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100 Jahre Tutanchamun-Ausgrabung: „Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht“

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Von: Arno Widmann

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Lord Carnavon schaut durch die Lücke, rechts der Entdecker Howard Carter.
Lord Carnavon schaut durch die Lücke, rechts der Entdecker Howard Carter. © imago/United Archives Internatio

Vor 100 Jahren wurden durch den Archäologen Howard Carter Stufen einer Treppe freigelegt, die zur Grabanlage des Tutanchamun führten.

Heute vor 100 Jahren wurde das Grab von Tutanchamun („Lebendes Abbild des Amun“) entdeckt. Das ist nicht ganz richtig. Heute vor 100 Jahren wurden Stufen einer Treppe ausgegraben, die zur Grabanlage des Tutanchamun führten. Der Archäologe Howard Carter (1874-1939) suchte seit 1914, finanziert von Lord Carnarvon (1866-1923), im Tal der Könige nach dem Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun, der etwa von 1332 – 1323 v.u.Z. regierte. Carter hatte so wenig Erfolg bei der Suche, dass Lord Carnarvon, dem die inflationäre Entwicklung des Pfundes Sorgen machte, den Geldhahn zudrehen wollte. Carter gelang es, den Lord noch zu einer letzten Grabungskampagne zu überreden. Die förderte eine der größten Sensationen der Archäologie zu Tage: das Grab des Tutanchamun. Das wusste heute vor einhundert Jahren noch niemand.

Allerdings hatte Carter so systematisch nach der Anlage des Tutanchamun gesucht, dass er sehr darauf hoffte, dass er hier, an einer der letzten möglichen Stellen, auf sie stoßen werde. Man hatte damals im Tal der Könige bereits 25 Gräber gefunden. Es galt als durchforscht. Carter war einer der ganz wenigen, die davon überzeugt waren, hier noch große Funde machen zu können. Am 5. November 1922 erreichten die Ausgräber die zwölfte Treppenstufe. Dabei wurde der obere Teil einer versiegelten Tür freigegeben. Carter schickte dem Lord ein Telegramm: „Habe endlich wunderbare Entdeckung im Tal gemacht ein großartiges Grab mit unbeschädigten Siegeln bis zu Ihrer Ankunft alles wieder zugedeckt Gratuliere“. Am 23. November traf der Lord in Luxor ein. Am 24. November wurde die Wand ganz freigelegt und jetzt sahen sie die Siegel des Tutanchamun.

Die Ausgrabung fiel in eine Zeit des politischen Umbruchs. Am 28. Februar 1922 war Ägypten unabhängig geworden. Es war nicht mehr Teil des britischen Empire. Bis dahin hatte folgende Regel gegolten: Bei Anlagen, die beraubt worden waren, galt eine 50:50-Regelung. Fünfzig Prozent der Fundstücke für den Ausgräber, 50 Prozent für den ägyptischen Staat.

Bisher war es auch so gewesen, dass Ägypten zwar zum britischen Weltreich gehörte, dass seine Altertümerverwaltung aber Frankreich unterstand. Die neue Regierung aber wollte das ändern. Das brauchte Zeit. Die europäischen und US-amerikanischen Kunstinstitutionen liefen Sturm gegen die geplante Veränderung der Grabungsbedingungen. Ganz vorne dabei das Metropolitan Museum of Art, das Carnarvon und Carter auf eigene Kosten ein Mitarbeiterteam gestellt hatte.

Am 26. November wurde die Tür dann offiziell geöffnet. Ein Vertreter der Behörde war – das hatte die Regierung angeordnet – anwesend. Es war ein überwältigender Anblick. Carter hat ihn mehrfach beschrieben. Es war eine Fülle von Gegenständen zu sehen, die übereinander und durcheinander herum lagen. Man stellte dann fest, dass die Tür schon einmal geöffnet und dann wieder versiegelt worden war. Für die Ausgräber war das wichtig. Bei einem unversehrten Grab hätte alles dem ägyptischen Staat gehört.

Geborgene Fundstücke
Geborgene Fundstücke: Das Grab mit Kennziffer KV62 war spektakulär, weil weitgehend intakt. Die Schätze waren verschüttet und Grabräubern deshalb entgangen. © Imago

So war die Rechtslage. James Henry Breasted (1865 – 1935), einer der amerikanischen Mitarbeiter Carters, dessen Buch über ägyptische Geschichte noch bis in die sechziger Jahre auf dem deutschen Buchmarkt zu haben war, untersuchte später genauer, was die ägyptischen Grabräuber interessiert hatte. Es waren Goldbeschläge und Salböle. Als er das Carter mitteilte, beschloss man, diesen Sachverhalt nicht an die große Glocke zu hängen. Er hätte nahegelegt, dass diese Räuber zum Personal gehörten, das das Grab eingerichtet hatte. Was hätten spätere Räuber mit dem Salböl anfangen sollen? Am 26. November war man gerade mal in der Vorkammer eines Grabes angekommen. Alles musste fotografiert und dokumentiert werden. Das brauchte Zeit. Vieles spricht dafür, dass Carter diese Zeit nutzte, um schon einmal in die nächsten Kammern zu schauen. Das wurde dann sorgfältig kaschiert, so dass die offizielle Öffnung der nächsten Räume als „Entdeckung“ inszeniert wurde.

Man weiß aus verschiedenen Berichten sehr genau über den Ablauf der Grabungen Bescheid. Aber als am 29. November mit internationaler Prominenz und mit dem „Times“-Berichterstatter eine offizielle Graböffnung gefeiert wurde, da waren die Berichte und die Bilder aus der Grabanlage des Tutanchamun eine Weltsensation. Fast acht Jahre lang berichtete die „Times“ täglich oder doch wenigstens wöchentlich aus dem Tal der Könige.

