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150. Todestag von Ludwig Feuerbach: Zurück in die Zukunft mit dem gastronomischen Materialismus

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Von: Arno Widmann

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Ludwig Feuerbach (1804-1872) auf einer Fotografie.
Ludwig Feuerbach (1804-1872) auf einer Fotografie. © Leemage/Imago

Am 13. September vor 150 Jahren starb Ludwig Feuerbach, dessen berühmtester Satz ein eher beiläufig geschriebener war. Aber er hat es in sich.

Ludwig Feuerbach wurde am 28. Juli 1804 im bayerischen Landshut geboren. Am 13. September 1872 starb er in Rechenberg bei Nürnberg. Er war einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Er lehrte an keiner Universität. Er unterrichtete die Nation, als es sie noch nicht gab. Seine Bücher waren Bestseller. In eine Welt hinein, die gerade erst von Kant und Hegel darüber aufgeklärt worden war, dass der christliche Glaube und die Vernunft bestens zusammenpassten, erklärte er: Nicht Gott hat den Menschen geschaffen, sondern die Menschen die Götter. Das war schon damals nichts Neues. Der um 570 v.u.Z. geborene Philosoph Xenophanes argumentierte, was die Gottähnlichkeit des Menschen angeht, so: „Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus.“

Aber als Feuerbach in den 30er Jahren zu einer Berühmtheit wurde, war er längst Persona non grata. Gleich sein erstes – anonym erschienenes – Buch wurde verboten, der Verfasser von der Polizei aufgespürt und verfolgt. Er lebte fortan von dem kleinen ererbten Vermögen und dem deutlich größeren seiner Frau sowie von seinen Veröffentlichungen.

Der Vormärz kam und mit ihm eine Generation, die wieder einmal Vergnügen daran fand, die Welt infrage zu stellen, die man ihr vorsetzte. Die Rechtshegelianer lehrten, wo immer sie saßen, die Notwendigkeit der Einheit von Thron und Altar. Die Linkshegelianer sahen darin einen Verrat an der Vernunft. Sie liebäugelten mit Demokratie, mit sozialistischen Ideen, vor allem aber mit der Abschaffung von beiden, von Thron und Altar. Als man Adorno kurz vor seinem Tod einmal fragte, als was er sich heute sehe, meinte er – nach einer Pause und ein klein wenig wie entschuldigend – „als Linkshegelianer“. Er dachte dabei nicht an Marx und Engels, die ja auch einmal so begonnen hatten. Er dachte wahrscheinlich nicht einmal an Feuerbach, sondern an den fast gänzlich vergessenen Arnold Ruge. „Wir waren damals alle Feuerbachianer“, erklärte Engels Jahrzehnte später über die 30er Jahre.

Feuerbach hatte die Destruktion Gottes benutzt, um dem Menschen auf die Beine zu helfen. An die Stelle der Theologie trat eine Anthropologie. Marx attackierte 1845 in seinen „Thesen über Feuerbach“ den Philosophen. Die letzte dieser Attacken hat es zu einiger Berühmtheit gebracht: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

Das ist Blödsinn. In der Philosophiegeschichte wimmelt es von Menschen, die die Welt verändern wollten. Mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Feuerbach gehörte zu denen, die die Welt als Produkt menschlicher Anstrengungen und Bemühungen sehen – man muss den Begriff der Arbeit, der durch Marx und Engels zur zentralen Kategorie wurde, vermeiden. Die Veränderung der Welt konnte ebenfalls nur Menschenwerk sein.

Adornos Schritt zurück hinter Marx und Engels war vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Anthropologie statt Klassenkampf. Wieder weg von der Verengung menschlichen Handelns auf Arbeit und Revolution. Aber natürlich gehen wir diesen Weg zurück mit dem, was an Einsicht in die wirklichen Verhältnisse nach Feuerbach gewonnen wurde. Die Frage nach der Freiheit, die eine ständige Begleiterin der nach der Revolution ist, stellt sich angesichts dessen, was wir heute über die radikale Vernichtung unserer Lebensgrundlagen durch uns selbst und die prekäre Anfälligkeit dieses Selbst wissen, völlig neu.

Feuerbachs Materialismus war nicht der toter Atome, sondern der atmender, begehrender Lebewesen, die wussten, dass sie die Welt verändern würden, ob sie wollten oder nicht. Dass sie sie aber genau kennen müssten, um über die Richtung entscheiden zu können, in die sie sie verändern wollten.

