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„Eine entmenschlichende Sprache ist nichts Neues“: Alexandria Ocasio-Cortez.

Alexandria Ocasio-Cortez

Ocasio-Cortez über Misogynismus: „Es richtet sich gegen jede Frau in diesem Land“

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Die Sprache der Macht will beleidigen und demütigen. Das hinzunehmen, heißt die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Eine Lektion aus dem US-Repräsentantenhaus.

Alexandria Ocasio-Cortez wurde am 13. Oktober 1989 in der Bronx geboren. Schon ihr Vater war in der Bronx geboren. Ihre Mutter stammt aus Puerto Rico. Seit Januar 2019 vertritt sie ihren Stadtteil im Repräsentantenhaus der USA. Sie ist die jüngste Abgeordnete und beeindruckend aktiv. Auf Youtube gibt es ein Video, das über eine Stunde lang Ausschnitte aus ihrer Arbeit zeigt. Hier aber geht es nicht darum, wie die Pharma-Industrie den amerikanischen Steuerzahler mehrfach zur Kasse bittet oder um mehr als ein Dutzend ähnlich gelagerter Fälle, sondern um eine kurze Rede, mit der sie weltweit für Aufsehen sorgte. Ich habe sie übersetzt und stelle sie hier kurz vor, weil ich sie für eine der besten Reden halte, die zum Thema jemals gehalten wurden. Wer sie sich ansehen möchte, kann das vielerorts tun.

Nach der großen Resonanz auf ihre Rede veröffentlichte Alexandria Ocasio-Cortez auf Instagram die Notizen, die sie sich dazu gemacht hatte. Sie schreibt da zum Beispiel, dass sie zunächst hatte schweigend darüber hinweg gehen wollen, „weil jede einzelne von uns nach diesem stillen Skript lebt: bleib still (warum?), halte deinen Kopf unten (für wen?), schluck es runter (zu wessen Vorteil?).“ Aber, so fragt sie sich, würde ich schweigen, wenn es eine andere Frau getroffen hätte? Nein, natürlich nicht. So findet sie ihre Stimme. Dazu gehört auch, dass sie mehrmals langsam und deutlich sagt, wie der Abgeordnete Ted Yoho sie nannte: „fucking bitch“. So steht es jetzt im Protokoll des Repräsentantenhaus. So hört sie sich an: die Sprache der Macht.

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I want to thank everyone for your immense outpouring of personal stories and support for one another after last week’s speech on the violence of misogyny and abuse of power in the workplace. I figured I’d share some behind-the-scenes details of what went into that moment. . Many have asked me if my speech was pre-written. The answer is no. But in some ways, yes. Yes because this speech was a recounting of thoughts that so many women and femme people have carried since the time we were children. It flowed because every single one of us has lived this silent script: stay silent (why?), keep your head down (for whom?), suck it up (to whose benefit?). But my chosen words were largely extemporaneous. I got to the House floor about ten minutes before my speech and scribbled down some quick notes after reflecting on what had transpired over the last few days. Pictured here are all the notes I had, and from there I improvised my composition and spoke live. . The evening before my speech, I did not know what I was going to say. I wrestled with this question: what is there to say to a man who isn’t listening? I couldn’t come up with much, because frankly I didn’t want to diminish myself or waste my breath. It was then that I decided if I couldn’t get through to him, perhaps I could speak directly to the culture, people, and institutions responsible for creating and protecting this violence and violent language. . I also reflected on MY role in all of this - to me, this speech was about holding myself accountable as much as anyone else. Because my first instinct was to let it go. It was my second instinct, too. It was only when sisters like @ayannapressley, @rashidatlaib, @repilhan and friends like @repraskin reminded me how unacceptable this all was that I started to think about what I would have done if this abuse happened to any other person BUT me. That is when I found my voice. Why is it okay to swallow our own abuse, yet stand up for others? I needed to learn that by standing up for ourselves, we break the chain of abuse and stand up for every person after us who would have been subject to more of the same with lack of accountability. . So rise.

