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Aleida Assmann: Eine mahnende Hüterin des Vergangenen

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Von: Aleida Assmann

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Forderung nach einem moralischen Neubeginn: Eine politische Delegation besucht die Reste des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (undatiertes Foto, nach 1945).
Forderung nach einem moralischen Neubeginn: Eine politische Delegation besucht die Reste des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (undatiertes Foto, nach 1945). © Imago

Die Historikerin Aleida Assmann nennt Egon Flaigs Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur ein scharfes Geschütz. Ein Gastbeitrag.

Vor einigen Jahren nahm ich an einer Runde teil, die in Berlin neue Themen und Praktiken der Erinnerungskultur besprach. Abgeordnete verschiedener Parteien hatten dazu Wissenschaftler:innen und Vertreter:innen von Gedenkstätten ins Paul-Löbe-Haus gebeten. Ich saß neben Egon Flaig, der von der AfD eingeladen worden war. Er machte den Anfang und erklärte uns, dass die deutsche Holocaust-Erinnerung ein Irrweg sei. Für ein nationales Gedenken kämen nämlich nur positive Ereignisse in Frage, die das Selbstbild einer Nation stützen. Die nationale Erinnerung habe die Aufgabe, den gemeinsamen Stolz zu stärken, mit einer Schulderinnerung sei kein Staat zu machen.

Koloniale Schuld und historische Verantwortung An diese Runde erinnerte ich mich, als ich zwei Artikel des Kollegen Flaig zur postkolonialen Debatte las (FAZ vom 11.10. und 14.11.2022). Der erste wendet sich gegen die Idee, dass in der Geschichte begangenes Unrecht wiedergutgemacht werden kann. Auf sehr viel Raum werden Argumente angeführt, die diese Idee widerlegen und ad absurdum führen. Die gelehrte Beweislast, die gegen die Idee der historischen Gerechtigkeit ins Feld geführt wird, ist ebenso erdrückend. Die Vergangenheit solle man in Frieden ruhen lassen. Aus ihr seien keine Ansprüche für die Gegenwart mehr abzuleiten.

Mit seinem Artikel reagiert Egon Flaig auf eine Resolution auf dem Historikertag 2018: „Nicht zuletzt im Lichte der kolonialen Gewalt, die Europäer in anderen Teilen der Welt ausgeübt haben, gilt es, der gemeinsamen Verantwortung für die Folgen unserer Politik im außereuropäischen Raum gerecht zu werden.“ Um den Duktus seiner Argumentation zu verstehen, muss man wissen, dass Flaig nicht nur Historiker, sondern auch Rechtshistoriker ist. Er ersetzt umgehend das Wort ‚Verantwortung‘ durch das Wort ‚Schuld‘, das sich besser zur Skandalisierung eignet. Anders als im Paul-Löbe-Haus argumentiert er in der Position eines Anwalts, der in einem imaginierten ‚Weltprozess‘ des globalen Südens gegen den globalen Norden alle Ansprüche an Europa als ungerechtfertigt zurückweist.

