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Alexander Graeff über Bisexuelle: Wir existieren und sind gar nicht so wenige

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Von: Alexander Graeff

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Jake Gyllenhaal (l.) und Heath Ledger in „Brokeback Mountain“ (2005): Die Rezeption ignorierte, dass es sich eindeutig um bisexuell angelegte Charaktere handelte. 	Imago Images
Jake Gyllenhaal (l.) und Heath Ledger in „Brokeback Mountain“ (2005): Die Rezeption ignorierte, dass es sich eindeutig um bisexuell angelegte Charaktere handelte. © imago stock&people

Am 23. September ist der internationale Tag der Bisexualität und erinnert an Phasen, Spektren und Übergängen in einer Welt, die gerne eindeutig sortiert – und das Zweideutige mit dem Mythos der Anrüchigkeit versieht

Ich bin ein Vampir. Zumindest, wenn ich den vielen popkulturellen Deutungen meiner sexuellen Orientierung glauben schenke. Filme und Literatur sind voll von dieser hypersexuellen und mysteriösen Figur. Selbst Magisterarbeiten, die sich der Sexualität in Bram Stokers „Dracula“ widmen, präsentieren diese als bisexuell. Wer mich zu Partys einlädt, kann vor meinem unstillbaren Hunger nie sicher sein. Ich bin nicht wählerisch. Doch es ist kein Blut, das ich sauge. Mir geht es um menschliche Energie. Ich muss niemanden beißen, meine Anwesenheit reicht vollkommen. Das tue ich, um selbst ausreichend Energie zu haben. Denn die brauche ich, um in zwei Welten wandeln zu können. Ich bin tag- und nachtaktiv. Mit meiner ungebundenen Doppelexistenz bekräftige ich die vermeintliche „Natur“ der Binarität, des Tages und der Nacht – erzählt man sich.

Was ich begehre, muss ja vorhanden sein: Männer, Frauen – sagen sie. Mittels ausgefeilter Camouflagetechnik bewege ich mich in der sonnenhellen Heteroshpäre ebenso wie in den dionysischen Ecken der Homoshpäre. Warum ich hier Begriffe der Meteorologie verwende? Weil sie in verblüffender Weise bestens beschreiben, wie unsere heteronormative Mehrheitsgesellschaft tickt. „In der Homosphäre sind die Atmosphärengase gut durchmischt, in der darüber liegenden Heterosphäre beginnen sich die Atmosphärenbestandteile mit wachsender Höhe zunehmend zu entmischen“ (vgl. Wikipedia). So die Story. So die Atmosphäre.

Die am meisten mit Mythen belastete sexuelle Orientierung ist die Bisexualität. Wer verstehen will, welche Macht literarische und filmische Figuren haben, muss sich die Assoziationen anschauen, die Personen der sozialen Realität, die diesen Figuren gleichen, gemeinhin auslösen. Kleine Auswahl: Bisexuelle Frauen stehen stets für einen Dreier zur Verfügung. Bisexuelle Männer gibt es überhaupt nicht, denn die sind eigentlich schwul.

Aber nicht nur durch Popkultur werden diese Mythen verstärkt, auch durch unreflektierte Mentalitäten, deren Denkfiguren oft ihre mythische Herkunft verschleiern. In diesem Sinne sind Mythen wie soziale Normen – über ihre Entstehung spricht man nicht. Als Projektionsfläche und Fantasiefiguren sind wir Bisexuelle also irgendwie nur halbexistent, halbpräsent. Und in den wenigen Filmen und Büchern, in denen wir realistisch gezeichnet werden, macht uns die Rezeption unsichtbar. Jahrelang diskutierten die Medien über die schwulen Cowboys aus „Brokeback Mountain“, dabei handelt es sich eindeutig um bisexuell angelegte Charaktere. In diese Atmosphäre, durch die wir wie ein vager Wind streifen, gibt es kein Dazwischen. Gemäß der monosexuellen Vorstellung existiert kein Mittelweg. Entweder hetero oder homo. Basta! Doch wir existieren, und sind gar nicht so wenige.

