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15 Jahre nach dem „Stern“-Titel: Initiatorin Alice Schwarzer auf einer Kundgebung 1986.
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15 Jahre nach dem „Stern“-Titel: Initiatorin Alice Schwarzer auf einer Kundgebung 1986.

Paragraf 218

50 Jahre nach der Aktion „Wir haben abgetrieben!“: Die Frau muss immer noch bitte, bitte machen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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„Wir haben abgetrieben“ titelte vor 50 Jahren die Illustrierte „Stern“. Aber warum wird der Paragraph 218 nicht abgeschafft?

Am 6. Juni 1971 erschien die damals auflagenstärkste Illustrierte der Bundesrepublik, „Stern“, mit den Gesichtern von 28 Frauen auf der Titelseite. Quer über sie ein gelber Balken, auf dem in großen Buchstaben stand „Wir haben abgetrieben!“. Darunter: „374 deutsche Frauen halten den § 218 für überholt und erklären öffentlich: ‚Wir haben gegen ihn verstoßen.‘“ Es wurde der wohl bekannteste Illustriertentitel der bundesrepublikanischen Geschichte.

Diese Ausgabe des „Stern“ war nicht der Beginn der neuen Frauenbewegung. Aber sie befeuerte den neu erwachten Kampf gegen den Paragrafen 218. Schon in der Weimarer Republik waren die Frauen Sturm gelaufen gegen das Abtreibungsverbot. Die DDR hatte den Paragrafen 218 abgeschafft, führte aber stattdessen das „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ ein. Abtreibung war unter bestimmten Bedingungen möglich, eine Indikationslösung. 1972 führte die DDR eine Fristenlösung ein. Das war nicht nur vernünftig, sondern auch geschickt. Die erste gesetzgeberische Reaktion auf die Auseinandersetzungen um eine Veränderung oder Abschaffung des Paragrafen 218 in der Bundesrepublik fand also in der DDR statt. Wikipedia erinnert daran, dass das „Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft“ das einzige in der Geschichte der Volkskammer war, das nicht einstimmig verabschiedet wurde. Es gab 14 Gegenstimmen und acht Enthaltungen.

Die Aktion des „Stern“ war eine Aktion von Alice Schwarzer. Sie lebte als Korrespondentin in Paris, als die linke Wochenzeitschrift „Le Nouvel Observateur“ im April 1971 eine von 343 Frauen unterschriebene Erklärung „Ich habe abgetrieben“ veröffentlichte. Unterschrieben hatten sie unter anderen Simone de Beauvoir und Catherine Deneuve. Alice Schwarzer wandte sich an die „Stern“-Redaktion, ob die nicht bereit sei, es dem „Nouvel Observateur“ nachzutun, wenn sie ebenso viele deutsche Frauen finden könne, die zu einer solchen Erklärung bereit wären.

Der „Stern“ erklärte sich einverstanden. Weil, so erzählt Alice Schwarzer in Interviews, niemand davon ausging, dass sich mehr als dreihundert Frauen an den Pranger stellen würden. Schließlich war ein Schwangerschaftsabbruch eine Straftat, die mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden konnte. Jeder Staatsanwalt würde nach einer solchen öffentlichen Selbstanzeige losschlagen können.

Es kam anders. Indem die 374 Frauen sich an den Pranger stellten, stand mit einem Male riesengroß ebendort der Paragraf 218 selbst. Es gab ihn seit 1871, und seitdem hatte es keine demokratische Bewegung in Deutschland gegeben, die nicht gegen ihn ankämpfte, und keine reaktionäre, die ihn nicht noch verschärft hätte. Die Debatte um den Paragrafen 218 konfrontierte die bundesrepublikanische Gesellschaft von 1971 mit der Einsicht, dass man längst vergessene, alte Kämpfe wieder aufnehmen musste, wenn man endlich in der Gegenwart ankommen wollte.

