Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Richy Müller atmet in seinem Clip für die Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen abwechselnd in zwei Tüten. Nach der öffentlichen Kritik hat Müller sein Video inzwischen zurückgezogen.
+
Richy Müller atmet in seinem Clip für die Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen abwechselnd in zwei Tüten. Nach der öffentlichen Kritik hat Müller sein Video inzwischen zurückgezogen.

Gesellschaft

#allesdichtmachen: Die infektiösen Folgen der Infodemie

Die Aktion ebenso wie die Reaktion auf #allesdichtmachen verweisen auf Mechanismen einer von den sozialen Medien getriebenen Debatte, sagt Autor Markus Gabriel.

Viele Menschen leiden, weil sich ein zu gefährliches Virus weiterhin verbreitet; einige, weil sie erkranken oder Freunde und Angehörige verlieren, andere, weil sie seit Monaten auf Intensivstationen und in Pflegeeinrichtungen das Leid mit ansehen müssen, ohne es gänzlich lindern zu können. Es leiden auch viele Menschen, die in keinen täglich gemeldeten Kurven statistisch für alle sichtbar gemeldet werden, darunter, dass teils sinnvolle, teils manifest unsinnige Maßnahmen getroffen werden, damit möglichst viele vor dem Virus geschützt werden. Für viele dieser Menschen, etwa für die mit Abstand absolute Mehrheit der Kinder und Jugendlichen, die Langzeitarbeitslosen und viele von denjenigen, die wegen der Maßnahmen ihre Anstellung verloren haben, sind die Maßnahmen gefährlicher als das Virus. Ihnen wird durch die Maßnahmen aktiv geschadet. Beide, die vom Virus direkt und indirekt Betroffenen sowie die Opfer der Pandemiebewältigungsmaßnahmen, verdienen Gehör, Achtung und Solidarität.

Was dieser erste Absatz kurz und knapp geschildert hat, sollte man nicht verkürzen und so tun, als ließe die Ethik der Pandemiebewältigung sich auf eine Reduktion der Inzidenzwerte und eine Beschleunigung der Impfkampagne reduzieren.

Die öffentliche Debatte, in der kontrovers über die richtigen Maßnahmenpakete gestritten wird, ist dabei seit über einem Jahr von einer medialen Dynamik gekennzeichnet, die zunehmend die irrsinnigen Argumentationsmuster der sozialen Medien abbildet. Dadurch haben sich diskursive Mechanismen verfestigt, die zu irrationalen Formen der Polarisierung und Spaltung führen.

#allesdichtmachen: Zuspruch zur Aktion nicht an Hans-Georg Maaßen festmachen

Zu diesen diskursiven Mechanismen gehört es leider auch, dass der Hinweis auf die Opfer der Pandemiebewältigung (die manchmal so genannten „Kollateralschäden“) meistens in einer Serie weniger Wortmeldungen in sozialen Medien (zunehmend: Twitter) dazu führt, ihn der AfD, Querdenkern oder der rechten Ecke zuzuschreiben. Dieser diskursive Mechanismus beruht, wie so viele der diskursiven Mechanismen der sozialen Netzwerke, auf einem Fehlschluss, ist also irrational und unbegründet.

Die vieldiskutierte Kunstaktion #allesdichtmachen lässt sich zusammen mit der Reaktion als eine durch Kunst provozierte Darstellung der diskursiven Mechanismen der Diffamierung interpretieren, also des meistens unsachlichen und persönlichen Angriffs auf Menschen, die die Schieflage kritisieren, in die wir geraten, wenn wir die Opfer der Pandemiebekämpfung ausblenden.

Es gibt mediale Muster der voreiligen Einordnung von Äußerungen zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage, die keiner sachlichen Kritik standhalten, die vielmehr längst mit einem Auge auf die sozialen Netzwerke schielen.

Markus Gabriel

Es ist bedauerlich, dass die Schauspieler und Schauspielerinnen, die Regisseure und Regisseurinnen, die sich an der Aktion beteiligt haben, anscheinend teilweise zu ihrem eigenen Entsetzen, in wenigen Stunden in die Mühle der sozialen Netzwerke und damit in diejenigen diskursiven Mechanismen verstrickt wurden, die sie in ihren Videos bereits explizit antizipieren, was in der bisherigen Debatte so gut wie gar nicht berücksichtigt wurde. Man schaue sich etwa das Video von Markus Gläser einmal an.

