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Westberlinerinnen stehen auf Leitern und Stühlen und versuchen, über die Sperrmauer an der Bernauer Straße hinweg Kontakt zu Verwandten und Freunden auf der Ostberliner Seite aufzunehmen. Das Bild entstand am 30. Oktober 1961.
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Westberlinerinnen stehen auf Leitern und Stühlen und versuchen, über die Sperrmauer an der Bernauer Straße hinweg Kontakt zu Verwandten und Freunden auf der Ostberliner Seite aufzunehmen. Das Bild entstand am 30. Oktober 1961.

Historiker Winkler im Interview

60 Jahre nach dem Mauerbau: „Die deutsche Frage ist mit der Wiedervereinigung endgültig gelöst“ 

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Der Historiker Heinrich August Winkler über den „postklassischen Nationalstaat“ und den Streit über die Einordnung des wilhelminischen Kaiserreichs in die deutsche Geschichte.

Herr Professor Winkler, am 13. August jährt sich der Beginn des Mauerbaus in Berlin zum 60. Mal. Alle kennen das Datum, was genau spielte sich im Vorfeld ab?

Die Vorgeschichte des Mauerbaus beginnt mit Chruschtschows Berlin-Ultimatum vom November 1958 und der sowjetischen Forderung des Abzugs der West-Alliierten sowie der Umwandlung West-Berlins in eine „freie Stadt“ auf dem Gebiet der DDR. Das wurde vom Westen zurückgewiesen. Im Juni 1961 trafen sich dann der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow und US-Präsident John F. Kennedy. Das Treffen in Wien brachte deutschlandpolitisch aber keine neuen Ansätze. Kennedy formulierte im Juli 1961 schließlich seine drei Essentials: das Verbleiben der West-Alliierten in West-Berlin, den freien Zugang von und nach West-Berlin und das politische Selbstbestimmungsrecht der West-Berliner. Über Ost-Berlin hat Kennedy in seiner Fernsehansprache nicht gesprochen. Das wurde im Osten entsprechend verstanden.

Worin liegt die historische Bedeutung des Mauerbaus?

Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 bedeutet buchstäblich die Zementierung der deutschen Teilung. Bis dahin galt Berlin, oder besser der Westen der Stadt, als Tor zur freien Welt. In Berlin konnte man mit der S-Bahn in die Freiheit fahren. Diese Möglichkeit haben auch viele aus dem Osten genutzt: Zunächst viele Angehörige des Bürgertums, dann Facharbeiter, dann Bauern, die mit ihrer Flucht in den Westen auf die Kollektivierung der Landwirtschaft reagierten. Das war eine Abstimmung mit den Füßen. Die Führung der DDR fürchtete ein Ausbluten des Landes. Berlin war die Insel der Freiheit im roten Meer, wie es damals im Westen hieß.

Mit dem Mauerbau war Berlin der Vorposten der freien Welt…

Das war es schon zuvor, wenn wir an die Rede des damaligen Oberbürgermeisters Ernst Reuter von 1948 denken: „Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“. Mit dem Bau der Mauer war West-Berlin noch mehr als zuvor das Schaufenster des Westens. Die Verteidigung Berlins galt auch als Prestigefrage. Ein Fall der Stadt wäre einer Kapitulation des Westens gleichgekommen. Die Haltung des Westens unterstrich der Besuch Kennedys im Westteil der Stadt im Sommer 1963 mit dem berühmten Satz: „Ich bin ein Berliner“.

Dem Bekenntnis zur Freiheit West-Berlins. Insgesamt reagierten die USA eher verhalten…

Kennedy hatte kurz vor seiner Reise 1963 nach Berlin in den USA eine Grundsatzrede unter dem Motto gehalten: „Strategie des Friedens“. Seine Überlegung lautete: Wenn die Differenzen in der Welt nicht überwunden werden können, muss man lernen, mit ihnen zu leben. „To make the world safe for diversity“ – frei übersetzt: die Welt reif machen für das Ertragen von Gegensätzen – hieß das bei Kennedy in Anlehnung an Woodrow Wilson. Der Berliner Politikwissenschaftler Richard Löwenthal hat später mit Blick auf Mauerbau und Kuba-Krise von einer Doppelzäsur gesprochen. Die Nichtstationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba 1962 bildete die Anerkennung der westlichen Machtsphäre. Die zurückhaltende US-Reaktion auf den Mauerbau bedeutete die Hinnahme des Status quo in Europa.

