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Abbas-Eklat: Täter, Opfer, Zuschauer

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Von: Arno Widmann

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Mahmud Abbas und Olaf Scholz zum Abschluss der Pressekonferenz. Jens Schlueter/AFP
Mahmud Abbas und Olaf Scholz zum Abschluss der Pressekonferenz. Jens Schlueter/AFP © AFP

Eine Frage an Mahmud Abbas, die wir uns auch stellen sollten.

Am 16. August 2022, also am vergangenen Dienstag, traten im Bundeskanzleramt Bundeskanzler Olaf Scholz und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas vor die Presse. Bei den Gesprächen der beiden war es sicher wieder einmal auch um die millionenschwere Unterstützung der PLO durch die Bundesrepublik gegangen. Vier Fragen waren zugelassen. Die letzte Frage richtete sich an Abbas. Sie lautete: „Planen Sie 50 Jahre danach (nach dem Mordanschlag von Palästinensern auf die israelische Olympiamannschaft in München) als Präsident im Namen der Palästinenser sich bei Israel und Deutschland zu entschuldigen und bei der vollständigen Aufklärung des Anschlags behilflich zu sein?“

Abbas antwortete nicht auf die Frage. Kurz zuvor hatte er den Staat Israel beschuldigt, gegenüber den Palästinensern ein System der Apartheid zu praktizieren. Scholz hatte ihm da widersprochen. Jetzt nutzte Abbas die Frage nach einer Entschuldigung für den Mord an elf israelischen Olympiateilnehmern dazu, noch einen drauf zu setzen. Israel habe seit 1947 in fünfzig Dörfern fünfzig Massaker an Palästinensern begangen. „Fünfzig Massaker, fünfzig Holocausts.“ Man kann sich diesen Auftritt im Internet anschauen. Da wird die Wut-Dynamik des Mahmud Abbas deutlich. Scholz hatte ihm widersprochen und dann noch diese Zumutung, sich entschuldigen oder gar bei der Aufklärung eines palästinensischen Verbrechens mithelfen zu sollen. Statt Apartheid, jetzt Massaker und da das nicht genügt, fügt er nicht nur im Bewusstsein seiner Infamie, sondern sie genießend „Holocaust“ hinzu. Und nicht einen, sondern fünfzig, stößt er triumphal hervor.

Das war die Antwort – nein die Reaktion – auf die letzte Frage. Der Regierungssprecher schließt die Konferenz, Abbas und Scholz geben einander für das Abschlussfoto die Hand.

Das war’s. Das war’s natürlich nicht. Scholz hätte Abbas sofort widersprechen müssen. Die Presse hätte Abbas zur Rede stellen oder ihm doch ein paar Schmähworte nachrufen können. Weder das eine noch das andere geschah. Niemand der Anwesenden nahm sich diese Freiheit.

Inzwischen weiß jeder, was richtig gewesen wäre. Und ich komme jetzt Tage später und versuche, an das Selbstverständliche zu erinnern.

Die Wutspirale des Mahmud Abbas, die wir bei dieser Pressekonferenz beobachten können, ist kein Ausraster. Mahmud Abbas hat sich immer wieder zum Holocaust geäußert. Angefangen mit seiner Dissertation (Moskau 1982), in der er behauptete, Juden seien nicht vergast worden und es seien auch nicht sechs Millionen, sondern weniger als eine Million Juden getötet worden. Er stützte sich dabei auf den damals aktuellen Holocaustleugner Robert Faurisson.

Der 1935 in Safed – die Stadt liegt heute im Norden Israels – geborene Mahmud Abbas ist Mitglied der Fatah-Bewegung, seit 2004 ist er Vorsitzender der PLO, seit dem 15. Januar 2005 Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und seit dem 23. November 2008 Präsident des Staates Palästina. „Seit dem 10. Januar 2009 führt Abbas die Amtsgeschäfte ohne demokratische Legitimierung“ (Wikipedia). 2021 sagte er wieder einmal Wahlen ab und ließ seinen Fatah-Genossen Nizar Banat, der sich getraut hatte, mit einer eigenen Liste gegen ihn anzutreten, zu Tode prügeln.

