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Allein mit Vernunft ist das Klima nicht zu retten

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Die Feuerwehr muss Waldbrände in Kalifornien bekämpfen.
Die Feuerwehr muss Waldbrände in Kalifornien bekämpfen. © imago

Warum Klimaschutz moralisches Handeln braucht. Von Heinz Welsch

In der Debatte um Klimawandel und Artensterben wird vielfach argumentiert, dass deren Bewältigung eine Frage der Vernunft sei, nicht der Moral. Diese Entgegensetzung von Vernunft und Moral ist unangemessen. Aus evolutionsbiologischer und kulturanthropologischer Sicht hat sich menschliche Moral entwickelt, um Probleme bewältigen zu können, die kollektiver statt individueller Vernunft bedürfen. Zu dieser Art von Problemen gehört der Klimaschutz. Wie aktuelle verhaltenswissenschaftliche Befunde zeigen, befördert die Orientierung an bestimmten moralischen Grundwerten ein Verhalten, das den Erfordernissen kollektiver Vernunft beim Klimaschutz entspricht.

1. Klimaschutz und Rationalität Klimaschutz ist ein Gemeinschaftsgut. Gemeinschaftsgüter sind solche Güter, die – einerseits – für alle Mitglieder einer Gemeinschaft nützlich sind und zu deren Bewahrung oder Herstellung es – andererseits – einer kollektiven Anstrengung bedarf, die von den Einzelnen einen gewissen Beitrag erfordert. Vielfach haben Gemeinschaftsgüter zudem die Eigenschaft, dass niemand von ihrem Nutzen ausgeschlossen werden kann. Diese Merkmale treffen auf das Klimasystem und Maßnahmen zum Erhalt seiner Funktionsfähigkeit zu.

Die Sicht der natürlichen Umwelt als Gemeinschaftsgut und die Problematik ihrer Bewahrung wurde 1968 von dem US-amerikanischen Mikrobiologen und Ökologen Garrett Hardin unter dem Stichwort „Tragödie der Gemeinschaftsgüter“ ins öffentliche Bewusstsein gehoben: Wenn ein Gut allen zur Verfügung steht, ohne dass der Zugang zu seiner Nutzung eingeschränkt werden kann, führt die rationale Verfolgung des Eigeninteresses durch jeden Einzelnen zu einer Übernutzung, die am Ende zur Zerstörung des Gutes führt. Wie der Ressourcenökonom H. Scott Gordon am Beispiel der Fischerei formulierte, wird ein Fischbestand durch das unkoordinierte Handeln der Fischer ruiniert „weil jeder, der so verwegen ist zu warten, bis er an die Reihe kommt, schließlich feststellt, dass ein anderer seinen Teil bereits weggenommen hat“.

In diesem Sinne ist es für jeden Einzelnen nicht individuell rational, seine Nutzung zu zügeln. Mehr noch: Unternimmt ein Einzelner etwas zum Schutz des Gemeinschaftsgutes, werden andere sich als „Trittbrettfahrer“ verhalten und davon profitieren, indem sie ihre Nutzungsintensität sogar noch steigern. Von einer vielfach apostrophierten „Vorreiterrolle“ beim Schutz von Gemeinschaftsgütern kann keine Rede sein; im Gegenteil.

Um den Folgen des individuell rationalen Verhaltens zu begegnen, ist es im Sinne der kollektiven Rationalität erforderlich, eine Verabredung zur Beschränkung der Nutzung zu treffen. Wenn es sich um ein Gemeinschaftsgut handelt, von dem nur oder überwiegend die Bürger und Bürgerinnen eines Staates betroffen sind, kann eine staatliche Regulierung der Nutzung als Ausdruck einer solchen gesellschaftlichen Verabredung angesehen werden, und diese ist wirksam, da sie im innerstaatlichen Rahmen mit entsprechenden Sanktionen durchgesetzt werden kann. Bei überstaatlichen Gemeinschaftsgütern funktioniert dies jedoch nicht: Wie aus den Arbeiten des Ökonomie-Nobelpreisträgers John Nash folgt, würde ein zwischenstaatliches Übereinkommen jeden Beteiligten zum Trittbrettfahren einladen, das heißt dazu, von den Anstrengungen der anderen zu profitieren, indem er von der Übereinkunft abweicht. Ohne Sanktionsmöglichkeiten sind Verabredungen, sich kollektiv rational zu verhalten, somit immanent instabil.

