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Im Jahr 1908 in Kalifornien: Sie fühlten sich als Sieger über riesige Bäume.
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Im Jahr 1908 in Kalifornien: Sie fühlten sich als Sieger über riesige Bäume.

Natur

Am siebten Tag war Hundun tot

Beklemmend aktuell: Bereits der Daoismus hat erkannt, dass die Zivilisationslogik der Naturzerstörung auch den Menschen selber bedroht. Von Heiner Roetz.

Zu den Eigenarten, die den modernen vom vormodernen Menschen trennen, scheint die Fähigkeit zu gehören, die Erde für viele Lebewesen unbewohnbar zu machen. Dass die globale Zerstörung der Biosphäre zu einer realen Möglichkeit geworden ist, ist etwas historisch Neues. Dies heißt allerdings nicht, dass zuvor der Mensch in harmonischer Einheit mit dem Kosmos gesehen worden wäre. Einen welch gefährlichen Fremdkörper er darstellt, ist vielmehr bereits der Antike aufgefallen, und am deutlichsten den Daoisten des alten China.

Der Daoismus entsteht in einer Epoche desaströser Kriege. Sie sind für ihn der späte Ausdruck des Zerbrechens der ursprünglichen Einheit der Welt im Zuge des Umsichgreifens einer gewalttätigen menschlichen Zivilisation, die auch der Natur bereits unübersehbare Wunden geschlagen hat. Während der Konfuzianismus die Unterwerfung der Natur als Bedingung der Möglichkeit menschlicher Existenz hingenommen und zum Teil sogar gefeiert hat, sieht der Daoismus in ihr ein einziges Verhängnis, das nicht nur die äußere Natur, sondern auch die innere des Menschen selbst zugrunde richtet.

Als Wurzel des Problems gilt das menschliche „Herz“ als der Sitz des Denkens. „Tückischer noch als ein Gebirgsstrom“, „ungestüm, dreist und nicht zu bändigen“, trachtet es danach, mit Hilfe seines „Mordwerkzeugs“, des Wissens, über Menschen und Dinge zu herrschen. Mit dem Sündenfall seiner „Aufrührung“ wird ein Kalkül freigesetzt, das alles der planenden Verfolgung von Zwecken unterwirft, es mit Zirkel und Lineal ausrichtet und nichts lässt, wie es ist. Nur das Nutzlose überlebt: Zum Symbol für das Schicksal der Natur wird der Baum, der gefällte wie der nur dank seiner Knorrigkeit verschonte. Eine Allegorie versinnbildlicht, was folgt, wenn der Mensch ihr als dem inkommensurabel Wilden in seiner kurzsichtigen Willkür seine Konturen aufzwingt:

„Der Herrscher des Südmeeres war Hu (Jäh), der des Nordmeeres war Shu (Abrupt), und der der Mitte war Hundun. Hu und Shu trafen sich von Zeit zu Zeit auf dem Gebiet von Hundun (Wirrwarr), und stets behandelte sie Hundun mit der größten Freundlichkeit. Da berieten Hu und Shu, wie sie die Güte von Hundun vergelten könnten. Sie sprachen: ‚Jeder Mensch hat sieben Öffnungen, um zu sehen, zu hören, zu essen und zu atmen, nur Hundun hat keine. Wir wollen ihm mal welche meißeln!‘ Jeden Tag meißelten sie eine Öffnung. Am siebten Tag war Hundun tot.“

