die zweite große Geschichte von Vertreibung und Exil ist die Verfolgung der ersten Christen. Sie leben in der Zerstreuung, müssen sich verstecken, werden verfolgt, müssen weiterziehen. Auch dort begegnet uns das Thema immer wieder.

„Sesshafte und Geflüchtete leben in Paralleluniversen. Im Augenblick der Flucht hat alles aufgehört bedeutsam zu sein, was gestern noch galt.“

Andreas Kossert, Historiker und Autor

Es gibt eine Weltgeschichte der Heimatlosigkeit. Wie weit reicht sie zurück?

In den Überlieferungen der Menschheit spielt dieses Thema stets eine Rolle. Viele Fluchterfahrungen sind jedoch in der Geschichte versunken, die kennen wir nicht mehr. Aber erzwungene Wanderschaft hat es immer gegeben. In der Vormoderne betraf es vor allem religiöse Minderheiten, in der Moderne taucht dann die Idee der ethnischen Homogenität auf. Wer dazu gehören soll und wer ausgeschlossen wird, folgt bis heute ethno-religiösen Mustern, die auf erschreckende Art zeitlos geblieben sind. Denken Sie nur an die Kurden und Jesiden. Oder an Berg-Karabach; dort sehen wir unter den Augen der Weltöffentlichkeit, wie eine ethnisch motivierte Vertreibung im 21. Jahrhundert stattfindet.

Gab es je eine Zeit, in der Menschen nicht auf der Flucht waren oder vertrieben wurden?

Das hat nie aufgehört. Auslöser sind in der Regel Ausgrenzung, Hass, Gewalt und natürlich Krieg. Menschen werden vertrieben, weil sie im Weg sind, stören und dabei um ihr Leben fürchten müssen. Die Frage ist, ob die Flucht dauerhaft ist, oder ob es eine Hoffnung auf Rückkehr gibt. In den meisten Fällen ist das unmöglich.

„Der Geflüchtete ist eine eigene Kategorie Mensch“, sagt der Schriftsteller Ilija Trojanow. Was für eine Kategorie ist das?

Der Flüchtling hat eine existentielle Zäsur erfahren – den erzwungenen Heimatverlust. Diese Zäsur ist für sesshafte Gesellschaften überhaupt nicht nachvollziehbar, Sesshafte und Geflüchtete leben in Paralleluniversen. Im Augenblick der Flucht hat alles aufgehört bedeutsam zu sein, was gestern noch galt. Der soziale Status, die Sprache, Familie, Besitz, Beruf... alles wird vollständig irrelevant. Dazu kommt die Ungewissheit. Sie begleitet Flüchtlinge auf ihrem Weg und verschwindet nicht, wenn sie angekommen sind.

Der Begriff „Flüchtling“ wird inzwischen häufig durch „Geflüchtete“ ersetzt. Sie finden das falsch. Warum?

Ich verstehe, warum man den Ausdruck „Flüchtling“ kritisch sieht. Aber für eine historische Perspektive aus der Sicht der Betroffenen, wie ich sie vornehme, ist der Ausdruck „Geflüchtete“ nicht präzise genug, zu unscharf. Da lese ich in einer Zeitung von den „Geflüchteten auf Lesbos“. Das ist einfach falsch, diese Menschen sind noch immer auf der Flucht. Wie können sie dann Geflüchtete sein? Die Flucht dauert für viele auch nach dem physischen Ankommen an. Können wir Menschen, die wie im Libanon oder Ostafrika in dritter Generation in Flüchtlingslagern leben, einfach als Geflüchtete bezeichnen und ihr prekäres Leben wegdefinieren?

Oft werden Flüchtlinge als anonyme Masse beschrieben, oder als bedrohliche Welle und Flut...

...deswegen erzähle ich in meinem Buch die einzelnen Schicksale konsequent aus der Perspektive der Flüchtlinge und Vertriebenen. Ich will die Ungeheuerlichkeit dieser Zäsur und der damit verbundenen Erlebnisse für die Einzelnen ins Zentrum rücken und ihre Geschichten damit der Anonymität entreißen.

Gibt es dennoch etwas wie kollektive Flüchtlingserfahrungen?

Trotz unterschiedlicher Epochen, Ursachen, Kontexte gibt es tatsächlich Erfahrungen, die Flüchtlinge und Vertriebene über alle Zeiten hinweg verbindet. Sie alle kennen den erzwungenen Abschied von der Heimat, meistens für immer, inmitten von Gewalt und Krieg. Die Ungewissheit des Weges, die Unsicherheit über das Ziel der Flucht und was danach kommt. Ausgrenzung und Feindschaft? Integration, Assimilierung oder das permanente Exil? Diese Fragen beschäftigen alle... und natürlich auch die Erinnerung an das Verlorene.

„Sie gehen ja nicht hinaus in die Welt, um ein besseres Leben zu suchen, das ist etwas völlig anderes. Sie werden hinausgestoßen und schließlich auf die Rolle von Bittstellern und Abhängigen reduziert.“

Andreas Kossert über Geflüchtete

Wie wirksam sind diese Erinnerungen?