Israel und der Westen setzten in den innerpalästinensischen Auseinandersetzungen immer wieder auf Mahmud Abbas und seine Fatah. Verglichen mit der Hamas erschien er ihnen als das kleinere Übel.

Seinen größten Eklat leistete sich Mahmud Abbas, als er 2018 vor der UN-Generalversammlung erklärte, Ursache des Holocaust sei nicht der Antisemitismus, sondern das „soziale Verhalten“ der Juden. Einen Tag später erklärte er, es sei nicht seine Absicht gewesen, Juden zu beleidigen.

Diesmal verfuhr er ähnlich. Er habe, so erklärte er am 17. August, mit seiner Äußerung im Bundeskanzleramt nicht die Einzigartigkeit des Holocaust leugnen wollen.

Ein Massaker ist kein Holocaust. Auch fünfzig Massaker sind es nicht.

Der Holocaust war der Versuch, mit allen Mitteln, das europäische Judentum gänzlich zu vernichten. Eine systematische Anstrengung, die in ganz Europa Massaker durchführte, um dieses Ziel zu erreichen. Die gleichzeitig aber auch größte logistische Manöver durchführte, um Millionen Menschen durch ganz Europa zu karren, um sie in den Vernichtungslagern durch die Gaskammern zu jagen, deren Existenz Mahmud Abbas leugnet.

Kommen wir noch einmal auf die Frage des Journalisten zurück. Als die Geiselnehmer, denen die Flucht gelungen war, in Libyen landeten, wurden sie begeistert empfangen und als Helden gefeiert. Keine palästinensische Führung hat in den vergangenen fünfzig Jahren sich von dieser Art Heldenverehrung distanziert. Niemals wurde eine Mithilfe an der Aufklärung des Verbrechens angeboten. Ich weiß allerdings auch nicht, ob sie jemals gefordert wurde. Mir ist unbekannt, wie die deutsche Polizei untersuchte, wie es zu dem Olympia-Anschlag kommen konnte. Ich weiß allerdings, dass schon in den Tagen nach dem 6. September 1972 in linken Gruppen Helfershelfer des palästinensischen Killerkommandos nach Leuten suchten, die bereit gewesen wären, Unterstützer der Geiselnehmer bei sich untertauchen zu lassen.

Mahmud Abbas hat, darauf ist in diesen Tagen gerne hingewiesen worden, „ausgerechnet in Deutschland“ Israel des 50-fachen Holocaust bezichtigt.

Auch der Olympia-Anschlag hatte in Deutschland stattgefunden und es ist ganz unwahrscheinlich, dass an der Vorbereitung und Durchführung der Aktion nur die bekannten palästinensischen Fachkräfte beteiligt gewesen sein sollen. Es gab damals in jeder deutschen Universitätsstadt ein Palästina-Komitee und ein Palästinensertuch galt als schickes APO-Accessoire. München war ein Zentrum linken Antisemitismus‘. Am 13. Februar 1970 hatte es einen Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße in München gegeben. Sieben Menschen waren dabei umgekommen. „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die Heilige Kuh Israel?“ war damals die weniger als Frage als vielmehr als Aufforderung gemeinte Parole der mit der den palästinensischen zusammen arbeitenden deutschen Terroristen.

Die Frage, die der Journalist am 16. August völlig zu Recht an Mahmud Abbas stellte, ruft uns in Erinnerung, dass wir – von wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Wolfgang Kraushaar, der ein Buch über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus schrieb, abgesehen – sie noch immer nicht an uns stellen. Es wäre sehr naiv, davon auszugehen, dass es 1972 keine deutschen Mitschuldigen gab.

Mahmud Abbas weigert sich zur Aufklärung des Anschlags von 1972 beizutragen. Wer noch?

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