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Das Urbane gründet auf verborgenen Funktionen.

Stadtentwicklung

Das Adersystem unserer Städte

  • vonRobert Kaltenbrunner
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Die Bedeutung der unterirdischen Infrastruktur für das Urbane wird fahrlässigerweise verdrängt oder verkannt.

Die Corona-Krise hat vergessene Wesenszüge der Stadt in Erinnerung gebracht. Offenkundig forderten Homeoffice und Kontaktreduzierung einen Ausgleich im Draußen. Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge. Und zu Ostern und Pfingsten drängten sich dermaßen viele Menschen in den Grünanlagen, dass das geforderte „social distancing“ dort kaum zu wahren war, was ohnehin vor allem eine räumliche Distanz aus sozialer Fürsorge vor der Ansteckung meint.

In einer Kurzgeschichte namens „Die Stadt“ wies Hermann Hesse schon 1910 auf entschei-dende Punkte hin. Auf wenigen Seiten entwarf der Literaturnobelpreisträger darin eine rasante Entwicklungsgeschichte, die zugleich das Fundament aller städtischen Zivilisation beschreibt. Nämlich die Infrastruktur, also das Wege- und Verkehrsnetz der Menschen und Dinge als eigentliches Betriebssystem von Handel und Wandel.

Denn es sind die Straßen, die Wasserversorgung, die Kloake, die Elektrizitätsversorgung, die Eisenbahn, die Tram, die Metro, das Telefonnetz und auch das Internet, die eine Stadt hervorbringen, indem sie den Austausch in ihrem Inneren und mit ihrer Umgebung ermöglichen. Viele Selbstverständlichkeiten des städtischen Lebens hängen am seidenen Faden eines ausgeklügelten Systems infrastruktureller Netze, die häufig kaum in unserem Alltagsbewusstsein verankert sind. Stadttechnische Systeme zur Wasser- und Stromversorgung, zur Abwasserentsorgung oder zur Fernwärmezuleitung machen das Wohnen und Arbeiten, das kreative und produktive Element der modernen Stadt erst möglich. Über Jahrzehnte ausgebaut, ausdifferenziert und perfektioniert, hat das dazu geführt, dass im Adersystem unserer Städte ein gewaltiger Berg an Geld gebunden ist. Allerdings wirkt es weithin auch wie „totes Kapital“: strukturell vernachlässigt, stellenweise runtergekommen, irgendwie ungeliebt. Vielfach hält man es für ein Derivat, etwas Überkommenes, das im High-tech-Zeitalter seltsam antiquiert erscheint. Doch das ist falsch: Es ist erneuerungsbedürftig, aber alles andere als obsolet.

Man kann das Gerüst der Stadt holzschnittartig in drei Kategorien unterteilen. Doch während die Bedeutung der sozialen Infrastruktur – von Schulen zu Senioreneinrichtungen, vom Kindergarten zum Krankenhaus, vom Spielplatz zum Schwimmbad – und des Grüns (in Form von Parks, Gärten und auch Laubenpieperkolonien) unmittelbar einsichtig ist, wird die Relevanz von grauer, also technischer Infrastruktur für das Urbane häufig verkannt. Das wäre endlich gerade zu rücken.

Bis weit in die jüngere Geschichte hinein hat sich die Stadt gegen das Land definiert: Sie war der Ort, an dem die neugewonnene Unabhängigkeit von den Widrigkeiten der Schöpfung gelebt werden konnte. In der Stadt lässt sich sprichwörtlich die Nacht zum Tag machen, weil sie zu einer Art Maschine wurde, die den einzelnen Bewohner davon befreit, den eigenen Kot fortzuschaffen, Wasser am Brunnen zu holen, die Kranken zu pflegen und den eigenen Lebensrhythmus dem Wetter anpassen zu müssen. Sie entlastet von bestimmten Arbeiten und von Verantwortung, gibt dadurch Freiheit für andere, selbstgewählte Aktivitäten im Beruf, im Verein oder für Faulenzerei. Das ist die progressive Logik der Technisierung und Rationalisierung der urbanen Haushaltsführung. Und das ist auch die historische Leistung einer immer ausgefeilteren Stadttechnik.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde diese Stadttechnik massiv ausgebaut, wie zugleich auch die Rohrpost und der öffentliche Nahverkehr. Dabei ist die Entwicklung moderner Urbanität ohne Elektrizität undenkbar. Die Stromversorgung revolutionierte die Produktion in den Industriemetropolen wie auch den gesamten Großstadtverkehr. Letzteres kommt immer dann unsanft zu Bewusstsein, wenn S- oder U-Bahnstrecken vorübergehend außer Betrieb gesetzt werden müssen. Elektrizität ist überall verfügbar, aber wie sie hergestellt wird und wie sie von der Produktion bis zur Steckdose gelangt, ist kaum jemanden geläufig.