Was waren die Konsequenzen für das politische Berlin?

Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Egon Bahr, der Pressesprecher des Senats, übertrugen Kennedys Einsichten auf Berlin: Um die Realität zu ändern, muss man sie zuerst als solche anerkennen. Schon im Dezember 1963 folgte das Berliner Passierscheinabkommen. Damit war das Tabu gebrochen, das mit dem anderen deutschen Staat nicht verhandelt werden dürfe. Als Bundeskanzler setzte Brandt nach 1969 diese Linie mit seiner Ostpolitik fort: der Moskauer Vertrag 1970, der Warschauer Vertrag im gleichen Jahr mit der faktischen Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, das Viermächteabkommen über Berlin von 1971 und der Grundlagenvertrag 1972. Ohne die neue Ostpolitik hätte es 1990 schwerlich eine Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit gegeben.

Die Ostverträge waren damals heftig umstritten. Es war die Rede von „zwei Staaten und einer Nation“. Wie sehr hat das das Entstehen eines postnationalen Staatsverständnisses in Deutschland vorangetrieben?

Diese Entwicklung setzte schon früher ein – nach dem Zweiten Weltkrieg. Der übersteigerte Nationalismus in Deutschland hatte im Dritten Reich seinen Höhepunkt – oder vielmehr seinen Tiefpunkt erreicht. Nach 1945 knüpften katholische Konservative dann an die übernationale Reichsidee aus dem Mittelalter an. Die Nation sollte in etwas Übergeordnetem aufgehen – Europa. In der Folgezeit wanderte die übernationale Idee von rechts nach links.

Wie lief dieser Prozess?

Die Debatte vollzog sich vor dem Hintergrund der Deutschlandpolitik: Zwei Staaten, eine Nation. Von der Bundesrepublik als deutschem Nationalstaat konnte keine Rede sein. 1976 sprach der liberalkonservative Historiker Karl-Dietrich Bracher mit Blick auf die Bundesrepublik von einer postnationalen Demokratie unter Nationalstaaten. Oskar Lafontaine, damals stellvertretender Vorsitzender der SPD, leitete dann 1988 in seinem Buch „Die Gesellschaft der Zukunft“ aus der Perversion des Nationalismus in Deutschland vor 1945 eine supranationale Sendung der Bundesrepublik in Europa ab. Damit einher ging auch eine symbolische Umdeutung der Berliner Mauer. Sie war für Teile der Linken nun nicht mehr nur eine Folge des mangelnden deutschlandpolitischen Konsenses der Alliierten, die Mauer avancierte zum stillen Mahnmal für die nationalsozialistischen Verbrechen. Der Schriftsteller Günter Grass folgerte: Auschwitz schließt eine Wiedervereinigung aus.

Zur Person

Heinrich August Winkler, 82, lehrte zunächst in Freiburg, seit 1991 an der Humboldt-Universität in Berlin. In seinem Werk befasst er sich mit Deutschlands „Langem Weg nach Westen“, so der Titel eines seiner Hauptwerke. Einen guten Überblick über Winklers Schaffen liefert sein im Vorjahr vorgelegtes Buch: „Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen“ (C.H. Beck).

Winklers neuer Essayband „Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte“ ist für den 26. August ebenfalls bei C.H. Beck angekündigt, 278 Seiten, 26 Euro.

In diese postnationale Welt kam der Fall der Mauer und die deutsche Einheit. Wie lässt sich das wiedervereinte Deutschland aus Sicht des Historikers einordnen?

Die deutsche Frage ist mit der Wiedervereinigung vom 3. Oktober 1990 endgültig gelöst. Und zwar auf dreifache Weise. Der klassische Konflikt der deutschen Geschichte, die Frage nach Einheit und Freiheit, ist beantwortet. Auf die gescheiterte Revolution von unten 1848 und dem Ruf nach Freiheit antwortete Bismarck 1870/71 mit einer Revolution von oben und dem Vorrang der Einheit vor der Freiheit. Die Wiedervereinigung bringt die Einheit in Freiheit. Zweitens ist die Gebietsfrage völkerrechtlich eindeutig geklärt. Drittens ist die deutsche Frage nicht länger ein Problem der europäischen Sicherheit. Deutschland gehört der EU und der Nato an. Die Bundesrepublik ist wie die anderen Mitgliedstaaten der EU ein postklassischer Nationalstaat. Sie übt einige ihrer Hoheitsrechte gemeinsam mit anderen aus und hat andere auf supranationale Einrichtungen übertragen.

