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Passendaele in Flandern, Belgien: Friedhof für 12 000 gefallene Commonwealth-Soldaten des Ersten Weltkriegs.

Europa

Abdriftendes Gegenüber

  • vonReinhart Wustlich
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Nach dem Brexit (II): Eine Fahrt mit dem „Eurostar“ durch Nordfrankreich und Flandern, mit Blick auf die britische Insel, vorbei an europäischen Schlacht- und Gräberfeldern.

Eine Erinnerung drängt sich vor. Gerade soll Gustave Flauberts Roman „Madame Bovary“, der in der Normandie im Irgendwo zwischen Pays de Caux und Picardie spielt, aus dem vorsortierten Stapel in die neu geordnete Reisebibliothek der Peripherien Europas gestellt werden, da ist wie aus dem Nichts der 29. Oktober 2013 präsent: die Zugfahrt, der verspätete ICE nach Brüssel Midi, der gerade noch erreichte Anschluss nach Lille Europe. Von dort aus – nahm man den Eurostar nach London – konnte man, wenn man wollte, in unglaublichen neunzig Minuten in St. Pancras sein.

Was aber, wenn in Zukunft, bei einem No-deal-Brexit zum Jahresende 2020, die Wartezeiten beim kilometerweiten Schlangestehen vor den Kontrollen zum Ein- oder Auschecken die kurze Fahrt zum langen Ärgernis machten? Und überdies, dürfte der Eurostar in Zukunft diesen Namen noch tragen? Bereits „drei Tage nach der Deklaration des Brexit“ am 31. Januar 2020, kommentierte die Tageszeitung „de Standaard“ aus Brüssel, „ziehen sich die beiden Lager bereits in die Schützengräben zurück“. Das Bild hat historische Konnotationen.

Mit der gebotenen Langsamkeit startete der Zug vom Regionalbahnhof Lille Flandres zur Fahrt durch die nordfranzösische Peripherie – auf einer Strecke, die sich gegen den Zentralisierungsdruck der SNCF von Paris zu behaupten hatte. Sie kreuzte die „Autoroute des Anglais“ (was sich in Zeiten des Brexit bereits nostalgisch anhört) zwischen Plouvain und Roeux (Pas de Calais). Vom Zug aus, das ließ den Atem stocken, sah man nach einiger Zeit britische Gräberfelder des Ersten Weltkriegs in großer Zahl, die nahe der Bahnstrecke aufeinander folgten – Roeux, Fampoux, Feuchy, Arras, Achiet-le-Grand, Ancre, Hamel, Dernancourt. Hinter Arras durchschnitt die Bahnlinie die weite, hügelige Kreidelandschaft, in der – zehn Kilometer von der Strecke entfernt – im Osten der Weiler Écoust-Saint-Mein lag, das Dorf, in dem Sam Mendes’ Kriegsfilm „1917“ (2019) spielt, der, inspiriert durch die Erzählungen seines Großvaters, der Melder war während der Somme-Schlacht im Ersten Weltkrieg, das Grauen des Krieges zeigt.

Über die Atmosphäre eben dieses Landstrichs vor dem Auftakt der Somme-Schlacht war bei Ernst Jünger zu lesen: „Vor den Dorfeingängen brannten die Riesenkandelaber blühender Kastanienbäume in der Dämmerung. Ich ritt durch Bullecourt und Écoust, ohne zu ahnen, dass ich zwei Jahre später inmitten einer gänzlich veränderten Landschaft gegen die schauerlichen Trümmer dieser Dörfer, die jetzt so friedlich zwischen Weihern und Hügeln im Abend lagen, zum Sturm vorgehen sollte.“ („In Stahlgewittern“, Ausgabe 1961)

Man konnte von Lille Flandres auch den Regionalzug nach Dunkerque nehmen und wäre in einer Stunde schon an den Stränden des Ärmelkanals, den Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs, an denen Christopher Nolans Kriegsepos, der Film „Dunkirk“ (2017), spielt. Dort waren es fast 360 000 eingeschlossene alliierte Soldaten, die 1940 mit Kriegsschiffen und einer Flottille hunderter kleiner privater Boote gerettet werden mussten. Das Schlusswort des Films: „All we did is survive.“ Die Antwort: „That’s enough.“