Die Idee der historischen Gerechtigkeit, so lesen wir, sei eine Utopie, die nach Erlösung der Menschheit und Allversöhnung strebe. Sie sei eine Irrlehre, die sich nun nach dem Modell der Holocausterinnerung auch des Unrechts von Kolonialgeschichte, Rassismus und Sklaverei annehmen wolle. Dafür gebe es aber keinen Grund, denn diese Vergehen seien keine europäische Erfindung und deshalb auch kein Gegenstand europäischer Wiedergutmachung. Eine europäische Erfindung sei allein die Abschaffung der Sklaverei: „Die freien Afrikaner verdanken ihre Freiheit just den abolitionistischen Interventionen der Briten und Franzosen.“ Statt Schuldvorwürfen sei hier deshalb Dankbarkeit angesagt. Wenn aber doch irgendwo noch von Schuld die Rede ist, dann betont Flaig umgehend, dass die Schuld der anderen noch sehr viel größer sei. Außerdem liege das alles lange zurück, Generationen trennten uns von den ehemaligen Akteuren und ihren Opfern. Diese Opfer waren, so Flaig weiter, möglicherweise auch nicht nur Opfer, sondern selbst Täter, weil sie „selber Sklavenhändler waren oder Nachfahren von solchen“. Ein Wiederaufrollen dieses Unrechts dürfe sich auch nicht auf die weißen Profiteure beschränken, sondern müsste alle Involvierten berücksichtigen. Ferner sei es unzulässig, von einem stabilen Kollektiv im zeitlichen Kontinuum auszugehen; damit mache man sich einer rassistischen Identitätspolitik schuldig. Der Wunsch nach historischer Gerechtigkeit kann ferner nur größeres Unrecht produzieren, weil er das nicht dokumentierte Unrecht von Jahrtausenden außer Betracht lässt: „Jede Reparation privilegiert das erinnerte Unrecht gegenüber dem nicht-erinnerten und erzeugt neue Ungerechtigkeit.“ Im weiteren Verlauf beruft sich Flaig auf eine Unterscheidung von historischem Übel und historischem Unrecht, die Michael Schefzyk eingeführt hat. Schuldig sprechen könne man nur die, die zur Tatzeit ein Bewusstsein ihres Unrechts hatten. Im Weltmaßstab führt das in eine Aporie: wir müssten aus heutiger Perspektive sämtliche Kulturen der Weltgeschichte entweder zu moralisch inkompetenten Gebilden erklären oder sie als verbrecherische Systeme verurteilen.

Damit nicht genug: Durch eine moralische Bewertung der Vergangenheit durch die Gegenwart würde die Faktizität der Geschichte geleugnet und „die menschliche Gattung hört auf, als diachronische Gesamtheit ideell zu existieren“. In der Diskussion um historische Verantwortung für koloniale Verbrechen sieht Flaig nichts weniger als eine Selbstabschaffung seiner Zunft und bescheinigt ihr eine „intellektuelle Abdankung“. Die Geschichtswissenschaft sei dazu da, das Fremde als Fremdes zu verstehen und zu erklären, ganz im Gegensatz zur Geschichtspolitik, die die Vergangenheit im Lichte heutiger Moralvorstellungen be- und verurteilt.

Diese Argumente sind ein Extrakt von Flaigs wissenschaftlichen Publikationen, die er hier noch einmal im Eilschritt durchläuft. In einem Punkt ist ihm recht zu geben: Die Geschichte ist ein für alle Mal vergangen und es ist die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, darüber zu wachen, dass der Verlauf, den sie genommen hat, nicht rückwirkend verändert wird. Die Anerkennung, dass der faktische Verlauf der Geschichte nicht mehr zu ändern ist, schließt jedoch keineswegs die Möglichkeit aus, diese Geschichte durch Einbeziehung anderer Perspektiven im Rückblick anders zu bewerten als die ehemaligen Akteure.

Geschichte und Gedächtnis Der zweite Artikel von Flaig richtet sich nicht mehr belehrend und warnend an die eigene Disziplin, sondern ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichtserinnerung, die er als ihren gefährlichsten Feind aufbaut. Dass es unterschiedliche Formen des Umgangs mit der Vergangenheit gibt, das wusste bereits Nietzsche. Die positivistische Geschichtswissenschaft ist im 19. Jahrhundert entstanden und kümmert sich professionell, fachintern und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit um die Aufhellung der Vergangenheit. Gleichzeitig findet in der Gesellschaft eine öffentliche und politische Aneignung der Vergangenheit in Form politischer Reden, Schulbücher, Jahrestage, Denkmäler, Museen und Gedenkorte statt. Das gilt für alle Nationalstaaten. Eine Ausnahme bildet Westdeutschland, wo in den 1970er Jahren die Sozialwissenschaft die Geschichtswissenschaft als Leitwissenschaft ablöste. Sie übernahm die Aufgabe der gesellschaftlichen Orientierung, als deutlich wurde, dass mit der deutschen Geschichte kein Staat mehr gemacht werden konnte.