Ein Beispiel aus einem anderen Zusammenhang veranschaulicht dies: Jedes Mal, wenn die OPEC-Länder eine Beschränkung ihrer Ölfördermengen beschlossen haben, kam es rasch zu einem Zusammenbruch der Absprache, indem ein Land ausgeschert ist und die anderen nachzogen.

Das Fazit lautet demnach, dass ein Handeln, das ausschließlich an Rationalität ausgerichtet ist, nicht ausreicht, um die Bewahrung eines Gemeinschaftsgutes zu gewährleisten. Dies gilt umso mehr, je größer die Zahl der Handelnden ist. Im Fall des Klimawandels, an dem acht Milliarden Menschen beteiligt sind, ist der individuell rationale Beitrag zum Schutz des Gemeinschaftsgutes praktisch gleich null. Und selbst, wenn man nicht die Individuen, sondern die Staaten als die relevanten Akteure ansieht, ist deren Zahl (sowie die Unterschiedlichkeit der Interessenlagen) immer noch so groß, dass in der Summe nur unzureichende Beiträge zusammenkommen. Lediglich dann, wenn Ausmaß und Kosten der erforderlichen Verhaltensänderungen gering sind, besteht die Chance auf ein wirksames Abkommen, wie etwa im Fall des Montrealer Protokolls zum Schutz der Ozonschicht von 1987. Im Fall des Klimaschutzes mit seinen immensen Umstrukturierungserfordernissen hingegen sind die Hemmnisse immens. Die vollkommen unzureichenden freiwilligen Beiträge (nationally determined contributions), die die Länder im Gefolge des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 bisher angeboten haben, liefern eine traurige Bestätigung dieser theoretischen Erkenntnisse.

2. Rationalität und Moral: Die moderne Evolutionsbiologie und Kulturanthropologie versteht Moral als eine psychologische Disposition, sich entgegen individueller Rationalität in einer Weise zu verhalten, die der Bewahrung oder Herstellung von Gemeinschaftsgütern förderlich ist. In der biologischen und kulturellen Evolution haben sich solche Dispositionen herausgebildet, da sie für Gruppen, in denen sie vorhanden sind, mit einem Überlebensvorteil verbunden sind. Beispielsweise stellt die Bereitschaft der Gruppenmitglieder zur kollektiven Verteidigung ein Gemeinschaftsgut dar, das der Gruppe einen Vorteil gegenüber Gruppen verschafft, deren Mitglieder diesbezüglich zum Trittbrettfahren neigen.

Kennzeichnend für derartiges moralisches Handeln ist, dass es nicht allein an den (erwünschten oder unerwünschten) Konsequenzen der Handlungen orientiert ist, sondern bestimmte Handlungen einen Wert an sich darstellen. Moralisches Handeln ist ein solches, bei dem gemeinschaftsförderliche Handlungen per se für die Handelnden einen psychologischen Nutzen stiften, nicht (nur) einen Nutzen, der aus den Folgen der Handlungen resultiert. Wie am Beispiel der Gemeinschaftsgüter dargestellt, sind im Falle vieler Beteiligter Handlungen Einzelner im Sinne ihrer Folgen von geringem Nutzen und werden deshalb gemäß dem Kalkül individueller Rationalität unterbleiben. Moral bewirkt jedoch, dass sich, unbeschadet der geringen Wirksamkeit von Einzelhandlungen, viele Menschen für das Gemeinschaftsgut engagieren. Moral steht demnach der Vernunft nicht entgegen. Vielmehr ist sie geeignet, der kollektiven Rationalität gegenüber der individuellen Rationalität die Oberhand zu verschaffen.