Am Anfang der Geschichte steht für die Daoisten eine Urharmonie, in der der Mensch noch gar nicht als Mensch hervorgetreten ist, in der die kosmischen Kräfte Yin und Yang und die Jahreszeiten ihren geregelten Rhythmus finden und alle Wesen in Einklang miteinander leben. An ihrem Ende steht das vom Menschen initiierte „Zeitalter des Verfalls“, das in düsteren Bildern beschrieben wird: „Als dann das Zeitalter des Verfalls hereinbrach, bohrten die Menschen das Gestein der Berge an. Sie bearbeiteten Metall und Jade, brachen Austern und Muscheln auf, schmolzen Kupfer und Eisen, und die Dinge der Natur gediehen nicht mehr. Die Menschen schlitzten die schwangeren Tiere auf und töteten die Jungen, und das Einhorn erschien nicht mehr. Sie kippten die Nester um und zerbrachen die Eier, so dass auch der Phönix nicht mehr flog. Die Menschen drehten die Feuerbohrer, um Feuer zu machen, und zimmerten Holz zu Terrassen. Sie zündeten die Wälder an, um Tiere zu jagen, und sie entwässerten Seen, um die Fische darin zu fangen. So wuchsen die Dinge der Natur nicht mehr in Massen, und der größte Teil von ihnen musste sterben, noch bevor er keimen, schlüpfen oder geboren werden konnte. Die Menschen aber schichteten den Erdboden auf und wohnten auf den Hügeln, sie düngten die Felder und säten Getreide, sie brachen die Erde auf und bohrten Brunnen für Trinkwasser. Sie reinigten die Betten der Flüsse und machten sie nutzbar. Sie errichteten Stadtmauern und bauten sie zu Befestigungen aus. Und sie fingen wilde Tiere, um sie zu zähmen. Da gerieten Yin und Yang durcheinander, und die Jahreszeiten verloren ihre Ordnung. Hagel und Graupel stürzten herab, dichter Nebel, Reif und Schnee ließen den Himmel nicht mehr aufklaren. Und die Dinge der Natur fanden einen frühen Tod. Die Menschen hauten die Urwälder nieder, um dort Sprösslinge und Ähren wachsen zu lassen, und unzählbar waren die Gräser und Bäume, die starben, als sie gerade keimten, blühten oder in Frucht standen.“

Im Anschluss an die apokalyptische Schilderung der Plünderung der Natur wird dargestellt, wie sich die Menschen in der von ihnen verwüsteten Welt einrichten: in kunstvoll gestalteten Häusern, in man das Bunt hineinmalt, das man außen vernichtet. Doch schließlich ergreift das Unheil auch den Täter selbst: Katastrophe folgt auf Katastrophe, und der Staat tritt auf den Plan, um mit blutiger Unterdrückung den Herrn über die Natur seinerseits gefügig zu machen.

Die daoistischen Texte sind von beklemmender Aktualität. An der Zivilisationslogik der konstruktiven Destruktion, die schließlich ins Unbeherrschbare umzukippen droht, hat sich nichts geändert; sie ist im Gegenteil auf breiter Front systemisch und ihre Folgen sind durch den Übergang ins fossile Zeitalter nur noch verheerender geworden. Auch die klimatischen Zusammenhänge sind, wenngleich mit den Mitteln einer vorwissenschaftlichen Kosmologie, geahnt. Und die Daoisten erkennen, dass das Gewaltpotential der Vernichtung der Natur auch den Menschen selber bedroht – seine eigene Knechtung folgt der ihren auf dem Fuß. Irgendwann, so wird prognostiziert, „werden noch die Menschen einander fressen“, wie in Antizipation der Denkbarkeit einer faschistischen Lösung der ökologischen Krise durch die Auslöschung von Teilen der Menschheit.

Der Daoismus ist ein Aufruf zur Umkehr, wie er eindrücklicher kaum sein könnte. Er wurde schon in China nicht gehört – das Land zählt zu den ökologisch ruiniertesten der Welt. Was aber bleibt dann von der daoistischen Sehnsucht nach der Wiedergewinnung des „Unbehauenen“ und nicht verkünstelten „Faden“? Eine radikale Linie liebäugelt selbst mit Gewalt und will die ruinöse Zivilisation ihrerseits in einem einmaligen terroristischen Akt für alle Zeiten zerschlagen – eine Versuchung, die bereits von der Logik infiziert ist, die sie zu bekämpfen meint. Dass sie überhaupt möglich wird, zeigt, dass die eigentliche daoistische Idee wuwei, das „Nicht-Tun“, das den manipulativen Eingriff in die Natur durch Innehalten bannen soll, schon dabei ist, nicht mehr zu funktionieren.

Denn zu nachhaltig hat der Eingriff bereits die Kulturgeschichte beherrscht – wo sie nicht von vornherein Zerstörung war, bestand sie in Kompensationen angerichteten Schadens, mit denen alles nur noch schlimmer wurde. So durchzieht die daoistische Reaktion etwas Resignatives, das auf der Hut sein muss, nicht selbst zynisch zu werden. Abgesehen von individuellen Versuchen, durch Mystik oder ein mimetisches Leben inmitten der verbliebenen Natur weitab der menschlichen Siedlungszentren ein Stück der verlorenen Einheit wiederzufinden, gibt es „nichts mehr, um zum Anfang zurückzukehren“. Die Welt hat sich für immer gespalten. Die Zivilisation ist ein Drama, das sich selbst seinen letzten Akt geschrieben hat.