Eine „Tutmania“ brach aus. Tutanchamun begeisterte Juweliere und Modemacher. Cartier brachte eine Tut-Kollektion heraus. Die zarten Figuren, die aus der Grabkammer kamen, wirken modern. Moderner jedenfalls als den 20- bis 30-Jährigen von 1923 ihrer matronenhaften Eltern vorkommen. Tutanchamun und jeder in seiner Umgebung war jung, schlank und nervös. Wie die 20er Jahre. Carter lieferte seiner Epoche einen fernen Spiegel, in dem sie sich wieder erkannte.

Im Kerzenschein offenbart sich schließlich die Grabkammer mit all ihren Schätzen: „Die heiße Luft ließ die Kerze flackern“, schreibt Carter, „aber sobald die Augen sich an den Lichtschimmer gewöhnten, zeichnete sich das Innere der Kammer allmählich vor einem ab, ein seltsames und herrliches Gemisch außerordentlicher und wunderschöner übereinander gehäufter Objekte.“ KV62 lautet die Nummer des Grabs im Tal der Könige.
Im Kerzenschein offenbart sich schließlich die Grabkammer mit all ihren Schätzen: „Die heiße Luft ließ die Kerze flackern“, schreibt Carter, „aber sobald die Augen sich an den Lichtschimmer gewöhnten, zeichnete sich das Innere der Kammer allmählich vor einem ab, ein seltsames und herrliches Gemisch außerordentlicher und wunderschöner übereinander gehäufter Objekte.“ KV62 lautet die Nummer des Grabs im Tal der Könige. © Amir Makar/Imago

Tutanchamun war der Sohn Echnatons, des Revolutionärs auf dem Königsthron. Der hatte gebrochen mit dem Jahrtausende alten Glauben Ägyptens und hatte nur noch zu einem einzigen Gott gebetet, dem Aton, den er in der Sonnenscheibe darstellen ließ. So übersetzt Jan Assmann den Anfang von Echnatons Sonnengesang: „Schön erscheinst du / im Lichtland des Himmels, / du lebende Sonne, Ursprung des Lebens. / Du bist aufgegangen im östlichen Lichtland, und du hast jedes Land mit deiner Schönheit erfüllt. / Du bist schön, gewaltig und funkelnd, / du bist hoch über jedem Land. / Deine Strahlen, sie umfassen die Länder bis ans Ende deiner ganzen Schöpfung, / als Re dringst du an ihre Grenzen / und unterwirfst sie deinem geliebten Sohn. / Du bist fern, aber deine Strahlen sind auf Erden, du bist in ihrem Angesicht, aber man kann deinen Gang nicht erkennen.“

Die Ähnlichkeiten zu manchen Psalmen sind nicht zu übersehen. Der 104. wird immer wieder dabei zitiert. Aber es trennen doch Jahrhunderte Echnaton und die Psalmisten. Aber es liegen auch deutlich mehr als zweieinhalb Jahrtausende zwischen Derek Walcotts „Omeros“ und Homer.

Echnaton war gestürzt worden, sein Name wurde getilgt aus den Königslisten, die Revolution wurde gestoppt, sein Sohn trug statt des Aton jetzt Amun in seinem Namen. Ob sich die aus Krieg und Revolution in die Golden Twenties geflüchteten Amerikaner und Europäer in den Gestalten um Tutanchamun wieder erkannten? Von Echnatons neuer Sensibilität war offenbar nichts geblieben als der Sinn für Eleganz, für Raffinesse, fürs Design. Aber doch auch unübersehbar eine neue Empfindung, das Wissen um eine Welt, in der auch der unüberwindbar scheinende Unterschied der Geschlechter verschwinden konnte und beide in einem dritten verschmolzen, das sich alle Möglichkeiten offen hielt. Vor Echnaton hatten Männer und Frauen in der ägyptischen Malerei unterschiedliche Hautfarben. Nofretete, Hauptgemahlin des Echnaton, war eine der ersten Frauen, die in den dunkleren Hauttönen der Männer gemalt wurden. Sie ist möglicherweise identisch – so meinen einige Ägyptologen - mit Semenchkare, dem Nachfolger Echnatons. Dieses changierende Geschlechterspiel war ganz nach dem Geschmack der 20er Jahre. Das alles beflügelte die Zeitgenossen noch bevor es zum Schlussakkord kam.

Erst am 16. Februar 1923 wurde die versiegelte Tür zur Sargkammer offiziell geöffnet. Wieder ein Festakt. „Waggonweise trafen Aristokraten, Sultane und Paschas ein. In diesen Tagen war Luxor wieder so glamourös, wie es einst das ägyptische Theben in der Zeit der 18. Dynastie gewesen sein musste“, schreiben Marie Elisabeth Habicht und Michael E. Habicht in ihrem 656 Seiten umfassenden Buch „Tutanchamun“, das seit September 2022 bei Books on Demand zu haben ist. Es ist die zentrale Quelle für diesen Artikel. Die Sargkammer enthielt den Sarkophag mit der Mumie des Pharao. Darum aber waren Särge aus purem Gold. Daraus getrieben das Porträt des jungen Pharao. Er war, so ergaben inzwischen die Untersuchungen, bei seinem Tod nicht älter als zwanzig Jahre. Damals spielte er kaum eine Rolle. Jetzt aber, mehr als dreitausend Jahre später, beflügelte er – wie ein Popstar – die ästhetischen Fantasien einer ganzen Generation.

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