Zur Geschichtsvergessenheit des Brexit gehörte, das wurde in der Erinnerung an die vorbeigleitenden Bilder des Schreckens deutlich, dass David Cameron bei seiner legendären Referendums-Rede am 23. Januar 2013 („This morning I want to talk about the future of Europe“) zwar daran erinnert hatte, was Europa nur siebzig Jahre zuvor war: „being torn apart by its second catastrophic conflict in a generation“ – sinngemäß: zutiefst zerrissen durch den zweiten katastrophischen Konflikt im Laufe nur einer Generation. Dass er betonte, „how the shift in Europe from war to sustained peace came about“ – wie der Wandel Europas vom Krieg zu dauerhaftem Frieden zustande kam. Dass er jedoch dem „torn apart“, der tiefen Zerrissenheit, keine neue Perspektive des Verbindenden, der Gemeinsamkeit entgegenstellte, sondern, krönendes Paradox, mit dem angekündigten Referendum den zukünftig neuen Bruch vorbereitete. Ein weiteres, tiefgreifendes „torn apart“, „a referendum with a very simple in or out choice. To stay in the EU on (…) new terms, or come out altogether“ – ein Referendum mit der einfachen Wahl zwischen bleiben oder gehen. Es wurde zu der Rede, die von Boris Johnson und anderen einseitig als Ausdruck des Trennenden („Take back control“), als Sezessions-Rede umgedeutet wurde.

Nachdem das „Friedensprojekt Europa“ – in den politischen Auseinandersetzungen oft beklagt, zuletzt aus Anlass der Europawahl 2019 – in den vergangenen Jahren an Strahlkraft verloren, die extreme Rechte stattdessen an Boden gewonnen hatte, hätten zunächst zwei einfache Fragen genügt: „Woher seid Ihr gekommen?“ Und: „Und wohin werdet Ihr gehen?“ Es war diese Frage, die der Weltkriegsteilnehmer Claude Simon, dessen Vater in den Kämpfen bei Verdun gefallen war, in seinem drei Kriege umfassenden Roman „Georgica“ (1981, dt. 1992 – die kriegerischen Auseinandersetzungen unter dem Ancien régime, an der spanischen Aragon-Front, 1940 auf dem Rückzug aus Belgien) gestellt hatte.

Europa auf der Spur

Der Autor hat sich in den vergangenen Jahren regelmäßig aufgemacht, um die Peripherie Europa zu erkunden. Er hat Ziele in Skandinavien sowie in Portugal und Spanien angesteuert. Seine Spurensuche führte ihn ebenfalls auf die britische Insel – zuletzt nahm er sie in der FR vom 29./ 30. August von der französischen Kanalküste aus in den Blick. Hier folgt der zweiter Teil einer historischen Annäherung, die sich erneut durch Lektüren anregen lässt.

Man konnte diese Fragen auch mit Blick auf die Zukunft Europas stellen. Aber, welches waren die erneuerten Ideen für die EU? Die Ideen, die über die gelegentlichen Symbolhandlungen an einschlägigen Jahrestagen hinausgingen?

Angesichts der überdeckten, zu weißen Gräberordnungen erstarrten Zeichen des Ersten Weltkriegs neben der Bahnstrecke kam Claude Simons großer Roman „Die Straße in Flandern“ (1960/ dt. 2003) in den Sinn. Aus Anlass eines Interviews mit der französischen Zeitung „L’Express“ erzählte Simon, „während einer Autofahrt durch die Normandie, fast zwanzig Jahre nach dem Kriegserlebnis im Mai 1940, sei ihm im November 1960 ‚auf der Straße zwischen Étretat und Bréauté, ich sehe die Biegung noch vor mir, die Straße, den Baum‘ … das ganze Buch ‚auf einen Schlag erschienen, …alles zusammen in einem heftigen Schwall… die Vorfahren, de Reixach, der Krieg, alles…‘“ (Brigitte Baumeister: „ Die Sinne und der Sinn“, 2010)

Eine Vision à la Proust – darin das unvergessliche Bild des Rittmeisters de Reixach auf dem Rückzug zu Pferde, auf heckengesäumter Dorfstraße, am Ortsende von Beugniers, mit nur zwei verbliebenen Reitern seines Regiments, die ihm folgten, zwei Handpferde am Zügel – dann der Hinterhalt, dann „sein Reflex, den Säbel zu ziehen als jene Feuergarbe ihn von hinter der Hecke voll erwischte: einen Augenblick lang habe ich ihn so mit erhobenem Arm diese zwecklose lächerliche Waffe zücken sehen in der ererbten Geste eines Reiterstandbilds, die ihm wahrscheinlich Generationen von Haudegen überliefert hatten“. Ein Symbol absurder Vergeblichkeit, das sich immer und immer wiederholt, nur auf andere Weise. Und daran erinnert, dass „Säbel“ weiter gezückt werden, weiter entwickelt von Waffen- und Strategieplanern: „Säbel“ – in Gestalt neuartiger Waffen der Massenvernichtung oder des Wirtschaftskrieges, materieller wie digitaler Natur für den terrestrischen, den orbitalen, den Cyberspace.