Auch wenn Moral, in diesem Sinne, ein abstraktes Konzept ist, so hat die junge Disziplin der Moralpsychologie herausgefunden, dass es eine wohldefinierte Menge moralischer Grundwerte gibt, die in allen Kulturen der Welt anzutreffen sind: Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit. Diese Prinzipien sind kollektiv nützlich, indem ihre Befolgung bestimmte kollektive Bedürfnisse befördert. Nach dem Moralpsychologen Jonathan Haidt waren dies ursprünglich die Bedürfnisse nach Fürsorge für verletzliche Kinder (Fürsorge), Nutzung von Kooperationsvorteilen (Fairness), Einschränkung individueller Macht und Dominanz (Freiheit), Gruppenzusammenhalt im Wettbewerb mit anderen Gruppen (Loyalität), Bildung nützlicher Hierarchien (Autorität) sowie Schutz gegen unreine Substanzen (Reinheit). Diese ursprünglichen Bedürfnisse sind in modernen Gesellschaften weiterhin relevant, auch wenn sich der Gegenstandsbereich der Prinzipien verändert und erweitert hat. So nahm beispielsweise das Prinzip der Reinheit, das ursprünglich der Abwehr von Infektionen diente, im Zuge der kulturellen Entwicklung die abstraktere Form der Unantastbarkeit oder „Heiligkeit“ (bewährter) Regeln und Traditionen an.

In ihrer modernen Form sind die moralischen Grundwerte für die Gemeinschaftsgüter Umwelt- und Klimaschutz potentiell relevant, indem sie sich beispielsweise auf Verletzlichkeit und Bedürftigkeit (Prinzip Fürsorge), Nutzen und Kosten von Kooperation (Fairness), Schutz der Gruppe gegen äußere Bedrohungen (Loyalität) oder Schutz vor Schadstoffen (Reinheit) beziehen. Dabei ist von Belang, dass die Prinzipien Loyalität, Autorität und Reinheit tendenziell gruppenbezogen sind, das heißt, Gemeinschaftsgüter betreffen, deren Nutzen vorwiegend auf die jeweilige Gruppe entfällt. Die Prinzipien Fürsorge, Fairness und Freiheit sind hingegen auf alle Individuen bezogen, unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit. Es handelt sich um Prinzipien, die durch die universalistische Philosophie der Aufklärung in der westlichen Kultur einen hohen Stellenwert erhalten haben. Wie die moralpsychologische Forschung gezeigt hat, sind diese Prinzipien in den nichtwestlichen Gesellschaften ebenfalls vorhanden, aber im Vergleich zu den gruppenbezogenen Prinzipien von geringerer Bedeutung.

Bezogen auf die Bereitschaft zu Umwelt- und Klimaschutz legt die Unterscheidung zwischen gruppenbezogenen und universalistischen moralischen Grundwerten es nahe, dass die ersteren eher für lokale oder regionale Umweltgüter (etwa Luft- und Wasserreinheit) von Belang sind, während der Klimaschutz, als globales Gemeinschaftsgut, eher von der Befolgung der universalistischen Prinzipien profitiert.

3. Klimaschutz und Moral: Die Forschung zu den moralischen Grundwerten deutet also darauf hin, dass ihre Befolgung zu einer Milderung der unerwünschten Folgen individueller Rationalität im Kontext des Klimawandels beitragen kann. Ob dies tatsächlich der Fall ist, wurde jüngst in einer empirischen Studie über den Zusammenhang zwischen dem umweltfreundlichen bzw. -unfreundlichen Verhalten von über 25 000 Personen in Westeuropa und dem Grad ihrer Unterstützung der moralischen Grundwerte untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass eine stärkere Unterstützung der moralischen Grundwerte mit stärkeren Bemühungen um Energieeinsparung und einer erhöhten Bereitschaft zum Kauf energieeffizienter Haushaltsgeräte einhergeht. Ebenso stellte sich heraus, dass die Zustimmung zu Steuern auf fossile Brennstoffe, Subventionen für erneuerbare Energien sowie einem Verbot ineffizienter Haushaltsgeräte mit dem Grad der Unterstützung der moralischen Prinzipien steigt. Als besonders förderlich erwiesen sich dabei die Prinzipien Fairness, Fürsorge und Loyalität. Die Prinzipien Freiheit, Autorität und Reinheit waren hingegen von untergeordneter Bedeutung. Bezüglich des Prinzips Freiheit wurde festgestellt, dass seine Unterstützung zwar in gewissem Maße mit umweltfreundlichem individuellem Verhalten einhergeht, sich jedoch weniger positiv auf die Unterstützung von umweltpolitischen Staatseingriffen in Form von Steuern, Subventionen und Verboten auswirkt.