Während in demokratischen Staaten Geschichtswissenschaft und Geschichtserinnerung selbstständige Institutionen und Diskursformen sind, die sich ergänzen können, aber auch kritisch herausfordern, fallen sie in Diktaturen zusammen, wo historische Forschung staatlich reglementiert ist. Mit dem Historikerstreit Ende der 1980er Jahre wurde die Frage nach der Aneignung der eigenen Geschichte wieder zu einem öffentlichen Thema. Gleichzeitig entstand mit den Begriffen ‚kulturelles‘ oder ‚kollektives Gedächtnis‘ eine neue Forschungsrichtung. Sie gewann an Bedeutung durch die Forderung, bestimmte Episoden der eigenen Geschichte nicht zu vergessen und die Opfer einer extremen Gewaltgeschichte öffentlich anzuerkennen. Angesichts der Wiederkehr antisemitischer Attacken kam es auch zu einer Verrechtlichung des Umgangs mit der Vergangenheit (Stichwort: Auschwitzlüge) sowie zur Anerkennung anderer lange verdrängter Gewaltgeschichten, die erst spät durch parlamentarische Entscheidungen als ‚Genozide‘ ins Bewusstsein der Gesellschaft zurückgeholt wurden. Beispiele sind der Todesmarsch, dem die Armenier zum Opfer fielen (2016), das Massaker an den Herero und Nama (2021) oder die Vernichtung der Ukrainer durch den Holodomor (2022). Solchen Abstimmungen gehen stets Petitionen aus der Zivilgesellschaft, diplomatische Anstrengungen und die Arbeit von Menschenrechtsausschüssen voraus; es handelt sich also um neue gesellschaftliche Prozesse und nicht nur um ein Handeln seitens der Regierungsspitze. Manche sogenannte Erinnerungsgesetze, die Flaig mit Recht kritisiert, gehen über diese Form der Anerkennung hinaus und reglementieren das Wie des Erinnerns. Als Sarkozy 2005 ein Erinnerungsgesetz verabschiedete, das vorschrieb, den französischen Kolonialismus in öffentlichen Institutionen ausschließlich in einem positiven Licht darzustellen, schlugen französische Historiker umgehend Alarm mit einem Aufruf, den auch ich unterzeichnet habe.

Flaig gibt sich alle Mühe, die beiden Formen des Umgangs mit Vergangenheit als einen apodiktischen Gegensatz aufzubauen. Die Frontstellung zwischen ‚histoire‘ und ‚mémoire‘ war in den 1990er Jahren noch beliebt, inzwischen ist sie längst einer komplexeren Sicht gewichen. In Diktaturen sitzen dissidente Historiker in Gefängnis; in einer Demokratie dagegen bedarf die Geschichtserinnerung der Legitimierung durch die historische Wissenschaft, die jedoch frei ist, ihre eigenen Themen zu setzen und dabei ein Archiv des Wissens aufbaut, das als ein öffentlich zugänglicher Fundus von Informationen der Allgemeinheit zur Verfügung steht. Erst mithilfe dieses Archivs ist eine kritische Beobachtung der Geschichtserinnerung möglich, die Gegenstimmen entwickelt und vergessene Geschichten zurückholt.

