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Als der Iran modern werden sollte

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Von: Arno Widmann

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Der Schah und seine Familie im Jahr 1962.
Der Schah und seine Familie im Jahr 1962. © imago/(Archivbild)

Vor 60 Jahren wollte der damalige Schah eine Reform für die Bauern durchführen. Es sollte der Anfang von seinem Ende sein.

Da ist zunächst das Datum. Der entsprechende Artikel in Wikipedia nennt den 11. Januar als Termin. Ali Rahnema schildert das Ereignis ausführlich in seinem sehr lesenswerten Buch „The Rise of Modern Despotism in Iran - The Shah, the Opposition and the US 1953–1968“ (One World Publications 2021). Allerdings nennt er als Termin den 9. Januar 1963.

Vom 8. Januar 1963 bis zum 15. Januar waren zwischen 4200 und 4500 Delegierte von ländlichen Kooperativen zu einem Kongress nach Teheran eingeladen worden. Es waren Vertreter der Bauern, die in den vergangenen Monaten aus der Abhängigkeit ihres Gutsherrn befreit worden waren und ein eigenes Stück Land bekommen hatten. Der Schah – Mohammad Reza Pahlavi (1919–1980) – sprach eine knappe Stunde zu den ihn bejubelnden Bauern. Kurz nach 12 Uhr Mittag verließ er die Versammlung.

In seiner Rede hob er sechs zentrale Punkte seiner „Weißen Revolution“ hervor: 1. Die Bauern unterstehen nicht mehr den Großgrundbesitzern, sondern bekommen eigenes Land. 2. Die Wälder des Landes werden entprivatisiert und nationalisiert. 3. Anteile von Fabriken im Staatsbesitz werden verkauft, um die Landreform zu finanzieren. 4. Gewinnbeteiligung der Industriearbeiter. 5. Reform des Wahlrechts, 6. Aufstellung einer Alphabetisierungsprogramms.

Der Schah betonte, dass er seit mehr als zehn Jahren diese „Weiße Revolution“ plane, dass er nichts sich lieber wünsche als eine enge Bindung zwischen ihm und den Bauern, der überwältigenden Mehrheit der iranischen Bevölkerung. Er wurde bejubelt und genoss das sichtlich.

Allerdings ergibt sich aus den zugänglichen Akten ein komplett anderes Bild. Es waren die US-Amerikaner, die den Schah zu Reformen zwangen. Wann immer er – natürlich mit dem Hinweis auf die benachbarte Sowjetunion – den Ausbau des Militärapparates forderte, entgegneten ihm Dean Rusk oder John F. Kennedy: bitte gern, aber erst die Landreform. Als der Schah im Juni 1967 Berlin besuchte, demonstrierten Studenten gegen ihn. Einer der Demonstranten vor der Deutschen Oper war Benno Ohnesorg. Er wurde von dem Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Der war nicht nur Beamter der Westberliner Polizei, sondern auch Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR.

Die Deutschen hatten seit fast einem halben Jahrhundert keinen Kaiser mehr. Viele von ihnen lechzten nach Kronen. Der Schah spielte eine besondere Rolle in den Herzen vieler, vor allem weiblicher Verehrer.

Politisch war er ein treuer Bundesgenosse der Amerikaner. Womöglich widerstrebend. Wie viele der Deutschen auch. Die gerade sich bildende Neue Linke mochte sein Ordenslametta nicht und hasste seine voll gefüllten Gefängnisse.

Durch alle Zeitungen ging damals ein Foto, das den Schah zeigte, wie vor ihm Bauern auf dem Boden lagen und ihm die Schuhe küssten. Dieses Foto habe ich bis heute nicht vergessen. Ich fand: Es zeigte die Wahrheit über den „Reformer“ und „Modernisierer“. Es war entstanden am 13. März 1962, als der Schah 520 landlosen Bauern Land gab, das der Staat drei Großgrundbesitzern zehn Tage zuvor – wir wissen nicht zu welchen Konditionen – abgenommen hatte. Die Begeisterung der Bauern war riesig.

„Mohammad heißt Du, und wie Mohammad bist Du zu uns“, sagten manche. Sie sahen im Schah ihren Verbündeten in der Auseinandersetzung mit den Großgrundbesitzern. Ein verhängnisvoller Irrtum. Zunächst für sie. Dann aber auch für den Schah. Die Äcker, die die Bauern bekamen, waren viel zu klein. Sie konnten nicht lukrativ bewirtschaftet werden. Der Versuch des Aufbaus von Kooperativen half nicht viel. Das wurde schnell deutlich.

Der Schah hatte darauf gesetzt, dass, wenn er die Bauern auf seine Seite bekäme, die Opposition keine Chance mehr hätte. Er betonte immer wieder, dass Iran noch nicht reif wäre für die westliche Demokratie, man müsse langsam von Gemeinden und Kreisen aus Volksvertretungen aufbauen. Die „Weiße Revolution“ sei eine ökonomische, keine politische Revolution.