Zu diesen Mechanismen gehört, dass die Online-Portale der allermeisten Qualitätsmedien unserer Republik in Windeseile die exakt selbe Meldung verbreitet haben, die darin bestand, unter Berufung auf Tweets den Zuspruch zur Aktion im Wesentlichen an Hans-Georg Maaßen festzumachen und die Kritik an ihr mit positiven Prädikaten eines Verdachts gegen rechte Unterwanderung des kulturellen Mainstreams zu verbinden.

#allesdichtmachen: Die Videos haben keinen kritischen Inhalt

Der unaufhaltsame Zug der diskursiven Zerlegung der Aktion rollte los, ehe der Frage nachgegangen wurde, welche genaue Kunstform diese Videos darstellen. Was also bisher weitgehend fehlt (und dies betrifft große Teile der Corona-Debatte in unserem Land) sind einmal mehr die Stimmen der Geisteswissenschaften, die darauf spezialisiert sind, mediale und künstlerische Diskurse und Dokumente zu analysieren, ohne dabei im eigentlichen Sinne naiv vorzugehen.

Naiv ist es hierbei, die Videos (sofern sie als Kunstaktion zu verstehen sind) auf einen kritischen Inhalt hin zu deuten. Sie haben nämlich keinen solchen Inhalt. Es wird dort keine einzige Corona-Maßnahme verworfen, weshalb auch keine ernstzunehmenden Alternativen angeboten werden. Hier wird ein weiterer diskursiver Mechanismus des Hauptstroms der öffentlichen Debatte sichtbar: Man soll sich am besten nur zu Corona äußern, wenn man Virologe ist oder es sich zumindest einbildet zu sein, weil man die Twitteraccounts der Experten und Expertinnen auf Links zu Studien hin durchforstet; ein Einwurf, der auf inakzeptable Weise die Meinungs-, Kunst- und Redefreiheit in Frage stellt.

Der Autor

Markus Gabriel, geb. 1980, ist seit 2008 Professor für Philosophie an der Universität Bonn. Er hat dort den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie sowie Philosophie der Neuzeit und Gegenwart inne. Gabriel wurde durch populärwissenschaftliche Bücher bekannt, über die heftig gestritten wurde.

Zuletzt erschien : „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert“. Ullstein Verlag 2020, 368 S., 22 Euro. (jf)

Es ist auffällig und begrüßenswert, dass sich einige Künstlerinnen und Künstler inzwischen den Mechanismen widmen, die dazu führen, dass Menschen stereotypische Rollen in der Einstellung gegenüber Corona einnehmen. Dazu gehören etwa Juli Zehs Roman „Über Menschen“ sowie Daniel Kehlmanns Corona-Dialoge, die auf dieser Ebene genau das leisten, was #allesdichtmachen in meiner Lesart ebenfalls anstrebt.

Kurzum: Es gibt medial sedimentierte Muster der voreiligen Einordnung von Äußerungen zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Lage, die keiner sachlichen Kritik standhalten, die vielmehr aus Defiziten eines Medienbetriebs resultieren, der längst mit mehr als einem Auge auf die sozialen Netzwerke schielt, um darüber zu berichten, wie in diesen über etwas berichtet wird, was man eigentlich erst einmal analysieren und einordnen müsste, ohne irgendwelchen Twitter-Accounts die Gedankenführung zu überlassen.

#allesdichtmachen: Twitter als politisches Medium ist das Problem

An dieser Stelle sei der Hinweis gewagt, dass wir doch eigentlich erleichtert waren, als Donald Trumps Twittokratie endete: Das Problem dieser Twittokratie war dabei nicht (nur), dass Trump eine neue Form des Bullshits medial verbreitete, sondern dass soziale Netzwerke eine mediale Eigendynamik haben. Daher wiederhole ich mich an dieser Stelle gerne noch einmal: Twitter als politisches Medium ist das Problem, nicht Donald Trump (der fürs erste neutralisiert ist). Aber das Problem ist freilich noch allgemeiner, weil die Aktion #allesdichtmachen, die sich durch die Verwendung von Hashtags im Titel aktiv in die Denkmuster der sozialen Netzwerke einschreibt, ein Fall von Kunst im Angesicht der Algorithmen ist. Und diese Algorithmen begünstigen nun einmal aufgrund emotionaler Grundmuster einer Menschheit, die im Moment durch ein Virus und die damit verbundene psychosoziale Gesamtlage in Angst und Schrecken versetzt ist, die Verbreitung teils ihrerseits gefährlicher, eingebildeter sozialer Identitäten. Dies ist auch ein Teil der Infodemie.