Die daoistische Philosophie zeigt, dass die Probleme, vor denen wir heute stehen, nur in der globalen Dramatik, aber nicht im Grundsatz neu sind. Hiermit soll nichts nivelliert werden: Die Vergewaltigung der Natur darf sich nicht auf Normalität herausreden; sie bleibt immer skandalös, und sie hat Namen und Adresse, vor allem im modernen Westen.

Die deutsche Gegenwart ist alles andere als eine Ausnahme: Zu lange haben gemütliche Ignoranz und organisierte Gleichgültigkeit in Politik und Wirtschaft alle Warnungen in den Wind geschlagen und sich im Herunterspielen geübt. Mit fleischgewordener Behäbigkeit hat sich die Regierung viel zu spät und immer nur auf Druck bewegt und Beschlüsse gefasst, deren Ungenügen von vornherein feststeht – es gebe ja „noch Zeit“. Sie erinnert an die Geschäftsführung eines Clubs von Alkoholikern, die vor dem unabweisbaren Entzug sich erst noch einen kräftigen Schluck aus der Pulle gönnen. Ist es ein Zufall, dass die Noch-Kanzlerin gerade einen Anästhesisten zu ihrer rechten Hand gemacht hat?

Dass eine solche Politik lange mehrheitsfähig war und es auch noch weiter sein könnte, ist beunruhigend. Denn es deutet darauf hin, dass die Umweltkrise jenseits aller persönlichen Verantwortungslosigkeit Ausdruck eines größeren, zivilisatorischen Problems ist, das die Daoisten erkannt haben, lange bevor sich der Mensch wie ein Schimmel über den gesamten Erdball verbreitet hat.

Die Zusammenhänge sind auch im Westen beschrieben worden: Als Mängelwesen ist der Mensch von Natur aus auf Kunst angewiesen. Anders als bei einem Tier löst sich die „Wirkwelt“ seiner Eingriffe in die Natur von der „Merkwelt“, die ihn die Konsequenzen spüren lässt, so dass der „Funktionskreis“, der die Balance herstellt, schließlich durchbrochen wird – Begriffe Jakob von Uexkülls, mit denen sich verstehen lässt, was in der Steinzeit begonnen hat und in der heutigen Krise kulminiert.

Am Beispiel des CO2: Erst mit einer Verzögerung von Jahrhunderten „merken“ wir, was wir mit der so äußerst wirkreichen fossilen Ökonomie angerichtet haben. Während aber das Durchbrechen des Funktionskreises im Falle einer Tierpopulation die Existenz bedroht, kultiviert der Mensch eine Ingenieursmentalität und entzieht sich mit trügerischem Erfolg durch immer neue „thetische“ Tricks: Um sich weiterzulavieren, lässt er statt seiner seine Hypothesen „sterben“ (Popper), und er stützt das labile Gestell, das er errichtet hat, durch eine Prothese nach der anderen.

Man nimmt nicht den Fuß von Gaspedal, man baut nur den Motor um. Die Rückmeldungen der Natur werden gegebenenfalls zu nicht erwartbaren Jahrhundertereignissen erklärt. Wird ein Wahnsinn beendet, dann dadurch, dass der nächste ihn ablöst – bis zu dem Punkt, an dem die menschliche Zivilisation an ihren Basteleien zugrunde geht und die ganze Welt, wie vom Daoismus vorhergesehen, ins Chaos stürzt. Genau dieses Irrläufertum des homo faber findet seine Personifizierungen noch bis in die liberale Opposition hinein im Mainstream der Politik. Und sind nicht die meisten von uns mit ihrem Lebensstil so oder so auch selbst ein Teil des Problems?

Angesichts dessen ist es schwer, sich von der daoistischen Resignation nicht anstecken zu lassen, auch wenn von den alten Möglichkeiten zum Ausstieg nur die innere Emigration geblieben ist. Der Konfuzianismus hat hiergegen eine Verantwortungsethik gesetzt, die mit daoistischem Sarkasmus, aber durchaus zutreffend, so auf den Punkt gebracht worden ist: Selbst im Wissen, dass es unmöglich ist, doch alles versuchen.

Heiner Roetz ist emeritierter Professor für Geschichte und Philosophie Chinas an der Ruhr-Universität Bochum.

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