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Die Dokumentation „Leaving Neverland“ wird Anfang April von Pro7 ausgestrahlt.

Medien

Lust am moralischen Schnellverfahren

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Ob R. Kelly oder Michael Jackson: Die Lust der Öffentlichkeit an moralischen Vorverurteilungen tendiert ins Monströse. Einspruch.

Am morgigen Mittwoch soll ein Interview mit dem Musiker R. Kelly ausgestrahlt werden, das in Ausschnitten bereits vorab zu sehen war. Der wegen sexuellen Missbrauchs angeklagte Sänger nahm darin zu den sich häufenden Vorwürfen Stellung. Was zunächst den Anschein einer öffentlichen Therapiesitzung erweckte, mündete schließlich in einen dramatischen Gefühlsausbruch. Hatte R. Kelly die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zunächst in aller Ruhe als unwahr bezeichnet, ließ ihn eine Nachfrage der Moderatorin schließlich die Fassung verlieren. Er sprang erregt auf und rang sichtlich um Worte: „Das bin ich nicht. Ich kämpfe um mein verdammtes Leben.“

Das Publikum ist damit vertraut, schnell zu bewerten

Die Szene lässt mindestens zwei Lesarten zu, die beide nicht gerade zu Gunsten von R. Kelly ausfallen. In der einen erweist er sich als jemand, der eine Schuld zurückweist, ohne dadurch seine Unschuld beweisen zu können. In der anderen Lesart erscheint er als verzweifelter Mann, der gerade durch die Impulsivität, die er im Kampf um seine Glaubwürdigkeit an den Tag legt, den Verdacht erweckt, sehr wohl zu den gegen ihn erhobenen Gewaltvorwürfen fähig zu sein.

Der Weg zum Gerichtsprozess: Pressekonferenz mit Faith Rodgers (2.v.r.), die R. Kelly angezeigt hat.

Wie es aussieht, war es keine gute Idee des Musikers, sich derart der allgemeinen Beobachtung auszusetzen. Noch im Versuch einer öffentlichen Verteidigung scheint ihm kaum mehr zu gelingen, als sich selbst ein denkbar schlechtes Zeugnis auszustellen.

Das Interview richtet sich an ein Publikum, das längst damit vertraut ist, schnelle Bewertungen abzugeben. Vor der Ermittlung einer Schuld im juristischen Sinne ist das moralische Urteil oft bereits gefallen. Die Intensität solcher Bilder lässt nun einmal kaum jemanden kalt. Als Mediennutzer gerät man immer häufiger in die Rolle eines Geschworenen, auf dessen Vereidigung man großzügig verzichtet hat.

„Leaving Neverland“ über Michael Jackson

Das ist auch im Fall des 2009 verstorbenen Pop-Superstars Michael Jackson nicht anders, der unter größtmöglicher Anrufung des kollektiven Gedächtnisses erneut verhandelt wird. Anfang April werden auch die deutschen Fernsehzuschauer Gelegenheit erhalten, die vierstündige Dokumentation „Leaving Neverland“ zur besten Sendezeit auf Pro7 zu sehen, in der zahlreiche Indizien ausgebreitet werden, die nahelegen, dass Jackson vielfachen sexuellen Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen verübt hat. Die Vorwürfe sind keineswegs neu. In den neunziger Jahren war Jackson nach einem spektakulären Gerichtsprozess freigesprochen worden, nicht zuletzt auch, weil mehrere mutmaßlich betroffene Jugendliche zu seinen Gunsten ausgesagt hatten. Jackson hatte sich später vor allem auch als Justizopfer präsentiert. „Leaving Neverland“ hat in den letzten Wochen insbesondere deshalb die Gemüter erhitzt, weil zwei der damaligen Zeugen, die zum Zeitpunkt des Prozesses Teenager waren, ihre Aussagen nun widerrufen. Michael Jackson sei nun einmal ihr Idol gewesen, „wie Gott“.

Dürfen Lieder von Michael Jackson gespielt werden?

Noch bevor sich die Zuschauer ein eigenes Bild von dem Film machen konnten, entbrannte in vielen Ländern eine Diskussion, ob man Michael Jacksons Lieder fortan noch spielen dürfe. Auf einer etwas elaborierteren Ebene wurde diskutiert, ob man die Biografie eines Künstlers mit all seinen menschlichen Schwächen und Vergehen nicht vom Werk trennen müsse. Sogleich werden auch reihenweise große Namen aufgerufen: Woody Allen, Roman Polanski, Richard Wagner. You name it.

