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Festnahme von jüdischen Widerstandskämpfern durch die SS 1943 im Warschauer Ghetto.
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Festnahme von jüdischen Widerstandskämpfern durch die SS 1943 im Warschauer Ghetto.

Jüdischer Widerstand

Achim Doerfer über jüdische Vergeltungsaktionen: „Es hätte neuerliche Pogrome in Deutschland gegeben“

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Der Rechtsphilosoph Achim Doerfer über das Märchen von der deutsch-jüdischen Versöhnung und Tabus in einer Erinnerungskultur, die Rachegefühle ausblendet.

Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen.“ Das Zitat geht auf einen jüdischen Anführer der Rächergruppen zurück, die in den späten vierziger Jahren in Norditalien operierten. So lautet auch der Titel des jüngst erschienenen Buches von Achim Doerfer über jüdischen Widerstand und jüdische Vergeltungsaktionen. Die gab es in vielen Facetten, weist der in Göttingen lebende jüdisch-deutsche Rechtsphilosoph und Anwalt detailreich nach. Er stellt die Frage, warum sie in der kollektiven Wahrnehmung so gut wie nicht vorkommen, während sich der Vergleich mit den „Lämmern, die sich zur Schlachtbank“ hätten führen lassen, hält. Auch wenn er so nicht stimmt.

Doerfer verwehrt sich dagegen, dass Juden auf die Opferrolle begrenzt werden. Ein Thema, das auch der kürzlich angelaufene deutsch-israelische Kinofilm „Plan A“ aufwirft, der von der wahnwitzigen Idee ehemaliger Partisanen und Holocaust-Überlebender handelt, sechs Millionen Deutsche mit ihrem Leben für den Mord an sechs Millionen Juden bezahlen zu lassen. Der Plan verlief im Sande. Aber solange man in der Erinnerungskultur nicht ehrlich sei, so Doerfer, bleibe die deutsch-jüdische Versöhnung ein Märchen.

Wie haben Sie es selbst erlebt, als jüdischer Junge mit einer Mutter und einer Großmutter, die den Holocaust überlebt hatten, in Deutschland aufzuwachsen?

Ich bin in den 70er, 80er Jahren in die Schule gegangen. Diversität fand damals nicht statt. Auch Klassenkamerad:innen, die schwul oder lesbisch waren, litten darunter. Über mein Jüdischsein während der Schulzeit zu sprechen, habe ich mich gar nicht getraut, weil meine Mutter gesagt hat, „tu es bitte nicht“. Und weil ich ja auch hörte, wie bei den Eltern meiner Freunde über die Nazizeit geredet wurde. Da wurde mir angst und bange, mit diesem Teil meiner Identität rüberzukommen.

Umso mehr zeugt Ihr Buch von gewachsenem jüdischem Selbstbewusstsein. Darin heißt es: „Wir, die Juden und Jüdinnen, die in Deutschland leben, sind lange nicht so versöhnt, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft gerne glauben möchte.“ Steckt darin ein Hauptmotiv, warum Sie es geschrieben haben?

Ich wollte von jüdischer Seite einfach mal ein paar Dinge auf den Tisch bringen, bei denen die Mehrheitsgesellschaft gar nicht hingehört und nachgefragt hat. Aber es geht mir eigentlich darum, auf Augenhöhe einen gleichberechtigten Dialog miteinander zu führen. So gesehen hat mein Buch auch die Funktion, die Elemente eines gelungenen Täter-Opfer-Dialoges nachzuholen.

„Die juristische Aufarbeitung hat in 99 Prozent der Fälle nicht stattgefunden. Das war auch ein aktives Durchsetzen von Eigeninteressen, weil man halt nicht wollte, dass der Papa oder Opa in den Knast müssen.“

Achim Doerfer

Die Deutschen halten sich selbst ihre sogenannte Bewältigung der Nazi-Vergangenheit zugute. Man ist erpicht auf ein gutes Verhältnis zu jüdischen Gemeinden und interessiert an jüdischer Kultur. Woran liegt es, dass man sich trotzdem oft auf klischeehafte Ausschnitte beschränkt?

