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Was wollen Querdenker und der libertäre Autoritarismus?

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Wer nur noch „Mimimi“ hört, muss sich auf das verlassen, was der eigene Kopf bereits enthält.
Wer nur noch „Mimimi“ hört, muss sich auf das verlassen, was der eigene Kopf bereits enthält. In ihrem neuen Buch „Gekränkte Freiheit“ analysieren Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Querdenkerszene. © Imago

Warum so verstimmt? Das Buch „Gekränkte Freiheit“ liefert die bisher wohl gründlichste und triftigste Analyse der Querdenkerszene ab.

Frankfurt – Anna Schneider ist die selbst ernannte „Chefreporterin Freiheit“ bei der Welt. Sie gehörte zu den engagiertesten Gegnerinnen der Corona-Lockdowns. Sich selber bezeichnet sie als „Staatsfeindin von Herzen“, denn Steuern hält sie für Raub. Ihr jüngst erschienenes Buch „Freiheit beginnt beim Ich“ trägt den Untertitel „Liebeserklärung an den Liberalismus“. Ihr politisches Feindbild sind die Grünen und die Linken. Das Buch „Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus“ des Soziologenpaares Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger ist eine Provokation für sie. Weil „rechts“ und „Nazi“ fad geworden sei, twitterte sie, „gibt es jetzt ein neues Schimpfwort. Libertärer Autoritarismus. Grotesk.“ Auf Twitter entlud sich ein Shitstorm über Autor und Autorin: „Ihr beiden seid lediglich zwei links-alternative Schwätzer! Ihr habt keine Ahnung!“

Um genau diese Shitstormtrooper geht es in „Libertärer Autoritarismus“. „Anders als klassische Rechte“, schreiben Amlinger und Nachtwey, „wollen die Menschen, die nun auf die Straße gehen, keinen starken, sondern einen schwachen, geradezu abwesenden Staat.“ Autoritäten oder übergeordnete Instanzen werden von ihnen mit allergrößtem Misstrauen betrachtet.

„Die libertären Autoritären identifizieren sich nicht mit einer Führerfigur, sondern mit sich, ihrer Autonomie.“ Und diese verteidigen sie mit autoritärer Aggression. In Politik, Medizin, Polizei, öffentlich-rechtliche Medien oder Wissenschaft haben sie keinerlei Vertrauen. Jede Autorität, die sich über ihre eigene stellt, ist für sie inakzeptabel. „Libertär ist ihr Autoritarismus, weil er eine Abwehr gegen jede Form der Einschränkung individuellen Verhaltens darstellt.“

Neues Buch über die Querdenkerszene: „Das Individuum vor sich selbst warnen“

In den vergangenen Jahren ist vielfach versucht worden, diese neue Art des postautoritären Charakters zu erfassen. Die österreichische Psychiaterin Heidi Kastner führt diesen neuen Habitus, der glaubt, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, auf einen ausgeprägten Empathiemangel zurück. Der Kulturjournalist Thomas Edlinger definierte in seinem Buch „Der wunde Punkt“ einen postautoritären Charakter, dessen Ich-bezogener Zugang zur Welt in einer „opfernarzisstischen Hyperkritik“ bestehe.

Das alles sind Aspekte, die auch bei Amlinger und Nachtwey eine Rolle spielen. Aber sie gehen in ihrer Argumentation wesentlich tiefer, indem sie die Theoreme der klassischen Frankfurter Schule weiterentwickeln. Dabei beziehen sie sich auf tot geglaubte Klassiker wie Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“, Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch“ und auf Erich Fromms „Die Furcht vor der Freiheit“. Keine Freiheit ohne Repression, keine Aufklärung ohne Regression.

Daraus destillieren sie für sich folgende Aufgabe: „Die Kritische Theorie der Gegenwart muss das Individuum nicht länger vor den Gefahren einer repressiven Gesellschaft aufklären, sie ist vielmehr aufgefordert, das gegen die Gesellschaft rebellierende Individuum vor sich selbst zu warnen.“

Querdenker-Untersuchung: Gekränkte AfD-Anhänger

Vier Jahre lang haben die beiden geforscht. Sie und ihr Team haben 1200 Menschen aus der Querdenkerszene befragt, 45 interviewt und mit 16 aktiven AfD-Anhängern gesprochen. Oft habe es sich um freundliche und sehr herzliche Menschen gehandelt. „Allerdings wirkten sie auf uns eigentümlich verstimmt und enttäuscht von der Welt – gekränkt.“

Woher kommt diese Kränkung? Die Autoren unternehmen einen Erklärungsversuch, indem sie „Sphären verletzter Selbstbehauptung“ beschreiben. „Die meisten der von uns untersuchten Personen stammen aus Milieus, für die ein ,Streben nach Autonomie und Selbstverwirklichung gegenüber gesellschaftlicher Bevormundung, Einschränkung und Entfremdung‘ maßgeblich ist“. Oft seien das Menschen, die dem „sozialökologischen Milieu“ zugerechnet werden könnten. Personen, die „postautoritär sozialisiert“ sind und einem Spät-68er, linksalternativen Kreis zuzuordnen sind. Den Prozess des Abrutschens in den libertären Autoritarismus bezeichnen Amlinger und Nachtwey als „Drift“. Ausgelöst wird dieser durch Dissonanzen, die in der Selbstwahrnehmung durch gesellschaftliche Veränderungen hervorgerufen werden.

Das können Veränderungen sein, welche die als selbstverständlich empfundenen Privilegien dieser Menschen infrage stellen (Weißer sein, Mann sein, Hedonist sein, „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“). Die über viele Jahre habitualisierte Autonomie beginnt zur bröckeln. Der Drift beginnt, wenn das Gefühl eines Kontrollverlustes dazu kommt, wie etwa Pandemie-Vorkehrungen, der Krieg in der Ukraine oder die Klimakatastrophe. Dann wird keine Anpassung des Selbstbildes an die äußeren Umstände vorgenommen, sondern das Weltbild wird dem Selbstbild angepasst, um die eigene Autonomie nicht zu verlieren. Dass Identität keine Essenz, sondern eine soziale Struktur ist, wird von diesen Personen ausgeklammert.

Neue Protestbewegungen: Worum geht es bei Pegida und der Querdenkerszene?

Menschen, die so weit abgedriftet sind, koppeln sich von vermittelnden Wissensinstanzen (Presse, Wissenschaft) ab und ziehen den Glauben an ihre eigene Kompetenz aus einer Art „vorrationaler Intuition, die erklärt, ohne selbst erklären zu müssen“. Libertäre Autoritäre „validieren ihre Ansichten mit protowissenschaftlicher Evidenz, Gerüchten auf Telegram oder schlichten Fake News“. Komplexität ist ihnen fremd.

Es gibt kein Buch, das die neuen Protestbewegungen gründlicher wissenschaftlich untersucht und theoretisch einordnet. Zum ersten Mal hat man den Eindruck zu verstehen, worum es bei Pegida oder in der Querdenkerszene geht, nämlich um eine Art Individualisierungsexzess. Allerdings bleibt man bei alledem auch etwas ratlos zurück.

Anna Schneider fühlt sich mit ihrem Verriss sicherlich absolut im Recht. Denn bei den libertär Autoritären gilt das „Pochen darauf, dass die eigene Meinung, das eigene Gefühl das gleiche Gewicht in der Bewertung einer Situation haben soll wie wissenschaftliche Evidenz“. (Jens Buchholz)

Das Buch:

Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey: Gekränkte Freiheit. Aspekte des Libertären. Suhrkamp, Berlin 2022. 480 S., 28 Euro.

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