Der 23. September ist der internationale Tag der Bisexualität. Immer noch müssen wir über Mythen reden. Denn, wer hätte es gedacht, die Wirklichkeit ist anders. Unsere Sexualität rüttelt an der Glaubwürdigkeit von Monosexualität und Zweigeschlechtersystem. Das bringt Probleme mit sich. Eine Studie über nicht-traditionelle Beziehungen bekräftigt die kursierenden Vorurteile. Hiernach werden Bisexuelle als „zwielichtige Gestalten“, „nicht vertrauenswürdige Partner*innen“ und „promiskuitive Schlampen“ angesehen (vgl. Christian Kleese: „Creating bisexual intimacies in the face of heteronormativity and biphobia“, 2011).

Eine Befragung über Gewalt in Paarbeziehungen macht daneben deutlich, dass bisexuelle Personen deutlich häufiger Opfer von Gewalt in Partnerschaften werden (vgl. „National Intimate Partner Violence Survey“, 2010). 61 Prozent bisexueller Frauen, 44 Prozent lesbischer Frauen und 35 Prozent heterosexueller Frauen wurden vergewaltigt und erfuhren physische Gewalt durch ihren Intimpartner oder ihre Intimpartnerin. Bei den Männern sieht es so aus: 37 Prozent bisexueller, 29 Prozent heterosexueller und 26 Prozent homosexueller Männer wurden vergewaltigt und Opfer von physischer Gewalt. Mythen erzeugen Vorurteile, Vorurteile formen Sprache, Sprache formt Bewusstsein, Bewusstsein prägt unser Verhalten. Genau das Verhalten ist problematisch. Bisexuelle erfahren in der oben skizzierten gesellschaftlichen Atmosphäre eine doppelte Diskriminierung. Von der heteronormativen Mehrheitsgesellschaft werden wir wegen der Abweichung von Mono- und Heterosexualität ausgeschlossen (oder exotistiert, was auf dasselbe Ergebnis hinausläuft). Und in der queeren Community gelten wir als unsicher, weil auch hier monosexueller Entscheidungszwang und identitäre Persönlichkeitszementierung uns nahelegen, nur zu 50 Prozent queer zu sein.

Die historisch gewachsene schwul-lesbische Dominanz innerhalb der queeren Community hat dafür gesorgt, dass Teile der eigenen Geschichte unsichtbar wurden. Das betrifft trans Aktivist*innen der ersten Stunde ebenso wie bisexuelle. So wurde zum Beispiel vergessen, welche sexuelle Orientierung eine der wichtigsten Aktivistinnen der frühen Pride-Bewegung ihr eigen nannte. Die „Mutter des Pride“, Brenda Howard (1946–2005), engagierte sich in den 70er Jahren nicht nur für BDSM- und LSBT-Rechte, sondern sorgte mit ihren Aktionen auch dafür, dass die Stonewall-Aufstände von 1969 in New York nicht in Vergessenheit gerieten. Das alles unter dem Motto „Bi, poly, switch“.

Reden wir mal über Definitionen. Ich selbst erlebe meine nicht-monosexuelle Orientierung mmer qualitativ, das heißt in Bezug zu meinem Begehren, das sich nicht am vermeintlich sichtbaren Geschlecht einer Person festmacht. Ich bin nicht halb-hetero oder halb-queer. Mein Begehren bezieht sich vielmehr auf konkrete, individuelle Körper. Bisexualität bezieht sich nämlich nicht – wie oft lapidar dahingesagt – auf Männer und Frauen, sondern bewegt sich auf einem Spektrum zwischen gleich- und gegengeschlechtlicher Anziehung.

Doch mit unseren Phasen, Spektren und Übergängen können wir weder bei Homos noch bei Heteros einen Blumentopf gewinnen. In der Hinsicht scheinen uns trans und nonbinäre Communities näher zu sein. Doch auch hier begegnet uns immer noch das Vorurteil, Bisexualität verfestige das Zweigeschlechtersystem durch unsere vermeintliche Präferenz für „Mann“ und „Frau“. Dieses Vorurteil veranlasste einige, sich als pansexuell zu bezeichnen. Für Pansexuelle spielt das (gleiche oder andere) Geschlecht derjenigen Personen, die sie begehren, keine Rolle. Beide Orientierungen gehören ins Bi+-Spektrum. Bisexualität wird insgesamt als Sammelbegriff für alle nicht-monosexuellen Identitäten verwendet.