Das liegt schon daran, dass das Geschichtsbild vom eigenen Erinnerungsvermögen und zum beträchtlichen Teil vom Bedürfnis, sich selbst zu schonen, geprägt wird. Der These, die Deutschen wollten ja eigentlich den Juden zuhören, würde ich schon mal widersprechen. Das stärkste Gehör, was in einem demokratischen Rechtsstaat gewährt werden kann, ist das rechtliche Gehör vor Gericht. Das ist zwingend vorgeschrieben und nicht optional wie die Erinnerungskultur. Ein Element, das auch bei Wahrheits- und Versöhnungskommissionen als unerlässlich angesehen wird. Selbst dieses rechtliche Gehör vor Gericht wurde den Juden lange Zeit in NS-Prozessen nicht gewährt. Die Sprachlosigkeit im Gerichtssaal hat sich dann im Historischen fortgesetzt.

Am Versagen der deutschen Justiz bei der Strafverfolgung von NS-Verbrechen gibt es nichts zu deuteln. Heute kommen hingegen Holocaust-Überlebende, soweit sie dazu überhaupt noch in der Lage sind, in Prozessen gegen Handlanger ausführlich zu Wort.

In den frühen Prozessen war das völlig anders. In ihnen kamen jüdische Nebenkläger und Zeugen kaum bis nicht vor. Wenn jemandes Mutter oder Vater ermordet wurde, wird er/sie als Nachkomme ja wohl als Minimum erwarten, dass der Staat sich um eine vernünftige justizielle Aufarbeitung kümmert. Vielleicht kann man dann auch über Versöhnung reden. Aber angesichts von mehreren hunderttausend Tätern – jedenfalls nach heutigen Maßstäben – und ungefähr 3000 Verurteilungen, bedeutet das eben, dass die juristische Aufarbeitung in 99 Prozent der Fälle nicht stattgefunden hat. Das ist nicht nur eine Verhöhnung der Angehörigen von Opfern gewesen, sondern eben auch ein aktives Durchsetzen von Eigeninteressen, weil man halt nicht wollte, dass der Papa oder Opa in den Knast gehen müssen.

Vertrauen in die deutsche Nachkriegsjustiz besaßen die jüdischen Überlebenden wohl eh nicht. Was trieb die Gruppe Nakam, hebräisch für Rache, darüber hinaus an, ihren „Plan A“, der auf die Vergiftung von Trinkwasser in deutschen Städten abzielte, zu verfolgen, oder später ersatzweise die Pläne B und C?

Der „Plan A“ war das ganz große Extrem, im Grunde ist es schwerster Terrorismus gewesen. Trotzdem ist es interessant, sich vorzustellen, was in den Nakam-Leuten vorgegangen ist. Erstaunlicherweise wurden zwei Nakam-Mittäter, derer die deutsche Justiz irgendwann habhaft werden konnte, übrigens nicht vor Gericht gestellt.

Offenbar wurde mit Verweis auf die „außergewöhnlichen Umstände“ die Akte geschlossen. Aber der Plan A blieb ja auch Theorie, weil es von verschiedenster jüdischer Seite, besonders im damaligen Mandatsgebiet Palästina, Einsprüche gab. Hat nicht sogar der Nakam-Anführer Abba Kovner im Rückblick bekannt, jeder normale Mensch hätte den Wahnsinn dieses Plans erkennen müssen?

Das war nicht Kovner, sondern ein weibliches Mitglied der Gruppe.

Zur Person:

Achim Doerfer ist ein jüdisch-deutscher Rechtsphilosoph und Anwalt in Göttingen, dort auch Schatzmeister der Jüdischen Gemeinde.

Sein Buch „,Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen‘ – Die Rache der Juden, das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 und das Märchen deutsch-jüdischer Versöhnung“ ist im Oktober bei Kiepenheuer & Witsch erschienen (368 S., 24 Euro).

Sie selber schreiben, es war ein Glücksfall, dass deren Vorhaben scheiterte.

Da ist ja klar, was sonst los gewesen wäre. Es hätte neuerliche Pogrome in Deutschland gegeben gegen Juden, die mit dieser Sache überhaupt nichts zu tun gehabt hätten. Stellen Sie sich vor, 10 000 Deutsche wären da gestorben oder 13 000 Kriegsgefangene im Stalag 13.

Sie sprechen jetzt vom Plan B, bei dem es darum ging, an US-Kriegsgefangenenlager in Bayern mit einer Arsen-Lösung bestrichenes Brot zu liefern. Tote gab es zwar nicht, aber offenbar Hunderte, die an mysteriöser Lebensmittelvergiftung erkrankten.