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Und genau darum geht es diesen Männern. Sie wollen zeigen, dass sie die Macht haben, andere zu erniedrigen. Es geht darum, oben zu stehen und straflos nach unten treten zu können. Das ist die Botschaft, mit der Ted Yoho Alexandria Ocasio-Cortez auf den Stufen des Capitols, des zentralen Orts der US-Demokratie, attackiert. Das ist die Botschaft, mit der Donald Trump zum Präsidenten der USA wurde. Er wirft seinen Anhängern nicht nur Immigranten und Immigrantenkinder zur Erniedrigung vor die Füße, sondern immer wieder auch die Frauen, 50,6 Prozent der Bevölkerung der USA. „Greif ihnen zwischen die Beine. Und dann kannst du alles machen.“ Das ist die Sprache des Präsidenten der USA.

„Es handelt sich hier nicht um einen einzelnen Vorfall. Es ist eine Kultur. Eine Kultur, in der Gewalt und eine gewalttätige Sprache gegen Frauen straflos bleiben und eine ganze Machtstruktur dieses Verhalten unterstützt.“

Alexandria Ocasio-Cortez

Doch hier ist die Rede von Alexandria Ocasio-Cortez: „Vor zwei Tagen ging ich die Stufen hoch zum Capitol, als der Kongressabgeordnete Ted Yoho, begleitet von dem Abgeordneten Roger Williams, sich zu mir wandte, mir seinen Finger ins Gesicht hielt, mich widerlich, verrückt, durchgedreht und gefährlich nannte. Ich sagte ihm, er sei unhöflich. ‚Ich bin unhöflich! Nennen Sie mich ruhig unhöflich‘, antwortete er.

Ich ging weiter ins Parlament, um meine Stimme abzugeben. Die Bürger haben mich dafür gewählt, dass ich hier für sie kämpfe, dass sie ein Dach über dem Kopf haben, dass sie ihre Familie ernähren und ein anständiges Leben führen können. Ich ging wieder hinaus. Vor dem Kapitol standen Reporter und ihnen gegenüber nannte mich der Abgeordnete Yoho – ich zitiere ihn hier – eine ,fucking bitch‘ (verfickte Schlampe). Das sind die Worte, die der Abgeordnete Yoho nicht nur gegen die Kongressabgeordnete des 14. Bezirks von New York richtete, sondern gegen jede Kongressabgeordnete, gegen jede Frau in diesem Land. Denn jede von uns hat in ihrem Leben in dieser oder jener Form mit solchen Angriffen zu tun.

Ich möchte klarstellen: Die Äußerungen des Abgeordneten Yoho haben mich nicht zutiefst verletzt. Ich habe das schon früher erlebt. Als ich in Restaurants kellnerte, in der U-Bahn fuhr, oder auch einfach nur in den Straßen New Yorks unterwegs war. Diese Art zu sprechen, ist nicht neu. Ich wurde mit den Worten, die der Abgeordnete Yoho verwendet, in Restaurants belästigt. Ich habe Männer aus Bars geworfen, die so redeten wie der Abgeordnete Yoho. Das ist alles nicht neu. Das ist das Problem.

Mr Yoho war nicht allein. Er ging zusammen mit dem Abgeordneten Roger Williams. Wir sehen: Es handelt sich hier nicht um einen einzelnen Vorfall. Es ist eine Kultur. Eine Kultur, in der Gewalt und eine gewalttätige Sprache gegen Frauen straflos bleiben und eine ganze Machtstruktur dieses Verhalten unterstützt. Nicht nur in diesem Falle und nicht nur hier. Der Präsident der Vereinigten Staaten erklärte mir vergangenes Jahr, ich solle nach Hause gehen, in ein anderes Land. Ich gehöre, das meinte er, nicht in die USA. Der Gouverneur von Florida, Ron de Santis, er war bis 2018 Abgeordneter in diesem Haus, nannte mich, da hatte ich den Amtseid noch nicht geleistet, schon eine ,was immer das sein mag‘.

Eine entmenschlichende Sprache ist nichts Neues. Vorfälle wie diese folgen einem Muster. Es geht darum, Frauen zu erniedrigen und andere zu entmenschlichen. Ich war nicht sonderlich getroffen, und als ich unmittelbar danach darüber nachdachte, meinte ich, ich sollte meine Sachen zusammenpacken und nach Hause gehen. Das ist wieder so ein Tag, dachte ich.

„Ich habe keine Lust hier darauf zu warten, dass ein Mann sich eine Entschuldigung abringt, der es nicht bedauert, Frauen zu beleidigen.“

Alexandria Ocasio-Cortez

Aber als dann gestern der Abgeordnete Yoho beschloss, sich zu Wort zu melden und sich hier im Plenarsaal des Parlamentes für seinen Fehler zu entschuldigen, da beschloss ich, dazu etwas zu sagen. Ich konnte nicht zulassen, dass er diese Art Entschuldigung hier einfach unwidersprochen vortragen konnte. Meiner Nichten wegen ging das nicht. Ich durfte nicht zulassen, dass junge Mädchen, dass die Opfer von verbalem Missbrauch und Schlimmerem erlebten, dass er so etwas erklären durfte und dass es von unseren Abgeordneten als legitime Rechtfertigung akzeptiert wurde. Dazu zu schweigen, hätte bedeutet, diese Art Entschuldigung anzuerkennen. Das konnte ich nicht.

Ich brauche es nicht, dass der Abgeordnete Yoho sich bei mir entschuldigt. Es ist ganz deutlich: Er will es nicht. Ich habe keine Lust hier darauf zu warten, dass ein Mann sich eine Entschuldigung abringt, der es nicht bedauert, Frauen zu beleidigen. Aber nicht durchgehen lassen kann ich es, wenn ein Mann Frauen und Kinder als Schutzschild für sein schlechtes Benehmen benutzt. Mr. Yoho erwähnte, er habe eine Frau und zwei Töchter. Ich bin zwei Jahre jünger als seine jüngste Tochter. Auch ich bin jemandes Tochter. Mein Vater ist nicht mehr am Leben. So hat er glücklicherweise nicht sehen können, wie Mr. Yoho seine Tochter behandelte. Meine Mutter sah im Fernsehen, wie respektlos er mir auf den Stufen des Parlaments entgegentrat. Ich stehe hier, weil ich meinen Eltern zeigen muss, dass ich ihre Tochter bin, dass sie mich nicht so erzogen haben, dass ich den Missbrauch durch Männer akzeptiere.

Ich stehe hier, weil ich sagen möchte: Bei der Verletzung, die Mr. Yoho mir zuzufügen versuchte, ging es nicht um mich. Wer so etwas sagt, in aller Öffentlichkeit, vor der Presse, der erlaubt damit anderen, seine Frau und seine Töchter genauso anzugreifen. Ich stehe hier, um zu erklären: Das ist nicht akzeptabel. Völlig gleichgültig, welche Ansichten man hat.

Eine Tochter zu haben, macht einen Mann nicht anständig. Eine Frau zu haben, macht einen Mann nicht anständig. Menschen mit Würde und Respekt zu begegnen, macht ihn zu einem anständigen Mann. Macht ein anständiger Mann mal einen Fehler, wie wir alle es immer mal wieder tun, dann bittet er um Entschuldigung. Nicht, um sein Gesicht zu wahren oder eine Wahl zu gewinnen. Er entschuldigt sich aufrichtig, um den Schaden, den er angerichtet hat, anzuerkennen und zu reparieren, damit wir alle weitermachen können.

Am Ende möchte ich mich noch bei Mr. Yoho bedanken. Er hat der Welt gezeigt, dass man ein mächtiger Mann sein kann und Frauen beleidigt, man kann Töchter haben und Frauen beleidigen, ohne sich zu schämen; man kann verheiratet sein und Frauen beleidigen; man kann sich fotografieren lassen als hervorragender Familienvater und Frauen beleidigen, ohne sich zu schämen und mit dem Gefühl, dafür niemals bestraft zu werden. Das passiert überall auf der Welt, überall in unserem Land, und es passierte hier auf den Stufen des Kapitols. Es passiert, wenn Personen, die das höchste Amt unseres Landes innehaben, zulassen, dass Frauen beleidigt werden und zulassen, dass diese Sprache gegen jede von uns verwendet werden darf.“

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