Literatur

Geschichte vom verlorenen Sohn

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„Zuhause“, der behutsame Mittelteil von Marilynne Robinsons Gilead-Trilogie.

Zuhause“ ist die Geschichte eines verlorenen Sohns. Der nach vielen Jahren wiederkommt, in einen Ort namens Gilead, ins Elternhaus, zur Freude seines Vaters, der nur darauf wartete, vergeben zu können. Eines Sohnes aber, der, anders als in der Bibel, ebenso abrupt wie vor zwanzig Jahren wieder geht, einfach so und kurz vor dem Tod des alten Boughton. Stets war Jack „die Schwere ums Herz der Familie“, von Kindesbeinen war er ein in der Geschwisterschar Fremder, war – so empfand es der Reverend – eine Art von Prüfung, von Strafe, während die anderen sieben Kinder der Boughtons sich „demonstrativ gut“ verhielten. „Wohlmeinend und heiter“, waren sie ihrem Vater keinen Deut wichtiger. Im Gegenteil.

„Zuhause“ ist zwar der zuletzt auf Deutsch erschienene, eigentlich aber mittlere Band der Gilead-Trilogie Marilynne Robinsons. Freilich kann man die Lektüre mit jedem der drei Romane beginnen, sie reichern die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten von verschiedenen Seiten an wie man fruchtbare Erde anhäufeln würde um wertvolle Pflanzen.

In „Gilead“ erzählt die 1943 geborene amerikanische Schriftstellerin von Reverend John Ames und seiner späten, glücklichen Vaterschaft. Aber er weiß auch, dass er Frau und Kind bald zurücklassen wird; es ist das schwache Herz. „Lila“, die dem dritten Roman den Titel gibt, ist Ames’ junge, aus dem Elend und der Armut eines Tages in seine Kirche spazierende Frau. Und in der Mitte der Trilogie wechselt „Zuhause“ zu den befreundeten Boughtons. Zu Jack, der nicht einmal zur Beerdigung seiner Mutter kam, obwohl der Reverend ihm Geld für die Reise schickte. Zu seiner Schwester Glory, die für den gebrechlichen Vater sorgt. Zum Vater, der zuletzt seinen braven Sohn Teddy mit Jack verwechselt: „Du hast dich verabschiedet, aber ich wusste, dass du dich nicht würdest losreißen können.“

Marilynne Robinson, so heißt es, sei einer der sehr raren Autoren, die noch über Religion, religiöse Überzeugungen, Glauben und Zweifel am Glauben nachdenken. Doch im Grunde erzählt sie von Menschen, die versuchen, das Richtige zu tun, auch im Sinne des moralisch Richtigen. Aber da ist die Gebundenheit an gesellschaftliche Gepflogenheiten, auch an Vorurteile, in diesem Fall die der fünfziger Jahre. „Die Farbigen“, sagt der alte Reverend im Gespräch mit seinem Sohn, „machen sich meiner Ansicht nach nur das Leben schwer mit diesem ganzen ... Ärger.“ Jack kommt auf Emmett Till zu sprechen, einen 14-Jährigen, der gelyncht wurde, weil er einer Weißen hinterher pfiff – „da muss noch mehr gewesen sein“, meint sein Vater. Er weiß nicht und wird auch nicht mehr erfahren, dass sein Sohn mit einer Schwarzen verheiratet ist.

Die Behutsamkeit der Romane Marilynne Robinsons vor allem ist es, die beeindruckt. Hier werden keine Urteile gefällt, steht so vieles zwischen den Zeilen, muss eine penible, doch allemal gewinnbringende Arbeit am Text geleistet werden. Die Vorsicht, mit der die Menschen, selbst Bruder und Schwester, miteinander umgehen, ist die einer anderen Zeit. Aber es könnte auch sein, dass Robinson diese besondere Vorsicht und Rücksichtnahme am Herzen liegen, weil sie sich so gut zum Ton ihres Erzählens fügen. Glory zum Beispiel versagt sich sogar die Frage an ihren Bruder „warum bist du hier?“ – also wird die Antwort auch der Leserin versagt. Aber die Vergangenheit schleicht durch die Räume des alten Hauses und durch Glorys Kopf.

Man erfährt nicht viel, aber genug von der Eigenart des Jack Boughton, gespiegelt in den Erinnerungen seiner Schwester. Wie er als Kind keine Umarmungen, keine Rangeleien mochte. Wie sein Charme und seine geschickte Auslassung der Wahrheit dem Jungen aus fast jeder Klemme halfen. Wie er dann aber ein Mädchen schwängerte und, statt das Erforderliche zu tun, die junge Frau nämlich zu heiraten, sich davonmachte. Später saß er auch mal im Gefängnis. „Als Abschaum war ich nie sehr erfolgreich“, scherzt er. Er wurde durch Liebe gerettet, er begann dennoch wieder zu trinken. Er ist sich selbst leid.

In mindestens gleichem Maße wie von Jack erzählt „Zuhause“ von Glory. 13 Jahre lang hat sie Englisch unterrichtet an einer Highschool, ließ sich fast ebenso lang von einem ewigen Verlobten ausnutzen, auch finanziell, ist nun, mit 38, ebenso aus Pflichtbewusstsein wie aus Ratlosigkeit nach Gilead ins Elternhaus gezogen. Wo sie die scheinbar anstrengungslose Anmut bewundert, mit der Jack mit seinem Vater umgeht. Wo sie einmal mehr zurücktreten muss in die zweite, die Reihe der Frauen. „Und sie ging hinauf und legte sich aufs Bett und verfluchte ihr Leben bis zum Morgen.“

Marilynne Robinson: Zuhause. Roman. A. d. Englischen von Uda Strätling. S. Fischer, Frankfurt 2018. 430 S., 22 Euro.

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