Reaktion auf die Aktion #allesdichtmachen

  • Die Kritik an der Kampagne #allesdichtmachen gegen die Corona-Politik reißt nicht ab. Die Situation mache zwar allen zu schaffen, und niemand sei „mit den Entscheidungen in der Krise wirklich glücklich“, sagte der Schriftsteller Thomas Brussig dem „Tagesspiegel“ (Sonntag): „Aber mich störte diese Tonalität der Selbstgerechtigkeit der Schauspieler, diese Attitüde war schwer auszuhalten.“ Zu Anmerkungen, die Aktion sei Satire gewesen, sagte Brussig, es sei „immer besser, die Komödie erst dann zu machen, wenn die Tragödie hinter einem liegt“.
  • Zuspruch erhielt die Aktion aus dem rechten Lager, von AfD-Politikern und aus der „Querdenker“-Szene. Der Präsident der Deutschen Filmakademie, Schauspieler Ulrich Matthes, sagte, er sei nach Bekanntwerden der Kampagne „einigermaßen fassungslos“ gewesen: „Ich empfinde sie nur als zynisch.“ Manche der Beiträge seien „absoluter Querdenker-Szene-Jargon“. Dass danach Applaus aus dieser Richtung komme, „das liegt auf der Hand“. Ähnlich äußerte sich der Daten- und Politikwissenschaftler Josef Holnburger.
  • Die Schauspielerin Ulrike Folkerts erklärte inzwischen auf Instagram, ihre Teilnahme an der Aktion sei „ein Fehler“ gewesen. Die als Diskussionsbeitrag gedachten Videos seien „vielleicht falsch zu verstehen“ gewesen. Das Schauspieler-Paar Martin Brambach und Christine Sommer hat nach der Beteiligung an der Internetaktion mögliche Fehler eingeräumt.
  • Jan Josef Liefers hat die Kampagne verteidigt. Allerdings stellte er in der Talkshow „3nach9“ von Radio Bremen am Freitagabend die Art und Weise der Aktion infrage. (dpa/epd)

Anthony Kwame Appiah hat in seinem empfehlenswerten Buch „Identitäten“ darauf hingewiesen, dass soziale Identitäten immer auch „Lügen sind, die binden“, also Fiktionen, die nur teilweise zur sozialen Wirklichkeit passen. Zu solchen Fiktionen gehört auch die Klassifizierung einer Videoaktion wie #allesdichtmachen als per se parteipolitisch oder gar als rechtsradikal. Wenn es für diesen lautstark, per Shitstorm erhobenen Vorwurf keine guten Belege gibt, handelt es sich um eine Form der Beleidigung.

#allesdichtmachen: Wir brauchen mehr angstfreien Diskurs

Die Aktion hat auf der meta-medialen Ebene leider teils recht behalten und sollte deswegen dazu führen, dass nicht nur in den Medien, sondern vonseiten der Geistes- und Sozialwissenschaftler und -schaftlerinnen ein kritischer Diskurs einsetzt, der die diskursiven Mechanismen des Redens und Denkens über Corona durchleuchtet, statt sie einfach zu verwenden. Die Dringlichkeit und Gefährlichkeit der viralen Pandemie, in der wir weiterhin feststecken, darf keine Ausrede dafür sein, dass wir unsere kritischen, analytischen Instrumente unter Hinweis auf das bestehende und teils gut begründete Notstandsregime aus dem Verkehr ziehen.

Auf dieser Ebene, die nur ein Aspekt einer inzwischen komplexen Sachlage namens #allesdichtmachen ist (man beachte übrigens die im Hashtag lesbare Anspielung auf die Dichtung), ist die Videoaktion gelungen. Wie sie moralisch sowie insgesamt ästhetisch, also in ihrer Eigenschaft als Kunstaktion, einzustufen ist, ist damit längst noch nicht entschieden. Auch ist meines Wissens noch offen, welche Rolle der anscheinend zwielichtige Produzent Bernd K. Wunder in der Genese des Werks spielt.

Wie dem auch sei, um den Wert der Aktion genauer zu bemessen, müsste man damit beginnen, die einzelnen Videos und ihre Verkettung (sie wurden etwa anscheinend alle aus jeweils verschiedenen Perspektiven am selben Ort oder an einigen wenigen Orten aufgezeichnet) zu erforschen, was voraussetzt, dass man sich gerade von denjenigen Emotionen freimacht, die diese Aktion teils absichtsvoll provoziert. Wir brauchen also mehr angstfreien Diskurs, der im Angesicht von Corona offensichtlich nicht ganz einfach ist. Das ist eine der Lektionen, die wir von #allesdichtmachen lernen sollten. (Markus Gabriel)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare