1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Abtreibungsrecht in der DDR – Sie durften nun selbst entscheiden

Erstellt:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Die Abgeordnete Hildegard Heine spricht am 9. März 1972 in der Volkskammer zum Thema Abtreibung (2.v.r., Erich Honecker).
Die Abgeordnete Hildegard Heine spricht am 9. März 1972 in der Volkskammer zum Thema Abtreibung (2.v.r., Erich Honecker). © picture-alliance / akg-images

Die Volkskammer der DDR hat heute vor 50 Jahren ein fortschrittliches Abtreibungsrecht beschlossen – dieses eine einzige Mal mit Gegenstimmen.

Am 9. März 1972 beschloss die Volkskammer der DDR, dass ab sofort Frauen bis einschließlich der 12. Schwangerschaftswoche sich für oder gegen das Kind entscheiden können. Die Entscheidung lag ganz bei ihnen. In der Präambel des „Gesetzes über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ hieß es: „Die Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung und Beruf, Ehe und Familie erfordert, dass die Frau über die Schwangerschaft und deren Austragung selbst entscheiden kann. Die Verwirklichung dieses Rechts ist untrennbar mit der wachsenden Verantwortung des sozialistischen Staates und aller seiner Bürger für die ständige Verbesserung des Gesundheitsschutzes der Frau, für die Förderung der Familie und die Liebe zum Kind verbunden.“

Von den 500 Abgeordneten der Volkskammer stimmten 14 gegen das Gesetz und 8 enthielten sich. Die 14 Gegenstimmen kamen alle von Mitgliedern der 52-köpfigen CDU-Fraktion. Die Einführung der Fristenlösung war bis 1989 das einzige nicht einstimmig verabschiedete Gesetz in der Geschichte der Volkskammer.

Das Gesetz regelte den Schwangerschaftsabbruch so: Die Schwangere erhielt einen Termin in einem Krankenhaus, wurde vom Arzt, der Ärztin über die Art des Eingriffes und über Verhütungsmethoden aufgeklärt. Es folgte der Eingriff. Später gab es kostenlose Verhütungsmittel. Noch gegen Ende der 80er Jahre sollen in der DDR rund ein Drittel der Schwangerschaften abgebrochen worden sein. Das Ergebnis war ein deutlicher Geburtenrückgang. Den versuchte die Regierung der DDR durch die finanzielle Unterstützung junger Ehepaare zu bekämpfen.

Mit dem Gesetz von 1972 brach die DDR radikal auch mit ihrer eigenen Tradition. Das Gesetz aus dem Jahr 1950 „Über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ erlaubte einen Schwangerschaftsabbruch nur nach medizinischer oder embryopathischer Indikation, „wenn die Austragung des Kindes das Leben oder die Gesundheit der schwangeren Frau ernstlich gefährdet oder wenn ein Elternteil mit schwerer Erbkrankheit belastet ist“. Darüber entschied jeweils eine Kommission, die sich aus Vertretern und Vertreterinnen aus Ärzteschaft, Gesundheitswesens und des Demokratischen Frauenbundes zusammensetzte.

In der Bundesrepublik war man von einer Fristenlösung meilenweit entfernt. Im Juni 1971 war die Illustrierte „Stern“ mit dem Titel „Wir haben abgetrieben“ erschienen. Der Journalistin Alice Schwarzer war es gelungen, 374 Frauen dazu zu bewegen, sich in der Illustrierten zu outen. Darunter waren Stars wie Senta Berger und Romy Schneider, aber auch unbekannte Büroangestellte und Arbeiterinnen. Jede, die den Aufruf unterschrieb, riskierte ein Gerichtsverfahren und womöglich eine Gefängnisstrafe.

Es war nicht nur ein großartiges Bekenntnis zum zivilen Ungehorsam, sondern auch die Demonstration eines Zehntausende beflügelnden Mutes. Die neue Frauenbewegung bekam durch den Kampf gegen den Paragraphen 218 eine bis dahin nicht gekannte Breitenwirkung. Allerdings zur Fristenlösung, wie die DDR sie 1972 einführte, brachte die BRD es nicht. Das Bundesverfassungsgericht erklärte am 25. Februar 1975 eine Fristenlösung für grundgesetzwidrig. Das Argument lautete: „Das sich im Mutterleib entwickelnde Leben steht als selbständiges Rechtsgut unter dem Schutz der Verfassung (…) und hat auch Vorrang vor dem Selbstbestimmungsrecht der Frau.“ Abtreibung blieb verboten. Die Frauen wurden weiter zu „Engelmachern“ und „Engelmacherinnen“ getrieben. In dieser Frage bedeutet die Wiedervereinigung einen Rückschritt. Die DDR war ein Unrechtsstaat, aber auch der Rechtsstaat Bundesrepublik versteht sich auf die Demütigung von Menschen.

Heute gilt: Paragraf 218a Abs. 1 (Fristenlösung mit Beratungspflicht): „Die Schwangere verlangt den Abbruch und kann nachweisen, dass sie an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen und danach eine dreitägige Bedenkfrist eingehalten hat. Hier ist der Schwangerschaftsabbruch nur innerhalb der ersten zwölf Wochen nach der Befruchtung (d. h. 14 Wochen gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung) straffrei.“ Die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz merkte dazu an: „Die ,Bedenkzeit‘ stellt für alle Frauen mit ungewollter Schwangerschaft eine Bevormundung dar und ist in der Medizin sonst unüblich.“

Auch interessant

Kommentare