Diese Befunde wurden weiter differenziert, indem der Einfluss der moralischen Grundwerte in Hinsicht auf lokale und regionale Umweltgüter einerseits und auf Klimaschutz, als globales Gemeinschaftsgut, andererseits betrachtet wurde. Hierbei zeigte sich, dass der klimaspezifische Einfluss der moralischen Prinzipien sich ganz überwiegend aus den universalistischen Prinzipien Fairness und Fürsorge speist, während die gruppenbezogenen Prinzipien Loyalität, Autorität und Reinheit sich ambivalent oder negativ auswirken. Bemerkenswert ist dabei der Fall der Loyalität, das heißt, die Sorge um das Wohl nahestehender Personen: Wertschätzung für Loyalität befördert klimafreundliches Verhalten nur insoweit, wie der Aspekt von Klimaschutz als globales, gruppenübergreifendes Gemeinschaftsgut ausgeblendet bleibt. Wird hingegen auf diesen Aspekt fokussiert, ist eine stärkere Betonung von Loyalität kontraproduktiv für den Klimaschutz.

In Bezug auf das vermeintliche Spannungsverhältnis von Vernunft und Moral beim Klimaschutz lässt sich also feststellen, dass die Wertschätzung moralischer Grundwerte geeignet ist, die negativen Auswirkungen individuell rationalen Verhaltens zu mildern. Moral unterstützt kollektive Rationalität, wo individuelle Rationalität versagt. Dabei kommt den universalistischen Werten von Fairness und Fürsorge eine hervorgehobene Rolle zu.

4. Sind wir moralisch genug? Der Schutz eines funktionierenden Klimasystems ist, zusammen mit dem Schutz der Artenvielfalt, das herausforderndste Gemeinschaftsgut in der Menschheitsgeschichte. Die Herausforderung liegt nicht nur in Ausmaß und Kosten der erforderlichen Umstrukturierungen begründet, sondern darin, dass es sich um ein globales Gemeinschaftsgut handelt. Notwendige Maßnahmen zu seiner Bewahrung gehen weit über das hinaus, was nach dem Kalkül individueller Rationalität zu erwarten ist. Deshalb erfordert der Schutz eines sowohl aus menschlicher wie ökologischer Sicht funktionierenden Klimasystems moralisches Handeln, denn menschliche Moral ist die Antwort der biologischen und kulturellen Evolution auf die Fallstricke individueller Rationalität. Dabei erweist sich universalistische Moral, die nicht nur auf das Wohl der jeweils eigenen Gruppe abzielt, als ausschlaggebend, während gruppenbezogene Moral eher kontraproduktiv wirkt.

Der menschengemachte Klimawandel ist das unerwünschte Nebenprodukt einer beispiellosen Expansion technologischer Kräfte seit Beginn der industriellen Revolution. Parallel zu diesem technologischen Wandel hat sich in der Folge der Aufklärungsphilosophie in den westlichen Gesellschaften, und darüber hinaus, ein moralischer Wandel im Sinne einer stärkeren Betonung universalistischer gegenüber gruppenbezogener Moral vollzogen. Ob dieser moralische Wandel ausreichend ist, die unerwünschten Effekte des technologischen Wandels der letzten beiden Jahrhunderte einzudämmen bzw. diesen in die erforderliche Richtung zu lenken, ist eine offene Frage. Die derzeitigen Kulturkämpfe zwischen universalistischer und gruppenbezogener Moral lassen Zweifel aufkommen.

Heinz Welsch ist Professor em. für Volkswirtschaft an der Universität Oldenburg. Literatur: Heinz Welsch, Moral Foundations and Voluntary Public Good Provision: The Case of Climate Change. Ecological Economics 175 (2020). 

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