Die Szene, in der der Rittmeister de Reixach, getroffen, langsam zur Seite kippt, tauchte in weiteren Romanen des französischen Literatur-Nobelpreisträgers auf wie ein unbewältigtes Trauma („Georgica“ 1981/dt. 1992; „Die Akazie“ 1989/dt. 1991; „Jardin des Plantes“ 1997/dt. 1998 u.a.), Ausdruck der lakonischen Bilanz, „dass am Schluss, am Morgen des achten Tages, dem Oberst von seinem Regiment alles in allem nur noch zwei Reiter blieben. Darunter ich, und das wars“. Die Szene wird begleitet von weiteren, tief ins Gedächtnis gefrästen Urszenen des Krieges. Was Claude Simon, aus Krieg und Untergang entstiegen, Roman um Roman verfolgte, das Trauma der Kriege, dem er das Leben, die Lebenslust, das Werk entgegensetzte, dürfte in den Gesellschaften ebenso weiterwirken, unter den Oberflächen – das Friedensprojekt der EU. Die Gesellschaften Europas haben die Wahl zwischen Destruktion, zwischen der „communauté désœvrée“, dem untätigen Gemeinwesen, „das keine Werke hervorbringt“ (François Lyotard) und neuen Zielen, einer neuen Erzählung.

Der Zug überquerte die Somme, und draußen an der Küste, dort, wo bei Saint-Valéry-sur-Somme der Fluss seinen flachen Mündungstrichter (Estuaire) gegen das Meer behauptete, spielte Heinrich Bölls Kriegserzählung „Das Vermächtnis“ (1982): „Noch hatte ich das Meer nicht gesehen, aber auf der Karte, die der Feldwebel beim Bataillonsstab gezeigt hatte, war der Punkt (…) ganz nah an jener erregenden Strichpunktlinie gewesen, die die doppelte Beschriftung ‚Hauptkampflinie – Flutlinie‘ trug. (…) Es war kaum Wasser zu sehen, die Küste war an jener Stelle so flach, dass die See bei Ebbe kilometerweit hinauswanderte. (…) Die Holzhütten waren Teil des berühmten Atlantikwalles im Sommer 1943 an einer strategisch sehr gefährdeten Stelle.“

Julien Gracq fällt mir ein. In einem Winkel der Erinnerung musste eine Miniatur des großen Einzelgängers der französischen Literatur zur Landschaft der Somme-Mündung verborgen sein, die mit Bölls Darstellung korrespondierte. Im Stapel der Reiseliteratur findet sich das „Tagebuch eines Wanderers“, Julien Gracqs „Der große Weg“ (1992/dt. 1996): „Mündungsgebiet der Somme, Land voller Spiegelglanz und Nebel, wo sich in der Landschaft stromabwärts die Umrisse des Erdbodens auf einige klare und schmale Linien beschränken, die das glitzernde Licht beinahe verschluckt und deren unwirkliche Leichtigkeit etwas von chinesischen Tuschezeichnungen hat. Nahe dem Meer weite Flächen aus spiegelndem Schlamm, die danach drängen, sich im austerngrauen Perlmutt des Ärmelkanals aufzulösen.“

Heinrich Bölls Protagonist, Wenk, wird zum Melder seiner Kompanie am „Atlantikwall“. Der Obergefreite, der auf dem Weg zur Stellung Tornister und Tasche von einem Kameraden auf dem Fahrrad transportieren ließ, statt sie selbst zu tragen, landete aus diesem „Grund“ in Volker Schlöndorffs Film „La Mer à L’Aube“ (Das Meer am Morgen, 2011) als Schütze in einem Hinrichtungskommando. Schlöndorff wollte die Umdeutung als Maßnahme der Disziplinierung, als Antwort auf „unsoldatisches Verhalten“ verstanden wissen. Zudem versetzte er Bölls Protagonisten in die Bretagne. Der „friedliebende Schütze“ bei der Geiselerschießung, so Schlöndorff, erlaubte, „einen Kontrapunkt einzuführen und die Ereignisse von einem weiteren deutschen Schriftsteller reflektieren zu lassen.“

Dieser andere war Ernst Jünger, der die Geiselaktion und Erschießung in einer Denkschrift kommentiert hatte: „In Nantes sind die ersten Geiseln bereits hingerichtet worden. Ohne Zwischenfälle, ohne Gewaltanwendung (sic!), in äußerster Disziplin und Ordnung. Alle sprechen mit Hochachtung vom Mut und der Würde der Hingerichteten.“ (Ernst Jünger, „Zur Geiselfrage“, 2011).

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