Über ein Jahrhundert lang bedingten Stadttechnik und Städtebau einander. Die Entwicklung des einen Bereichs wäre ohne die des anderen nicht möglich gewesen. Auch der „Civilengineer“ spielt eine entscheidende, doch irgendwie ambivalente Rolle. Einerseits wird kaum einem anderen Fachmann eine so große Kompetenz zugebilligt, dass seine Arbeit quasi jeder öffentlichen Anteilnahme und Diskussion entzogen ist. Andererseits wird er gerade deswegen auch misstrauisch beäugt – weiß man doch nie so recht, was da gerade wieder in der Erde verbuddelt wird, und warum. Anhand von Wasser, Abwasser, Strom und Gas lassen sich noch heute Voraussetzungen, Abläufe, Maßnahmen und – im Wortsinne – „Untergründiges“ der Stadtentwicklung veranschaulichen.

Mitunter euphemistisch als „unsichtbare Intelligenz unserer Städte“ bezeichnet, haben diese Erschließungsanlagen immerhin eine längere Lebensdauer als die Wohnbebauung, als Schulen, Büros und Amtsstuben. Aborte und Kanal-Querschnitte, Gaslaternen und Stromnetze, Absatzbecken und Pumpwerke, Schwemmkanalisation und Aufbau der Radialsysteme: Das sind entscheidende Schlagworte nicht bloß in der Geschichte, sondern auch für die Zukunft der Stadt.

Die Modernisierung der unterirdischen Infrastruktur stellt eine permanente Ausgabe dar, die die Kommunen in den nächsten Jahrzehnten fordert, auch wenn das Thema verdrängt, schamhaft verschwiegen oder für irrelevant erklärt wurde. Den Städten drohen heute und absehbar gigantische Kosten aus dem Erneuerungsbedarf der Infrastruktur. Insbesondere der Straßen und der Leitungsnetze für Trink- und Abwasser, Fernheizung, Strom. Mittlerweile aber wird nicht mehr in Zweifel gezogen, dass in den nächsten Jahren die bestehenden Einrichtungen instandgesetzt werden müssen. Dahinter steht eine selbst für Laien leicht nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Abwägung.

Zum einen produzieren die für hohe Beanspruchung ausgelegten Leitungsnetze bei Unternutzung (etwa durch verkleinerte Haushalte oder in ausgedünnten Siedlungsgebieten) exponentiell steigende Unterhaltungskosten. Zum anderen wachsen sich insbesondere überproportionale Wärmeverluste, Verstopfung, Verkeimung und Reparaturanfälligkeit der Leitungen zu starken Kostentreibern aus. Implizit geht es damit auch um Antworten auf die Frage, wie eine ökologisch wie ökonomisch erforderliche Mehrfachnutzung von Energie, Wasser, Abwasser und Müll aussehen kann – oder gar muss.

Mit Blick auf die Herausforderung der leeren Gemeindekassen, des demografischen Wandels und der drängenden Herausforderungen des Klimawandels erhält die infrastrukturelle Komponente der Stadtentwicklung eine völlig neue Bedeutung. Sie wird jedoch zu wenig ernstgenommen. Oder anders herum: Das Urbane verliert ohne Stadttechnik rasant an Funktion und Attraktivität. Obgleich sie in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen ist, spielt sie in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie keine Rolle. Und wenn, dann eine negative: Es stinkt, funktioniert mal wieder nicht etc. Sie ist teuer und komplex, aber nicht sexy.

Zudem droht sie vom Hype um Digitalisierung und „smart grids“ vollständig überdeckt zu werden. Aber die unsichtbare Intelligenz der Stadt basiert auch weiterhin auf harten Infrastrukturen: Ohne sie ist selbst eine „smart city“ nicht zu haben.

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