Es gibt in Familien mit Fluchterfahrung häufig eine Verluststelle, die sie erinnern und betrauern. Für Armenier zum Beispiel hat Vertreibung und Völkermord bis heute eine ganz existentielle Bedeutung – obwohl es längst keine Zeitzeugen des Genozids von 1915 mehr gibt. Doch der radikale Bruch, der das Leben in ein davor und danach einteilt, ist noch nach Generationen lebendig.

Auch die Angst?

Am Anfang steht meist Todesangst, die Menschen überhaupt fliehen lässt. Dann folgen Hunger, Gewalt, Erschöpfung. Mit der Angst einher geht immer auch die quälende Ungewissheit. Flüchtlinge werden in eine transitorische Existenz gezwungen. Sie gehen ja nicht hinaus in die Welt, um ein besseres Leben zu suchen, das ist etwas völlig anderes. Sie werden hinausgestoßen und schließlich auf die Rolle von Bittstellern und Abhängigen reduziert.

Sie haben unendlich viele Berichte von Betroffenen gesammelt. Ein Schicksal ist erschütternder als das andere, überall Trauer und Hoffnungslosigkeit. Wie halten Sie es aus, sich seit Jahrzehnten mit diesen Geschichten zu beschäftigen?

Gott sei Dank bin ich als Historiker nicht monothematisch aufgestellt, sondern interessiere mich auch für andere Fragestellungen. Aber tatsächlich sind das Herausforderungen, die auch ich verarbeiten muss. Belletristik und Lyrik waren dabei stets hilfreich, die ich auch als Quellen in meiner Erzählung verwende. Die literarische Verarbeitung des Themas ist häufig biographisch geprägt, aber dennoch bereits eine Reflexionsstufe und dadurch distanzierter. Die Geschichte ist schon einmal von einem Menschen verarbeitet worden – das macht es mir leichter.

Zur Person

Andreas Kossert, geboren 1970, studierte Geschichte, Slawistik und Politik. Der promovierte Historiker arbeitete am Deutschen Historischen Institut in Warschau und lebt seit 2010 als Historiker und Autor in Berlin. Auf seine historischen Darstellungen Masurens (2001) und Ostpreußens (2005) erhielt er begeisterte Reaktionen. Zuletzt erschienen von ihm der Bestseller „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (2008) sowie „Ostpreußen. Geschichte einer historischen Landschaft“ (2014). Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen.

„Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ heißt sein im Herbst bei Siedler erschienenes Buch, 432 Seiten, 25 Euro, mit dem Kossert den NDR Sachbuchpreis gewonnen hat.

Aber von wissenschaftlicher Beschreibung kann da nicht die Rede sein.

...dennoch hat mir die Literatur die Möglichkeit gegeben zu überprüfen, ob ich in meinen Befunden richtig liege. Flucht und Heimatverlust sind große Themen der Weltliteratur. Und in meinem Buch versuche ich ja zu beschreiben, was man empirisch kaum fassen kann. Was bedeutet Trauer, was bedeutet Heimweh? Wie soll ich als Historiker Heimweh empirisch belegen? Da hilft die Literatur, sie ist ein Seismograph für jene Zwischentöne. Christa Wolf schreibt in Kindheitsmuster: „Heimweh, was ein überaus triftiger Vorwand ist, um daran zu sterben.“

Was so in keinem medizinischen Lehrbuch steht.

Nein, aber es beschreibt die Gebrochenheit von Menschen, nach der Flucht mit dem Verlust umzugehen. Und dass man daran zerbrechen und nicht mehr auf von vorn anfangen kann – auch wenn man medizinisch gesehen an einer anderen Krankheit stirbt. Diese emotionalen Zwischenräume kann die Literatur zum Ausdruck bringen: Trauer, Heimweh, Ängste, Verlust.

Es gibt auch in der Literatur universelle Fluchterfahrungen?

Wenn ein indischer Autor seine Flucht ganz ähnlich beschreibt wie ein französisch-armenischer oder polnischer – dann sieht man deutlich, dass es auch in den literarischen Erzählungen eine Klammer gibt. Wenn sie Orte und Kontexte weglassen würden, wüssten Sie oft gar nicht, wo auf der Welt sie gerade unterwegs sind.

Haben Sie eigene familiäre Fluchterfahrungen?

Meine Familie stammt aus Masuren, mein Urgroßvater ging mit über 70 Jahren auf die Flucht. Ich habe über Jahrzehnte sein Notizbuch aufbewahrt , aber bis zum aktuellen Buch nie daran gedacht, dass die Flucht meines Urgroßvaters auch ein Fragment dieser großen Menschheitsgeschichte ist, die ich erzählen will.

Frauen, die vertrieben werden oder fliehen müssen, machen besonders traumatische Erfahrungen. Sie werden oft mehrfach zum Opfer.

