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Gerät zur Zwirnherstellung, Ende 6. Jh.
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Gerät zur Zwirnherstellung, Ende 6. Jh.

Merowingerzeit

„Als Franken fränkisch wurde“ im Knauf-Museum Iphofen: Skrupellos und berüchtigt

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Fundgruben aus der Merowingerzeit: Die Ausstellung „Als Franken fränkisch wurde“ in Iphofens Knauf-Museum ist reich an Einblicken und bietet überraschende Neuigkeiten.

Aus Iphofen kommen neue Nachrichten aus der Merowingerzeit. Haben wir uns also aufgemacht ins Städtchen in Franken, kaum mehr als zehn Kilometer entfernt vom südlichen Maindreieck. Denn abgesehen von den Ankündigungen – an Legenden und Fiktionen über diese Sippe hat es nie gefehlt. Solche Quellen sprudelten nie spärlich, denn hat er nicht Merowech geheißen? Oder Merowig, jedenfalls der Urahn, eine mythische Gestalt, Produkt der Phantasie oder historische Figur? Womöglich Vater des umraunten Chlodio, gar Großvater Childerichs I., von dem bereits mehr bekannt ist.

Wer sich also zu den Merowingern aufmacht, findet sich allerdings garantiert wieder vor dem Urenkelkind, Chlodwig. Mag die „Chronologie der Regierungszeit Chlodwigs“ für Experten weiterhin „hoffnungslos unklar“ (Patrick J. Geary) sein, er ging in die Geschichte als König der Franken ein, geboren 466, gestorben 511. In der Sonderausstellung in Iphofens überhaupt prachtvollem Knauf-Museum werden die Franken als „Menschenschlag“ angekündigt. Es ist ein zweifellos martialischer, so zeigt es eine Grafik: Ein Krieger spießt seine Lanzenspitze in eine Karte von Mainfranken, direkt bei Iphofen, den linken Fuß vorgereckt, einem Daumen im Gürtel, ausgerüstet mit Schild und Schwert. So haben wir denn von den Vorfahren ein beweiskräftiges Bild, und von ihrem quirligen Dorfleben berichtet sogleich eine Fototapete historisierend, von den außergewöhnlichen archäologischen Erfolgen weitere Aufnahmen in Lebensgröße. Grabungen in Hellmitzheim, Dornheim, Kleinlangheim: Fundgruben aus der Merowingerzeit in Mainfranken.

Mit herrlichen Feinheiten fängt es im Museum an, einer Nadel mit Öhr aus dem 6. – 8. Jahrhundert oder einem Gerät zur Zwirnherstellung. Filigrane Vorfahren – für so berüchtigte Gegenstände wie die „Franziska“, die Wurfaxt, für Spatha (Langschwert), Sax (Hiebschwert), Schild und Lanze wird noch Raum sein ebenso wie für Keramik, Töpfe und Krüge, oder gar Becher aus so etwas Zerbrechlichem wie Glas. Es sind Artefakte, die Aufschluss geben über die Alltagskultur, über Glaubensvorstellungen oder Kunstfertigkeiten. Ohrringe, Fibeln, Gewandnadeln oder Miniaturwaffen, ein Schwert nicht länger als ein Zahnstocher – ein halber Bleistift.

Dennoch so gut wie nichts Schriftliches aus dieser Zeit, in der die Franken auftauchten aus dem Dunkel, was nicht so sehr eine gespenstische Vorstellung ist, denn gemeint ist das Dunkel der Geschichte, aus dem sie heraustraten, erstmals im Jahre 258 schriftlich erwähnt (auf Roms Chronisten war Verlass). Rund 550 Jahre später dann haben sich die Franken endgültig durchgesetzt und so weit etabliert, dass sie einem Gebiet um das Jahr 800 den Namen gaben. Einem Reich vom Ebro bis zur Elbe, vom Mittelmeer bis zur Nordsee, von nun auch Königsland, dessen Gründung mehrere historische Großereignisse vorangegangen waren, sie alle verfochten mit einer Brutalität, wofür die Franken, gemessen an Maßstäben der Zeitgenossen, berüchtigt waren. Man muss in der Schau die Waffen nicht sprechen lassen – untergebracht in Vitrinen sind sie beredte Zeugnisse eines „Menschenschlags“, dem List, Erbarmungslosigkeit und Skrupellosigkeit nachgesagt wurden.

Hinter dem sich so etwas wie ein Mentalitätshintergrund verbirgt. Eine Mentalität, die für die Franken allgemein wie für ihre Herrscher im Besonderen, die Merowinger, prägend war, rücksichtslos genug, um eine Dynastie über mehrere Generationen zu begründen, vielfach gründend auf Mord, Brudermord, Verwandtenmord, Kindermord. Und da sich die Kriminalgeschichte der Intrigen und Morde innerhalb der Dynastie nicht bebildern lässt, werden Erkenntnisse an den Katalog delegiert.