Deutschlands Rolle in der Eurokrise, die Haltung in der Flüchtlingspolitik 2015, das Neusortieren der EU nach dem Brexit – vielfach wird von einer neuen deutschen Frage gesprochen ...

Deutschland hat aus der Geschichte gelernt – mit großem Erfolg. Die Debatte über die neue deutsche Frage impliziert etwas anderes: Politische Alleingänge mit einem Sendungsbewusstsein, das von den Partnern mitunter als anmaßend empfunden wird – in der Migrationskrise, aber auch mit Blick auf eine demonstrative militärische Zurückhaltung. Von den Nachbarn kann das leicht als Anspruch auf moralische Überlegenheit gedeutet werden.

Vor dreißig Jahren entschied der Bundestag, den Regierungssitz nach Berlin zu verlegen, entgegen mancher Befürchtungen. Wie nehmen Sie Berlin und die Rolle des wiedervereinten Deutschland wahr?

Der Beschluss des Bundestags vom 20. Juni 1991 war die einzig realistische Lösung der Hauptstadtfrage. Berlin hat sich in vielerlei Hinsicht zu einer echten Metropole entwickelt. Die Stadt tut gut daran, sich als Aushängeschild eines neuen Deutschland zu verstehen. Ohne moralisches Sendungsbewusstsein. Das bedeutet nicht, dass die Bundesrepublik als postklassischer Nationalstaat die Lehren aus der Geschichte und des langen deutschen Weges nach Westen verkennt. Der Westen steht für die Idee einer rechtsstaatlich verfassten, repräsentativen Demokratie. Diese Entwicklung ist vielfach bedroht, wenn wir etwa an illiberale Demokratien in unserer Nachbarschaft denken. Die EU versteht sich als Werteunion. Dieser Anspruch darf mit Blick auf manchen Mitgliedstaat in Ostmitteleuropa nicht unter die Räder kommen.

Derzeit wogt eine Debatte über die Einschätzung des Kaiserreichs in der deutschen Geschichtswissenschaft. Die Historikerin Hedwig Richter betont das modernisierungspolitische Element, Kollegen wie Andreas Wirsching sind eher zurückhaltend. War das deutsche Kaiserreich Modernisierungsbeschleuniger oder Demokratiehemmer?

Es war beides. Auf der einen Seite moderner Industriestaat, auf der anderen Seite aber in obrigkeitsstaatlichen Traditionen verhaftet. Bismarck hatte 1870/71 allein die Einheitsfrage beantwortet, aber auf die Freiheitsfrage nur eine sehr begrenzte Antwort gefunden. Das Kaiserreich kannte das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer. Das war damals ausgesprochen fortschrittlich, Musterdemokratien wie Belgien oder Großbritannien kannten das nicht. Über eine Regierung, die dem Parlament jenseits des Budgetrechts verantwortlich war, verfügte das Kaiserreich aber nicht. Der Reichskanzler war dem Kaiser verantwortlich. Dessen militärische Befehlsgewalt unterlag nicht der ministeriellen Gegenzeichnung. Insofern ragte ein Stück Absolutismus in das Kaiserreich hinein. Die Parlamentarisierung erfolgte erst im Oktober 1918 unter dem Eindruck der militärischen Niederlage und eher auf dem Papier. Das war zu spät, um die Revolution von unten aufzuhalten.

Wie fällt Ihr Fazit für das Kaiserreich mit Blick auf die Weimarer Republik aus?

Das Kaiserreich kann nicht allein als Vorgeschichte des Nationalsozialismus verstanden werden. Aber die Demokratiefeindschaft großer Teile der Gesellschaft, vor allem der Eliten, bildete eine schwere Hypothek für die Weimarer Republik und trug zu ihrem Ende bei. Die Ideen des modernen Westens, des Westens der atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts, fanden zwar auch in Deutschland Anhänger, aber sie setzten sich vor 1918 nicht durch – und auch danach nur unvollkommen. Erst nach 1945, nach dem totalen Zusammenbruch Deutschlands, vollzog sich im Westen Deutschlands die Hinwendung zur politischen Kultur des Westens auf breiter Linie.

Interview: Peter Riesbeck

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