Fluchtgeschichten sind von Frauen-Schicksalen geprägt. Ihre Stimmen sind die stärksten bei den Erfahrungsberichten. Männer sind im Krieg, in Kampfhandlungen verwickelt. Frauen sind dem Gewaltgeschehen meist anders und unmittelbarer ausgesetzt. Die Umstände zwingen sie, Akteurinnen bei der Flucht zu sein. Sie müssen in dieser furchtbaren Lage den Kopf behalten, sie müssen sich um die Familienmitglieder kümmern, um Kinder und alte Menschen. Gleichzeitig sind sie selbst ständig in Gefahr, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Fluchtgeschichten tragen ein weibliches Gesicht.

Die Diskriminierung von Frauen setzt sich in besonderer Weise fort?

Auf jeden Fall! Sie setzt sich nicht nur fort, sondern potenziert sich. Und das hört mit dem Ankommen nicht auf. Schauen Sie sich nur die deutsche Nachkriegsgeschichte an. Männer waren ja kaum existent, in Kriegsgefangenschaft oder gefallen. Die Frauen mussten sich nach dem Weg und der Gewalt auf der Flucht den unfassbaren Herausforderungen am Ankunftsort stellen. Zwangseinquartiert leben, die Familie ernähren, Diskriminierungen aushalten.

Nach Ende des Krieges hätten viele Alteingesessene die Ostflüchtlinge am liebsten zum Teufel geschickt. Welchen Makel haben Flüchtlinge in den Augen der anderen?

Kaum einer flüchtet mit einem 1.-Klasse-Ticket und Designerkoffern. Diese Menschen kommen erschöpft und manchmal halb verhungert an. Sie sind in einer prekären Situation und treten oft in größerer Zahl auf. Die Fremdheit, die sie ausstrahlen, löst sofort Urängste bei den Sesshaften aus. Wir kennen sie nicht! Was wollen sie? Die Flüchtlinge aus dem Osten wurden als „Polacken“, „Rucksackdeutsche“, „Zigeuner“ beschimpft. Sie waren die „Habenichtse“, die um Einlass bitten mussten in einer ihnen fremden Welt. Man wollte nicht teilen.

Flüchtlingen aus Syrien oder Afghanistan erleben es heute kaum besser.

Es geht immer wieder um Ressourcenkämpfe, auch heute. Und natürlich um handfesten Rassismus. Die Sesshaften fühlen sich als Opfer, dabei ist es doch genau umgekehrt: Die Flüchtlinge sind aus allem herausgerissen, ihnen wurde der Boden entzogen, sie wurden in einen Strom der Gewalt geworfen.

Rupert Neudeck, Mitgründer von Cap Anamur, sagte: In jedem Mensch steckt ein Flüchtling. Das trifft gerade hier in Deutschland zu, wo es kaum eine Familie ohne Fluchterfahrung gibt...

Ich habe mir immer wieder die Frage gestellt, wie es dann zu solcher Feindschaft gegenüber Flüchtlingen kommen kann. In unserer vermeintlich homogenen Gesellschaft stecken Millionen von Fluchtbiografien, daran muss man immer wieder erinnern. Denn die Sesshaften wollen gerne vergessen, woher vielleicht die eigene Großmutter kommt.

Wecken Flüchtlinge auch Ängste, dass man selbst einmal entwurzelt werden könnte?

Ganz sicher. Deshalb müssen wir die Perspektive wechseln. Die meisten Flüchtlinge haben es nur eine Woche zuvor auch nicht für möglich gehalten, dass sie nie wieder ihren Rasen mähen oder ihren Hund ausführen können. Es sprengt jedes Vorstellungsvermögen, binnen Stunden oder Tagen die Heimat für immer verlassen zu müssen und nicht mehr zurückkehren zu können

Sie sprechen immer wieder von Heimat. Ist dieser Begriff nicht ganz schön verbrannt?

Klar, es ist ein schwieriges, häufig missbrauchtes Wort. Doch offenbar gibt es in dieser globalisierten Welt die Sehnsucht nach einem Ort, der uns das Gefühl gibt, zur Ruhe zu kommen. Wenn über Heimat in Talkshows gestritten wird, sind das jedoch Luxusdebatten. Für Vertriebene hingegen, die ihre Heimat verloren haben, ist dieser Erinnerungstopos existentiell. Es gibt diese Leerstelle in ihrer Biografie, nämlich die verlorene Heimat. Wie oft haben Menschen Erde von zu Hause mitgenommen oder die Schlüssel zu ihrem Haus. Heimat ist nur ein Unwort für Menschen, die nie die Heimat verloren haben.

Kann das Menschheitsdrama Flucht und Vertreibung irgendwann ein Ende finden?

Es muss wenigstens verurteilt werden. Nach dem Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus hat sich die Weltgemeinschaft etwa mit den Vereinten Nationen auf multilaterale Strukturen geeinigt, um internationale Konflikte wenigstens im Ansatz zu befrieden. Schon deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass Flucht und Vertreibung als brutale Begleiterscheinungen solcher Konflikte hingenommen werden.

Interview: Bascha Mika

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