Hätte Plan A funktioniert, wäre erst recht die Hölle los gewesen. Da wäre wahrscheinlich auch die Gründung des Staates Israel von der Agenda genommen worden. Wenn wirklich zehntausende terroristische Morde vorher stattgefunden hätten, wäre die politische Landschaft eine völlig andere gewesen. Dann hätte sich auch David Ben-Gurion fragen lassen müssen, warum er das nicht verhindert hat. Genau deswegen hat er ja einen Maulwurf in die Nakam-Gruppe einschleusen lassen, der den Plan sabotiert hat.

Noch weniger wissen viele Deutsche vom jüdischen Widerstand in den Konzentrationslagern, sogar in Auschwitz. Oder dass es nach der Befreiung spontane Vergeltungsaktionen gab, etwa im KZ Buchenwald, wo achtzig Angehörige des Wachpersonals von Häftlingen erschlagen wurden – im juristischen Sinne wohl eine Affekttat, in der sich aufgestauter Hass über grausamste Torturen Bahn brach.

Genau, was wiederum das Interesse an Rechtsphilosophie in mir weckt, da wegen dieser Vorfälle keine einzige Strafakte eröffnet wurde. Eine US-amerikanische Jüdin hat mir mal von ihrem Großvater erzählt, der zur US-Armee gehörte, und was es mit ihm und anderen gemacht hat, als sie das Konzentrationslager zum ersten Mal gesehen haben. Die fanden das völlig verständlich, wenn Juden SS-Leute erschlagen haben.

„Hätte Plan A funktioniert, wäre erst recht die Hölle los gewesen. Da wäre wahrscheinlich auch die Gründung des Staates Israel von der Agenda genommen worden.“ 

Achim Doerfer

Emotional jedenfalls nachvollziehbar. Selbstjustiz ist zwar mit rechtsstaatlichem Bewusstsein unvereinbar, aber relativiert sich angesichts der Ungeheuerlichkeit von NS-Verbrechen?

In der Gemengelage aus dem Fehlen eines Rechtsstaates, diesem juristischen Vakuum, dem einseitig gekündigten Gewaltmonopol sowie all den moralischen Erwägungen, ist es nicht so einfach, Derartiges abzulehnen.

Noch mal zurück zur Gruppe Nakam: Man sagt, Rache ist kalt. Und die kühle Idee hinter den Plänen A, B oder C (Anschläge auf Nazitäter im Gerichtssaal) war nicht zuletzt Generalprävention. Man wollte zeigen, dass nie wieder jemand wagen solle, sich an Juden und Jüdinnen zu vergehen.

Dieser Gedanke lässt auch aus der jüdischen Bibel herleiten. Man müsste aber die Wirkung genauer analysieren.

Immerhin bezieht Israel daraus sein Selbstverständnis, stets schlagkräftig und seinen Feinden überlegen sein zu müssen?

Ich möchte das nicht nur auf den Staat Israel bezogen wissen, sondern auf das Judentum allgemein. Deswegen wäre es so wichtig für die europäischen Juden, dieses machtvolle Erbe ihrem Narrativ hinzufügen.

Aus ihrem Buch klingt auch Bitterkeit über das gegenwärtige deutsche „Gedenktheater“ heraus. Was stört Sie daran?

Grundsätzlich bin ich jedes Jahr gerne unterwegs, wenn es darum geht, Grußworte zum 9. November zu sprechen, und auch zu würdigen, wenn Schüler sich tolle Sachen dazu überlegt haben. Es geht aber mehr. Die heutige deutsche Gesellschaft ist sehr viel multikultureller als zur Zeit, als ihre Erinnerungskultur entstand. So sind etwa muslimische Einwanderer mit ganz unterschiedlichen Haltungen hinzugekommen. Auch wir in den jüdischen Gemeinden sind durch die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion jetzt wieder mehr – eben nicht nur 30 000, sondern vielleicht 150 000 oder 200 000, je nachdem, wen man dazuzählen möchte. Wir haben die vielleicht letzte Chance, eine neue, lebendige Gedenkkultur zu verhandeln, nicht nur top down, sondern auch von unten nach oben. Mir schwebt ein Gedenktag vor, bei dem Juden als Individuen wahrgenommen werden und nicht nur als Opfergruppe. Eine Art Feier von jüdischer Diversität.

Interview: Inge Günther

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