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Als aus Octavian Augustus wurde

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Von: Arno Widmann

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Am 16. Januar 27 v. Chr. wurde dem Adoptivsohn von Julius Caesar der Ehrentitel Augustus (Erhabener) verliehen, den noch niemand vor ihm getragen hatte. Es war das Gründungsdatum des Prinzipats

Am 16. August 27 v.u.Z. erhielt der „Princeps“ Octavian den Beinamen „Augustus“ (der Erhabene). Diesen Titel hatte noch niemand vor ihm getragen. Er war eigens für ihn erfunden worden, als das deutliche Zeichen der mit ihm einsetzenden neuen Epoche. Am Ende seiner Amtszeit war er noch „Höchster Oberpriester“ und „Vater des Vaterlandes“. Zu seinem Titel gehörte dann auch, dass er 37 Mal Volkstribun gewesen war.

Zum „Princeps“, zum ersten Mann im Staat, war Augustus in einem mehrtägigen Staatsakt, der am 13. Januar begonnen hatte, gemacht worden. Das war das Ende eines langen Bürgerkrieges. Cäsars Adoptivsohn Octavian hatte ihn gewonnen. Er wurde der Begründer des römischen Kaiserreiches.

Feiern ließ er sich als „Rächer der Freiheit des römischen Volkes“. Das war ein wenig irreführend. Er hatte schließlich nicht die republikanischen Freiheiten wieder eingeführt, sondern alle Macht im Staate für sich in Anspruch genommen. Aber er hatte Antonius und Kleopatra besiegt, also verhindert, dass Rom unter die Fuchtel einer „ägyptischen Hexe“ geriet. Herodes – der Kindermörder der christlichen Überlieferung – hatte Antonio geraten, wenn er gegen Octavian gewinnen wolle, müsse er Kleopatra loswerden und sich Ägypten unterwerfen. Zynisch aber wahrscheinlich der einzige Ausweg. Der aber keiner war, denn ohne Kleopatra hätte Antonio nichts gehabt.

Hinzu kam: Die Italiener hatten den Krieg satt. Mal wurden sie von diesen, mal von jenen Soldaten geplündert und ausgeraubt. Frauen wurden vergewaltigt, kriegstaugliche Männer wurden zwangseingezogen. Zwanzig Jahre lang. Kaum jemand war verwegen genug, sich nach republikanischen Freiheiten zurück zu sehnen. Frieden und Sicherheit – darum ging es.

Wer das brachte, der wurde gefeiert. Die „Res publica“, von der Augustus unentwegt sprach, war nicht mehr die Republik, sondern der Staat und der Staat war er. Das war sehr bald allen klar. Aber was war dagegen zu sagen? Die Parteien der Republik hatten das Land in den Bürgerkrieg getrieben. Dahin wollte niemand zurück. Augustus sorgte dafür, dass keine bewaffneten Gangs mehr durchs Land zogen und sich schnappten, wonach ihnen verlangte. Mehr noch: Die Verwaltung funktionierte, die Gerichte arbeiteten, Profite wurden gemacht, Löhne wurden bezahlt. Die Sklaven waren wieder Sklaven. Es gab den Senat, es gab die alten Ämter. War das Camouflage? War es ernst gemeint? Die Zeitgenossen sahen das sehr unterschiedlich. Auch die Wissenschaftler sind sich heute nicht einig. War die Beibehaltung des Ämtergerippes der Republik nichts als Fassade, hinter der sich Augustus, der Oberbefehlshaber der Truppen versteckte? War die Rede von der „Verfassung des Prinzipats“ nichts als leere Wörter?

Jochen Bleicken sieht das in seiner 1998 erschienenen Augustus-Biographie anders, Der Princeps sei unentwegt damit beschäftigt gewesen, dem von ihm ins Leben gerufenen Staat Gesetze zu geben und auf deren Einhaltung zu achten. Gleichzeitig aber war er es, der das tat und letzten Endes entschied nur er über richtig und falsch. Augustus selbst habe betont, seine potestas (gesetzliche Macht) sei nicht größer als die irgend eines anderen Kollegen, seine auctoritas dagegen stelle ihn über alle anderen. Augustus, so Bleicken, habe nur vierzig Jahre lang regieren können, weil ihm klar war, dass ein Staat langfristig berechenbare Strukturen brauche. Was die Langfristigkeit angeht, hat Augustus einiges geleistet. Wenn wir von Kaiser und Zar sprechen, führen wir den Adoptivvater Octavians im Mund. So wie Augustus es tat und jeder römische Kaiser. Das Reich selbst aber hat die westeuropäische Geschichte Jahrhunderte lang bewegt.

Großbritannien, Portugal, Italien und Deutschland. In den großen Kolonialreichen lebte immer auch die Idee von einem wieder erstandenen Rom. Der westliche Teil des römischen Reiches ging in den Völkerwanderungen des 5. Jahrhunderts unter. Dieses Ende hat die europäische Geschichte und Geschichtsschreibung stets beschäftigt. Eine Menetekel für fast jede Epoche. Abschreckend für die einen, aber immer gab es auch Menschen für die es ein Stück Hoffnung war.

In Konstantinopel aber lebte das alte Römische Reich – griechisch sprechend – weiter bis die Osmanen 1453 noch den letzten Rest von ihm eroberten. Aber selbst das übernahm noch Titel, Formen des Hofzeremoniells des Römischen Reiches.

Das erst 1806 begrabene Heilige Römische Reich Deutscher Nation verstand sich als Fortsetzung des Römischen Reiches. In vielen Ritualen der römisch-katholischen Kirche sind noch heute Traditionen des von Augustus begründeten Kaiserreichs zu erkennen. Die römische Tradition wirkte noch sehr lange nach und in vielen Verkleidungen. Die Revolutionäre von 1789 verkleideten sich als römische Republikaner, die gegen einen der Nachfolgestaaten des Römischen Reiches Krieg führten.

Das ist alles nichts als Mythologie. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen. Nichts davon stimmt. Es ist wie auf einem Kostümfest: Jeder zieht sich an, worauf er Lust hat. Das ist wahr. Aber es ist auch falsch. Manchmal ziehen sehr viele, sehr unterschiedliche Leute dasselbe an. Wir reden dann von Mode. Und es kommt vor, dass bestimmte Ideen von uns Besitz ergreifen. Zuerst von ein paar wenigen und dann von sehr, sehr vielen. Sie erinnern sich an die des Sozialismus? Nein? Sie war untergegangen wie die des Römischen Reiches. „Wir sind nur von Freunden umgeben“, hieß es noch vor ein paar Jahren. Auch so ein Einfall.

Am 16. Januar 27. v.u.Z. war die Republik schon lange untergegangen. Das Römische Reich gab es noch nicht. Es wurde gerade erst Stück für Stück erfunden. Aber es gab schon einen, der das Sagen hatte. Einen, der wusste, dass er sich nicht allein auf einen Teil der Bevölkerung stützen durfte.

Er musste die oben und die unten bedienen und er musste ihr Herr sein. Darauf hatten sie alle Lust. Nicht nur damals.

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