Von dieser Doppelung hält Flaig jedoch nichts, weshalb er den Gegensatz zwischen legitimer ‚Geschichtsforschung‘ und illegitimer ‚Geschichtserinnerung‘ auf die Spitze treibt mit einer Serie von nicht enden wollenden Oppositionspaaren wie ‚faktenbasiert statt identitätspolitisch‘, ‚Verstehen statt Bewerten‘, ‚true history statt fake history‘. Für dieses Ideal einer von Wert- und Identitätsfragen gereinigten Form der Geschichtswissenschaft hat Egon Flaig ein Vorbild. Das ist Ernst Nolte, der Jürgen Habermas im 1. Historikerstreit unterlag. Flaig kehrt diese Situation jetzt um: Er rehabilitiert Ernst Nolte als einen Helden, der die Gedächtnispolitik von Jürgen Habermas unerschrocken in die Schranken wies, indem er für eine unparteiische Form der Geschichtsschreibung eintrat. Flaigs Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur ist wesentlich subtiler als der von Björn Höcke, der das Berliner Mahnmal ein ‚Denkmal der Schande‘ nannte, aber er hat dasselbe Ziel: Er spricht dieser Erinnerung jegliche Berechtigung ab. Flaig negiert damit ein normatives Fundament, das im ersten Historikerstreit gelegt wurde und in die demokratischen Strukturen der Gesellschaft eingegangen ist. Und er tut dies im Kontext der kolonialen Debatte des zweiten Historikerstreits, in dem er gegen die „universitär legitimierten Unwahrheiten“ der Tochter Rebekka Habermas zu Felde zieht.

Freiheit oder Instrumentalisierung der Wissenschaft? Wenn es um den neuen demokratischen Konsens der Holocaust-Erinnerung geht, legt Flaig in seiner Polemik noch einmal zu. Die Übernahme historischer Verantwortung für Verbrechen in der eigenen Geschichte sei eine pseudoreligiöse Ideologie, die „einen moralischen Neubeginn“ forciere, die Vergangenheit ‚erlösen‘ wolle und eine ‚messianische Allversöhnung‘ anstrebe. Man maße sich damit die Aufgabe an, „gottgleich die Welt neu zu erschaffen“. Nach 1945 war genau das die Aufgabe der deutschen Nachkriegsgesellschaft: Die Welt neu zu erschaffen „durch bewusste Umkehr der politischen Denkungsart“, wie es Karl Jaspers in seiner Friedenspreisrede in Frankfurt 1958 ausdrückte. 30 Jahre vor dem ersten Historikerstreit nahm er Bezug auf das Schweigen und Vergessen in der deutschen Nachkriegszeit und forderte einen moralischen Neubeginn:

„Heute gibt es junge Deutsche, die sich beklagen: In der Schule höre die Geschichte mit dem Ersten Weltkrieg auf. Sie zweifeln an der Redlichkeit der Erwachsenen. Schon der Jugend aber müsse gezeigt werden, was geschehen ist und daß wir Menschen die Folgen der Handlungen unserer Eltern und Voreltern im Guten wie im Schlimmen übernehmen müssen. Eltern dürften ihre Kinder nicht bewahren wollen vor schrecklichen Kenntnissen. Vergessen verhindert mit der Wahrheit die politische Erziehung.“

Jaspers Appell gegen das Vergessen im Namen der nachwachsenden Jugend gilt ebenso für den ersten wie für den zweiten Historikerstreit. Flaig, der den ersten verurteilt und den zweiten verhindern will, tut dies im Namen einer Geschichtswissenschaft, die keine Erinnerungskultur neben sich duldet und jeglichen Praxisbezug ausschließt. Jürgen Kocka hat einmal geschrieben: „Diesen Praxisbezug von Geschichtswissenschaft als unwissenschaftliche ‚Politisierung‘ abzulehnen, wäre nicht nur falsch, sondern auch gefährlich: leicht ließe sich nämlich zeigen, wie gerade in eine sich unpolitisch verstehende, ihren Praxisbezug leugnende und ignorierende Wissenschaft die ‚Politisierung‘ durch die Hintertür eintritt.“ Im Paul-Löbe-Haus trat diese Politisierung durch die Vordertür ein, jetzt tritt sie durch die Hintertür ein.

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