Iran müsse wirtschaftlich modernisiert werden, und das ginge nur mit einer starken Hand von oben nach unten. Wenn wir das heute lesen, denken wir an China, an all die Despoten, die gerne reich wären, ohne diesen Reichtum mit einer politisch dreinredenden Bevölkerung teilen zu müssen. Vielleicht erinnern wir uns aber auch an den Aufstieg Preußens und des Deutschen Reiches nach 1871.

Der Schah imitierte Kaiser Wilhelm II. Die Verbindung von Gottesgnadentum und Industrialisierung ist keine Erfindung des Schahs von Persien.

Was taten die USA? Als sie merkten, dass sie auf keinen Fall mit der Opposition, mit der Nationalen Front zusammenarbeiten wollten, dass weit und breit kein Ersatz mehr für den Schah zu finden war, stützten sie ihn vorbehaltlos.

Die erste Folge der Landreform war: Sie stärkte die Rolle des Schahs. Im eigenen Land und gegenüber den USA. Als er das Gefühl hatte, mir kann keiner, erklärte er 1973 der italienischen Journalistin Oriana Fallaci:

„Gott hat mich für meine Aufgabe erwählt. Meine Visionen waren Wunder, die mein Land retteten.“ Als Oriana Fallaci ihn nach seiner Haltung zur westlichen parlamentarischen Demokratie fragte, antwortete er: „Ich will diese Art Demokratie nicht. Haben Sie das nicht verstanden? Was soll ich mit ihr anfangen? Nichts will ich davon. Behalten Sie sie nur.“

Zehn Jahre zuvor hatte er nicht so fest im Sattel gesessen. Im September 1962 starben bei einem Erdbeben in Ghazwin, der ehemaligen Hauptstadt des Iran, 25 000 Menschen. Die staatliche Unterstützung war zögerlich.

Studenten überall im Iran organisierten Einsätze. Gegen die wiederum gingen die staatlichen Stellen vor. (Sie erinnern sich an das Erdbeben 2008 in Sichuan? Und an die Arbeit von Ai Weiwei für die Opfer?) Die Studierenden reagierten mit einer großen Demonstration am 6. Dezember an der Universität von Teheran. Sie forderten, die verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten zu respektieren, baldige Parlamentswahlen und die Entfernung des sogenannten Sicherheitsbüros vom Campus.

Bald darauf fand der Kongress der Nationalen Front statt. Ein Versuch der verschiedenen Oppositionsgruppen, sich auf ein einheitliches Vorgehen gegen das Schah-Regime zu verständigen. Aber schon der Begriff „Schah-Regime“ spaltete die Nationale Front. Er wurde von den Linken benutzt. Andere fanden, man solle den Schah rauslassen aus der Politik.

Sie hatten, das wurde deutlich, nicht verstanden, dass der Iran in ein neues Stadium des Despotismus getreten war. Eines, das von der US-amerikanischen Regierung tatkräftig unterstützt wurde.

Der Schah hatte sein Sechs-Punkte-Programm eine Woche, nachdem der Kongress der Nationalen Front zu Ende gegangen war, vorgeschlagen. Seine Beobachter konnten ihm sagen, dass von dort keine Gefahr ausging. Auf beiden Veranstaltungen traten Ringer auf, die bei den Olympischen Spielen in Melbourne Goldmedaillen gewonnen hatten. Unter den 4500 Delegierten der Kooperativen befand sich auch eine Frau. Sie war dreißig Jahre alt, hieß Soltan und war Kurdin. Der Schah sorgte dafür, dass sie in den Vorstand der Veranstaltung kam. Ich wüsste zu gerne, was aus ihr und ihren Nachkommen wurde. Mahsa Amini, die vergangenen September im Polizeigewahrsam umgebracht wurde, war ebenfalls Kurdin. Auch zu Irans Geschichte gehört die der Kurden und Kurdinnen dazu.

In diesen sechzig Jahren ist viel Blut geflossen. Die Geheimpolizei des Schahs war wenig zögerlich, und die der Mullahs ist es auch nicht. Die „Weiße Revolution“, die den Schah zunächst stärkte, brach ihm dann das Genick.

Als die Bauern erkannten, dass ihnen die Landreform nichts brachte, sondern wohl auch als Mittel gesehen wurde, den aufstrebenden Industrien Arbeiter zur Verfügung zu stellen, schlossen sie sich nicht der politischen Opposition an, sondern dem wahren Glauben. Der Schah, der immer das Problem hatte, nicht als gläubiger Moslem angesehen zu werden, wurde jetzt als „westlicher Teufel“ verfolgt; und als ganz am Ende auch noch der Teheraner Bazar und das Militär von ihm abrückten, da konnten auch die Amerikaner keine Hilfe mehr sein, und aus dem Reich des Schahs wurde ein schiitischer Gottesstaat, auf dessen Ende wir wieder einmal hoffen.

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