Sexuelle Identität als Spektrum zu begreifen, ist eine Denkfigur, die mit der Erforschung der Bisexualität historisch verbunden ist. Der Psychiater Fritz Klein (1932–2006) etwa ergänzte die gängigen sexualwissenschaftlichen Testverfahren um das sogenannte Klein-Raster, das – ähnlich wie die berühmte Kinsey-Skala – menschliche Sexualität auf einer Bandbreite möglicher Erscheinungsformen verortet. Kleins Raster unterscheidet dabei zwischen sexueller Anziehung, Sexualverhalten, sexuellen Fantasien, Lebensstil, Selbstzuschreibung u. ä. Im Test ging es um Antworten entlang dieser Kategorien mit einer Skala von 1 bis 7.

Kleins Forschung trug nicht nur maßgeblich zur Entmythisierung der Bisexualität bei, seine Ansätze machen auch quantitativ sichtbar, was Menschen bei qualitativ-biografischen Befragungen gemeinhin erzählen: Sexualität ist im Verlauf des Lebens nichts Identisches, sondern fluide.

Leider trägt die Wissenschaft nicht immer zur Dekonstruktion von Mythen bei. Manchmal verstärkt sie sie. Das konnte man kürzlich in den Debatten um den Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht an der Humboldt-Universität in Berlin erleben. Sigmund Freud (1856–1939) trug maßgeblich zur Entstehung von Mythen und Vorurteilen bei. In seinen Schriften vermengte er konsequent die biologische Kategorie „Geschlecht“, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität.

Zur Sache

Den Tag der Bisexualität am 23. September gibt es seit 1999. Initiiert wurde er als „Celebrate Bisexuality Day“ in den USA, organisiert damals von den Aktivistinnen Wendy Curry und Gigi Raven Wilbur sowie ihrem Mitstreiter Michael Page. Page hatte ein Jahr zuvor auch eine Fahne entworfen: Pink und Blau treffen
in der Mitte zu Lila zusammen.

Julia Shaw: Bi. Vielfältige Liebe entdecken. A. d. Eng. v. Sabine Reinhardus. Hanser Verlag, München 2022. 304 Seiten, 25 Euro.

Unter Bisexualität verstand er nichts weiter als ein unreifes, kindliches Entwicklungsstadium der Sexualität – bloß eine Phase! – und brachte sie mit Hysterie in Verbindung. Da sich Freud und seine Psychoanalyse aber durch Kunst und Popkultur so enorm in die Mentalitätsstrukturen der Menschen auf der ganzen Welt einnisten konnte, fällt es uns heute so schwer, besagte Mythen zu erkennen und zu dekonstruieren.

Aufgrund der doppelten Diskriminierung leben Bisexuelle im Vergleich zu anderen queeren Personen isolierter. Zahlreiche Studien zeigen, dass sich Bisexuelle auch weniger outen als andere Queers. Belastend aber sind die Fremdzuschreibungen, die sich an einer vermeintlich sichtbaren Orientierung festmachen. Werde ich in einem heterosexuellen Kontext mit einer männlich gelesenen Person gesehen, deuten uns die meisten als schwules Paar. Werde ich im queeren Kontext mit einer weiblich gelesenen Person gesehen, werden wir als heterosexuelle Eindringlinge betrachtet. Wenn ich mit einer männlich gelesenen Person und einer weiblich gelesenen Person unterwegs bin, sind wir eine Clique. Kaum jemand kommt auf die Idee, dass ich bisexuell sein könnte und in einer polyamoren Beziehung lebe.

Das bringt mich zu einem weiteren Mythos: Bisexuelle können nicht monogam sein, heißt es. Abgesehen davon, dass die obligatorische Monogamie für mich persönlich keinen anzustrebenden Lebensentwurf dargestellt, Menschen haben ein Recht auf Romantik – auch Bisexuelle. Es gibt zwar eine gewisse Tendenz bisexueller Personen zu einvernehmlichen, nicht-monogamen Beziehungs- und Liebesformen, allerdings davon auszugehen, Bisexuelle wären zu romantischer Monogamie oder traditioneller Ehe nicht fähig, ist gefährlicher Unsinn.