Die „Süddeutsche Zeitung“ mochte es in ihrer Ausgabe vom 7. März nicht bei einer Auseinandersetzung mit Jackson und seinem Werk belassen. Bernd Graff diagnostizierte vielmehr eine Art Kollektivschuld, die sich seine Anhänger, aber auch die professionellen Beobachter aufgebürdet haben, seit sie bereits vor vielen Jahren über Michael Jacksons mutmaßliche Pädophilie und die daraus resultierenden Straftaten hinweggegangen waren. Zur Verstärkung seines Arguments konstruiert Graff ein allgemeines „man“, das die Ikone Jackson bereitwillig in Schutz nahm. „Denn selbst das skandalöseste öffentliche Gebaren des Superstars – er hielt in Berlin einmal sein Baby über die Brüstung eines Hotelbalkons – wurde zu seinen Lebzeiten notiert, aber auch schnell als Schrulle, Spleen verbucht. Superstar-Allüren halt. Alles war egal, wurde ihm schnell verziehen, solange seine immer atemberaubende Show stimmte. (...) Ja, man war damals so besoffen von der Michaelmania, dass man bereitwilligst über das Offensichtliche hinwegsah.“

Der unwiderstehliche Sog der Urteilsbildung

Richtig ist daran, dass die Einwände, die gegen Jackson und dessen fragwürdiges Verhalten erhoben wurden, der Michaelmania kaum etwas anzuhaben vermochten. Zur vollständigen Geschichte gehört aber wohl auch, dass weit weniger junge Leute einer solchen Michaelmania verfallen waren als heute in saloppen kulturellen Diagnosen unterstellt wird. Tatsächlich ist das Peter-Pan-Syndrom, in dessen Zeichen die Inszenierungen Jacksons beschrieben worden waren, schon sehr früh auch mit pädophilen Neigungen in Verbindung gebracht worden. Wenn die „Süddeutsche Zeitung“ fragt: „Warum ächtet ihn die Weltöffentlichkeit erst jetzt?“ setzt sie implizit auf eine Gerichtsbarkeit, deren Urteilsfähigkeit sie ein paar Sätze zuvor in Frage gestellt hat. Wobei Ächtung ja gerade nicht zu den Instrumenten der Rechtsprechung gehören sollte. Tatsächlich aber ist die Diskussion über einen kulturellen Bann immer auch schon Teil einer solchen Ächtung.

Die neue Lust am moralischen Schnellverfahren hat zuletzt auch die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ereilt. Semantisch betrachtet, richtete sich ihre umstrittene Karnevalsrede nicht gegen die gesellschaftliche Minderheit des sogenannten dritten Geschlechts. Vielmehr zielte ihr gewiss etwas schlichter Witz auf Berliner Politiker, die dabei sind, öffentliche Toiletten für Angehörige des dritten Geschlechts einzurichten. Die Rede, die zugegebenermaßen zu Missverständnissen einlud, wetterte genau genommen gegen eine identitätspolitische Symbolpolitik, gegen die öffentlicher Widerspruch doch möglich sein sollte.

Das hielt sie wenig später aber nicht davon ab, ihren Karnevalswitz mit dem Verdacht auf eine kollektive Neurose zu legitimieren. Wir Deutschen, polterte Kramp-Karrenbauer zurück, seien das „verkrampfteste Volk der Welt“. Durch inspirierende Gelassenheit war sie zuvor allerdings auch nicht gerade aufgefallen.

Ob ein missratener Witz oder der Vorwurf sexueller Gewalt: In all diesen Beispielen geht es kaum noch um die Rekonstruktion eines tatsächlichen Geschehens oder die Überprüfung einer sprachlichen Formulierung. Der unwiderstehliche Sog, der von der moralischen Urteilsbildung ausgeht, tendiert allzu oft ins Monströse. Während man über das kulturelle Phänomen der zwanghaften Meinungsbildung die Nase rümpfen mag, sollten die Schwierigkeiten, die daraus längst auch der juristischen Urteilsbildung erwachsen, nicht einfach nur hingenommen werden. Sie wiegen schwerer als die Frage, ob Michael Jackson im Radio erklingen darf oder lieber nicht.

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