Die Frauen, die im „Stern“ damals bekannten „Ich habe abgetrieben“, stammten – darauf hatte Schwarzer geachtet – aus allen Schichten der Gesellschaft. Es waren Prominente darunter wie Senta Berger, Inge Meysel oder Romy Schneider. Die Aktion aber katapultierte ins bundesrepublikanische Bewusstsein, dass damals über eine Million Frauen pro Jahr abtrieben.

Abtreibung hieß damals in vielen Fällen: kein Arzt, sondern eine Kurpfuscherin. Es hieß auch „Ausschabung“. Die Frauenbewegung begann Hollandreisen zu organisieren. Im Nachbarland wurde die schonendere Absaugmethode verwendet, und es wurde vorgeführt, dass Abtreibung nicht Entwürdigung und Diskriminierung bedeuten musste.

1974 folgte – um es so auszudrücken – die BRD der DDR und ermöglichte ebenfalls eine Fristenlösung. Das Gesetz aber wurde vom Bundesverfassungsgericht kassiert. So kam es 1976 zu einer Rückkehr zur Indikationsregelung. Es folgten die ganze Gesellschaft und fast jede Familie erschütternde Diskussionen. 1993 kam es zu einer aberwitzigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Es trat ausdrücklich für die Beibehaltung des Gesetzes ein und erklärte, der Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen nach der Befruchtung (also bis zur 14. Schwangerschaftswoche) sei rechtswidrig, fügte dem aber schlitzohrig hinzu, er müsse aber strafrechtlich nicht verfolgt werden. Mit dieser Änderung trat nun in Deutschland eine faktische Fristenregelung in Kraft.

Der Paragraf 218 beginnt noch immer mit diesen Sätzen: „Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Handlungen, deren Wirkung vor Abschluss der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes. In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.“

Der Laie fragt sich, so sehr er sich über die Fristenlösung freuen mag, ob das Bundesverfassungsgericht wirklich dazu berechtigt ist, ein Gesetz auf diese Weise auszuhebeln.

Wichtiger als Vernunft und Rechtsstaatlichkeit ist offenbar, dafür zu sorgen, dass die Frau nicht selbst darüber entscheiden darf, ob sie Mutter sein möchte oder nicht. Es geht nicht um den „Schutz des ungeborenen Lebens“ – darum ging es nie –, sondern um die Bevormundung der Frau. Ihr soll die Freiheit genommen werden, selbstständig eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens zu treffen. 1943, als Millionen in den sicheren Tod geschickt wurden, führte das Naziregime die Todesstrafe für Abtreibung ein. Man betont gerne den Ausnahmecharakter der NS-Zeit, man spricht gar vom „Zivilisationsbruch“, das mag stimmen oder nicht. Auf keinen Fall aber sollte man übersehen, was bei diesem Bruch sichtbar wird: Was wir Zivilisation nennen, ist immer auch der Versuch, das Individuum zu kontrollieren. Der Paragraf 218 und die mehr als 150-jährige Auseinandersetzung um ihn ist da nur ein besonders eindrückliches Beispiel. Was geschähe Schreckliches, wenn man ihn einfach abschaffte?

Alice Schwarzer weist darauf hin, dass den mehr als eine Million Frauen, die vor fünfzig Jahren allein in der Bundesrepublik abtrieben, heute ganze 100 000 in Gesamtdeutschland gegenüberstehen. Das wachsende Selbstbewusstsein der Frau, ihre größere finanzielle, soziale und sexuelle Selbstständigkeit hat die Abtreibungen auf weniger als ein Zehntel zurückgehen lassen. Die Abschaffung des Paragrafen 218 würde endlich dem Zustand ein Ende machen, den Alice Schwarzer so charakterisiert: „Die Frau muss immer noch bitte, bitte machen.“ Die bittere Lektion der Geschichte lautet: Genau darum wird er nicht abgeschafft.

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