Die doppelte Diskriminierung hat aber nicht nur persönliche und soziale Konsequenzen, sondern auch rechtliche. Bisexuelle haben es oft schwer, in Deutschland Asyl zu bekommen, denn leider vertrauen die Behörden einer nicht-monosexuellen Orientierung wenig. Das Argument lautet, Bisexuelle könnten sich in den restriktiven Herkunftsgesellschaften doch „ohne Identitätsverlust“ so verbergen, dass sie bloß ihre „heterosexuelle Seite“ ausleben (vgl. Juliane Linke: „Bisexualität als Fluchtgrund“, 2021).

Für die Bi+-Community in Deutschland ist 2022 ein besonderes Jahr. Es geschah nämlich etwas Historisches: Mit gigantischem medialen Budenzauber wurde ein Buch auf den Markt gebracht und seit Mitte Mai medienwirksam promotet: Julia Shaws „Bi. Vielfältige Liebe entdecken“. Die deutsch-kanadische Rechtspsychologin wurde in alle möglichen Talkshows eingeladen, kam zur Signierstunde ins Berliner Lafayette und war Covergirl des „Süddeutschen Magazins“ Nr. 30 – inklusive großem Interview im Innenteil.

Noch nie zuvor war das Thema Bisexualität so präsent in den Mainstream-Medien. Das ist großartig, weil „Bi“ viele Mythen und Vorurteile über Bisexualität dekonstruiert, indem es empirische Studien anführt und das Thema mit Queer History kontextualisiert. Selten war Bisexualität so stark im Bewusstsein. Nicht umsonst wird das B im queeren Buchstabensalat als das „stille B“ bezeichnet, vielleicht nur noch getoppt vom A für Asexualität.

Man muss sich jedoch klar machen, dass die große Aufmerksamkeit nicht am Thema liegt, sondern an Julia Shaw. Sie ist nämlich, was das Verlagswesen eine Bestsellerautorin nennt. Ihre Bücher „Das trügerische Gedächtnis“ (2016) und „Böse. Die Psychologie unserer Abgründe“ (2018) verkauften sich gut und generierten gleichfalls große mediale Aufmerksamkeit. Julia Shaw selbst outete sich übrigens 2018 als bi, in ihrem Buch über das Böse. Shaw schreibt in „Bi“ auch über ein Verlagswesen, das sich schwer tut mit dem Thema Bisexualität. Der erste Verlag hat ihr Manuskript abgelehnt, da der Verleger der Überzeugung gewesen war, Bisexualität sei doch sichtbar genug. Die Agentur zog weiter und schließlich schnappte der Hanser Verlag zu. So die Story. So die Atmosphäre.

„Bi“ transportiert eine so wichtige und zeitgemäße, politische Botschaft. Dafür und für ihr unermüdliches Engagement ist Julia Shaw zu danken. Und doch sollte man sich angesichts der oben skizzierten Strukturen des Literaturbetriebs verdeutlichen, dass Julia Shaw nur die sichtbare Spitze des Eisbergs ist. Denn für Verlagswesen und Literaturbetrieb gilt nach wie vor: Bisexuelle, überhaupt queere Autor*innen, sind nicht so sichtbar und medial wirksam, wie es Shaw mit ihrem erzählenden Sachbuch gelungen ist. Sie ist die große Ausnahme. Die vielen (bisexuellen) Autor*innen, aber auch Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, die auch zum Thema arbeiten, haben in der Regel keine Agentur, kein Management, keine PR-Berater*innen, oft nicht mal einen Verlagsvertrag.

Nicht selten kämpfen sie mit zusätzlichen Hürden. Einigen steht nicht das notwendige ökonomische, soziale oder kulturelle Kapital zur Verfügung, das sie in jene Kreise bringt, in denen Werbekampagnen, Presse-Interviews und Talkshow-Auftritte zum realen Möglichkeitshorizont gehören. Wenn Julia Shaw intersektional denken will – wie sie selbst als Anspruch formuliert –, dann sollte sie bei ihren Auftritten das Gros der Bisexuellen und Queers, die im Literaturbetrieb und Medienbereich tätig sind, berücksichtigen. Nur wenn sie sich ihrer eigenen Privilegien bewusst ist, kann sie eine Botschafterin der Bi+-Community werden. Ich würd’s mir wünschen.

Alexander Graeff ist Schriftsteller und Philosoph. Er arbeitet als Literaturvermittler und Kurator und engagiert sich für queere Sichtbarkeit im deutschsprachigen Literaturbetrieb.

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