In Italiens Buchhandlungen sind mehr Bücher von Feuerbach lieferbar als in den deutschen. Das ist schade. Feuerbach verdankte seinen Erfolg ja nicht nur der heftigen Kritik an der religiösen Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf, sondern auch der Verve, mit der er sie vortrug. Man las ihn einfach gerne. Man liebte die sich langsam erhitzenden Perioden. Man spürte, während man auf das doch alles entscheidende Verb wartete, im Deutschen das Lateinische, also eine Jahrtausende zurückreichende ästhetische Tradition. Wie er sie beatmete und wiederbelebte, das ist bis heute amüsant zu lesen.

Über die Kunst schreibt Feuerbach in seinem 1833 erschienenen Buch „Geschichte der neueren Philosophie von Bacon von Verulam bis Benedikt Spinoza“: „... so wurde doch jetzt das Schöne als solches Gegenstand des Menschen, es trat das künstlerische Interesse als solches, als Selbstzweck hervor; es erwachte das unabhängige, das lautere, durch keine fremden Beziehungen getrübte Gefühl der reinen Schönheit und Menschlichkeit, es bekam jetzt wieder der Mensch in der Anschauung der herrlichen Schöpfungen seines Geistes Selbstgefühl, das Bewusstsein seiner Selbständigkeit, seines geistigen Adels, seiner immanenten, seiner Natur eingeborenen Gottähnlichkeit, Sinn für die Natur und ihr Studium, Beobachtungsgabe, eine richtige Anschauung des Wirklichen und die Anerkennung von der Realität und Wesenhaftigkeit alles dessen, was von dem negativ religiösen Geiste als ein nur Eitles und Ungöttliches bestimmt war.“

Das ist der Feuerbach, in dem die Moderne getauft wurde. Jene Epoche, die immer wieder von immer neuen Regelwerken eingeengt, eingesperrt wird und immer wieder mit den Mitteln der Wissenschaft und denen der Kunst sich befreit aus Glauben und Konvention. Die Älteren, die heute Feuerbach lesen, werden sich an Herbert Marcuse erinnern, ein Linkshegelianer mehr als 100 Jahre nach Feuerbach, der wieder nach einer Befreiung durch die Kunst Ausschau hielt.

Zu Weltruhm brachte es Ludwig Feuerbach nicht mittels seiner wuchernden Perioden, sondern durch einen eher beiläufigen Satz: „Der Mensch ist, was er ißt.“ Der fiel in einer Rezension des Buches des Physiologen Jakob Moleschott, „Lehre der Nahrungsmittel für das Volk“. Feuerbachs Text erschien 1850 unter dem Titel „Die Naturwissenschaft und die Revolution“ in „Blätter für literarische Unterhaltung“. Moleschott macht in seinem Buch ein breites Publikum mit den Einsichten der Chemie vertraut, die uns aufklärt darüber, was unser Körper aus den Substanzen, die wir ihm zuführen, wofür verwendet. Feuerbach ist begeistert.

Moleschott spricht nur übers Essen und Trinken, aber damit über unser ganzes Menschsein. Denn die beiden halten, wie der Volksmund sagt, „Leib und Seele zusammen“.

Wir sind heute besessen vom Essen und Trinken. Vor 50 Jahren hieß es „make love not war“, vor zwanzig noch „sex sells“. Das ist vorbei. Die Kochshows haben die Führung übernommen. Man kann kaum einen Schritt gehen, ohne darüber aufgeklärt zu werden, was man endlich aufhören sollte zu essen und wovon man sich in Zukunft ernähren soll. Feuerbach hatte schon in seiner Moleschott-Rezension darauf hingewiesen, dass zu den Grundsätzen einer jeden Philosophie der Zukunft die richtige Ernährung gehöre. Wir sind heute ganz und gar auf Feuerbachs Linie. „Der Mensch ist, was er isst“. Also muss er, um ganz Mensch zu sein, es mit Bewusstsein tun. Dass es ihm schmeckt, darf ihm nicht genügen. Er muss wissen, was es mit ihm macht.

Feuerbachs gastronomischer Materialismus ist uns heute näher, als er es seinen Zeitgenossen war. Ludwig Feuerbach ist ein Philosoph der Zukunft.

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