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In Mexiko-Stadt unterstützte das Goethe-Institut Pia Lanzingers Projekt „Chor der Straßenfeger“.
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In Mexiko-Stadt unterstützte das Goethe-Institut Pia Lanzingers Projekt „Chor der Straßenfeger“.

Goethe-Institut

70 Jahre Goethe-Institut: Exporteur der Sprache und der guten Ideen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Im August 1951 wurde in München das Goethe-Institut gegründet. Eine kurze Geschichte des Vermittlers deutscher Kultur in die Welt.

Ein legendäres Album des 2005 gestorbenen Posaunisten Albert Mangelsdorff trägt den programmatischen Titel „Now Jazz Ramwong“. Es dokumentiert die einzigartige Begegnung des experimentierfreudigen Jazzers mit thailändischer Volksmusik. Entstanden ist es im Sommer 1964, nachdem Mangelsdorff zuvor samt Band auf Einladung des Goethe-Instituts insgesamt 50 Konzerte in 20 asiatischen Ländern gegeben hatte. Vor dieser Tournee, so gab Mangelsdorff unumwunden zu, habe er gedacht, „die spielen einfach falsch“. Dann aber führte er auf eindrucksvolle Weise vor, dass populäre Musik und natürlich auch der Jazz sich aus vielen regionalen Quellen speisen.

Die Entstehungsgeschichte von „Now Jazz Ramwong“ ist ein feiner Beleg dafür, dass der kulturpolitische Auftrag des Goethe-Instituts, wie zeitgemäß steif er auch formuliert sein mochte, sich nie nur in eine Richtung bewegte. Von seiner Asientour kam Albert Mangelsdorff mit einem Seesack voller Inspiration zurück, und nicht ohne Stolz reiht das Goethe-Institut diese Episode einer kulturellen Aneignung ein in ein digitales Jubiläumsprodukt, das nun auf der Seite www.goethe.de/70 Jahre zu besichtigen ist. Anekdoten, Zahlen und ein bisschen für die digitale Präsentation designter Schnickschnack.

Nachdem der Gründungsakt 1951 in bescheidenem Rahmen in München stattgefunden hatte, dauerte es noch fast ein Jahr, ehe das erste Institut in Athen eröffnet werden konnte. Ein durchaus heikler Termin, denn die Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzungsmacht waren dort kaum sieben Jahre nach Ende des Zweiten. Weltkriegs allgegenwärtig. Die Rückkehr der Deutschen in die Weltgemeinschaft sollte als Friedensmission aufgefasst werden, mit der eigenen Sprache als unverdächtiger Botschafter.

Gut zehn Jahre später imponieren die reinen Zahlen. So wurde 1963 in Algier das 100. Goethe-Institut eröffnet. Oder doch nicht so ganz? In der digitalen Chronik ist man bereit, das kleine Geheimnis zu lüften, dass es womöglich bereits die 102. oder 103. Einrichtung war, die nordafrikanische Metropole aus PR-Gründen aber als Jubiläumsort bevorzugt worden war. Längst war das Auftreten des deutschen Kulturvermittlers nicht mehr frei von geopolitischen Strategien oder auch nur ehrgeizigen politischen Überlegungen. Man war wieder wer und hinterließ kräftige Spuren in der Region. In den frühen 1960er-Jahren jedenfalls war die Präsenz des Instituts mit weiteren Eröffnungen in Beirut, Teheran und Amman in den Norden Afrikas und Vorderasien ausgedehnt worden. Wenige Jahre später wurde gerade die machtbewusst-moderne Selbstdarstellung des Schahs von Persien in Deutschland zum Gegenstand einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit kulturrevolutionärer Note.

Entgegen der bescheidenen Selbstdefinition war die Arbeit des Goethe-Instituts längst auch politisch geworden. Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre, also in der bundesrepublikanischen Konfliktphase, musste sich die Münchner Goethe-Spitze wiederholt den Vorwurf gefallen lassen, ein eher problematisches Deutschlandbild zu vermitteln. Tatsächlich war es wohl so, dass engagierte Künstler in schönsten Goethe-Lagen in aller Welt an den Entwürfen einer handfesten Gegenkultur arbeiteten, die mit der konservativ-bürgerlichen Verfasstheit des Landes nur bedingt in Einklang zu bringen war. Anderseits aber verlief die nachholende gesellschaftliche Liberalisierung nicht zuletzt über die ambitionierte und vielfältige Programmarbeit des Goethe-Instituts, das nicht geneigt war, ein artiger Erfüllungsgehilfe staatlicher Bedürfnisse zu sein.

Die sehr viel später vollzogene Korrektur, der zufolge sich die Goethe-Institute wieder verstärkt auf die Spracharbeit konzentrieren mögen, war nicht zuletzt eine Reaktion auf manch experimentellen Eigensinn, der zuvor unter Goethe-Dächern ersonnen worden war. Mit der veränderten politischen Rolle Deutschlands in der Welt veränderte sich immer wieder auch der Anspruch an die Vermittlungsleistungen.

Beim flüchtigen Streifzug durch die Geschichte des Goethe-Instituts fällt auf, wie häufig Strategiewechsel ausgerufen oder angemahnt wurden. Ohne selbst ein politischer Akteur zu sein, wurden immer wieder auch politische Fragestellungen an die Goethe-Manager herangetragen. Krisenintervention, Brückenbauen, das Offenhalten kommunikativer Kanäle – zu keinem Zeitpunkt ließ sich das Goethe-Institut auf das Abhalten von Sprachkursen in aller Welt reduzieren. Nicht selten aber wurde das Programmgeschehen von akuter politischer Gewalt bedrängt. So wurde erst vor wenigen Wochen das Goethe-Institut von der belarussischen Regierung gezwungen, die Arbeit des Instituts in Minsk einzustellen.

Das Goethe-Institut, so hat es einmal Autor und Goethe-Institutsleiter Christoph Bartmann zur Begründung einer Tagung zur Zusammenarbeit mit unmittelbaren Nachbarn wie Frankreich und Polen formuliert, „ist von Hause aus fernsichtig. Wir sind es gewohnt, China, Indien oder Afrika zum Schwerpunkt zu machen. Aber indem wir das tun, sind wir nicht im selben Umfang nahsichtig.“ Es klang wie eine Selbstermunterung, sich immer wieder neu einzustellen auf die wichtigen Zukunftsfragen für das gemeinsame Zusammenleben in nah und fern. Gerade deshalb darf man nach 70 Jahren noch immer darüber staunen, wie es dem Goethe-Institut mit geradezu heiterer Neugier gelingt – regelmäßig etwa beim Kultursymposium in Weimar – die verschiedenen Perspektiven der Weltwahrnehmung als Bereicherung zu mobilisieren und nicht als Bedrohung zu empfinden.

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