Erwiesenermaßen ist die Merowingerzeit eine Epoche der Christianisierung und Missionierung, einer Kulturoffensive, überliefert durch Gräber. Eine besonders dichte Konzentration von Reihengräberfeldern konnte bereits vor 150 Jahren in Mainfranken ausgemacht werden, Spuren einer frühen fränkischen Siedlung wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts in Dornheim freigelegt, eine größere Kampagne gibt es hier seit neun Jahren. Anhand der Gräberkultur belegt ist eine Besiedlungsgeschichte, veranlasst vom Missionsdrang, getrieben von der fränkischen Ostexpansion gegen Slawen, Wenden, Baiern. Eine energische Ostpolitik. Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass das Zentrum der Merowinger Paris war. Ihre Schlachtfelder schrieben Geschichte, der Ausstellungsparcours verlagert diese Geschichte der Kriege und Beutezüge auf eine Besiedlungsgeschichte.

Die Ausstellung verschiebt den Fokus, darunter die Ansicht des Forschers Patrick J. Geary, dass die Merowinger keine entschiedenen Versuche unternahmen, „die Regionen östlich des Rheins“ in ihr Herrschaftsgebiet „einzubinden“. So „verwirrend und gewalterfüllt“ (Geary) deren Politik, das schlechte Image wurde ihnen von den Karolingern angeheftet, so dass sie bereits im 9. Jahrhundert nicht nur als brutale Machtpolitiker dastanden, vielmehr als Nichtsnutze und Versager. Bei allen Querelen, die aus karolingischen Quellen sprudelten: Was wir über die Merowinger, deren Herrschaft und Alltagsleben wissen, stammt so gut wie überhaupt nicht aus eigenen schriftlichen Zeugnissen, rar, wie sie sind, so sporadisch wie zufällig. Daraus entstanden dennoch Erzählungen, systematische Darstellungen. Sie verdanken sich vor allem einer heidnischen Bestattungskultur, die, im Unterschied zur christlichen, die Toten aufwendig, gar reich ausstattete bei ihrer Reise in ein Jenseits. Zu Demonstrationszwecken nebeneinander gebettet ein Mann und eine Frau, fein gekleidet, sie auf die letzte Reise geschickt mit Schmuck, er mit Waffen, beide nicht zuletzt mit Nahrungsmitteln.

Wie nicht selten bei anschaulichen Ausstellungen sind wir angewiesen auf Äußerlichkeiten. Farbige Ketten, Kämme aus Hirschhorn, einen Zahn aus dem Kiefer eines Bären, eine Pinzette, aber kein Spaten. Dennoch baute man Grubenhäuser, um ein Obdach zu haben, das Modell zeigt, dass man es etwa bis auf Brusthöhe in den Erdboden eingrub. Auch deswegen ist die Merowingerzeit eine Domäne der Archäologie, eine der Bodenfunde. Die auf eine Fototapete gezogene Urkunde, die die enormen Schenkungen Karlmanns dokumentiert, die der Merowinger 741/42 im Zuge der Würzburger Bistumsgründung der Kirche vermachte, stammt aus einer anderen Zeit, aus dem Jahr 889.

Ein wenig anders als der Main bei Markbreit, wo er flussabwärts eine weitere kräftige Wendung nimmt, die Geologen allerdings gut erklären können, deutet die Ausstellung im Knauf-Museum die windungsreiche Geschichte der Merowinger als eine von Widersprüchen gekennzeichnete. In die heidnischen Kulte drangen neue Glaubensvorstellungen ein, mit der Missionierung Mainfrankens auch das Christentum. Von erheblichem Gewicht der Grabstein von Niederdollendorf (bei Königswinter im Rheinland). Zeigt er doch auf der einen Seite einen bewaffneten germanischen Krieger, auf der anderen eine Christus-Darstellung mit einem Amulett, der Bulla auf der Brust, einem Signum römischer Imperatoren, wenn sie triumphiert hatten. Ebenfalls ein Zeichen über Leben und Tod war die Lanze in der Hand des Gottessohns, den so etwas wie ein Nimbus umgibt. Christus und Krieger: Beide veranschaulichen einen Synkretismus, die Vermischung und Überlagerung von christlichen und heidnischen Glaubensvorstellungen, prägend für die Merowingerzeit während der Missionierung. Die Köpfe aber beherrschend noch im Spätmittelalter.

Die Franken hatte irgendwann die Geschichte geschickt, die Merowinger-Sippe aber von der Stunde an Gott, als sich Pippin 754 in St. Denis salben ließ vom Papst. Nachfolgende Generationen haben es sich versagt, an das Gottesgnadentum von Königen und Kaisern nicht zu glauben. Auch wenn der letzte Merowingerkönig, Childerich III., von der Bühne verschwand wie der erste auf der Bildfläche, dieser aus dem Dunkel, jener ins Dunkel. Auf dem Grabstein von Niederdollendorf jedoch sieht uns ein Krieger an, mit Schwert und Feldflasche, mit auffällig kräftigem Haarwuchs. Dass er seine langen Haare kämmt, spricht dafür, wie sehr sie Lebenskraft versprachen, noch im Jenseits. Der Tote sieht uns an. Also war da wer.

Knauf-Museum, Iphofen: bis 7. November (verlängert). Ein Katalog ist im Nünnerich-Asmus Verlag erschienen (224 S., 20 Euro). www.knauf-museum.de

Erhellend vor allem die Bestattungskultur.

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