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Im britischen Museum in London ist derzeit die Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“ zu sehen. Auch die Kanzlerin wird sie besuchen.
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Im britischen Museum in London ist derzeit die Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“ zu sehen. Auch die Kanzlerin wird sie besuchen.

Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“

Geschichte ohne Relativitätstheorie

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Kanzlerin Angela Merkel besucht in London die Deutschland-Schau „Germany – Memories of a Nation“. Sie könnte auf gewaltige Versäumnisse stoßen - insbesondere im Bereich der Naturwissenschaft.

Die Bundeskanzlerin wird heute die große Ausstellung „Germany – Memories of a Nation“ im Londoner British Museum besuchen. Der Museumsdirektor Neil MacGregor, seit seinem Weltbestseller „Die Weltgeschichte in 100 Objekten“ eine internationale Berühmtheit, stellt den Briten Deutschland als ein Vorbild hin. Nicht in dem, was Deutschland getan hat, sondern wie es damit umgeht. Deutschland zeigt, dass „right or wrong – my country“ nicht der beste Weg einer Nation ist, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.

Deutschland ist wirtschaftlich und politisch die Nummer 1 in Europa. Es ist zugleich das Land, das sich seinen Verbrechen gestellt hat wie kein anderes. Es hat – das ist die Botschaft der Ausstellung – daran nicht nur keinen Schaden genommen, sondern im Gegenteil offenbar Kraft daraus geschöpft. Die Kritik an der eigenen Geschichte, an den eigenen Taten, an den Taten von Eltern und Großeltern, hat das Land nicht geschwächt. Die Kritik hat Konflikte aufgeworfen, die bis in die intimsten Beziehungen hineinreichten und immer noch reichen. Das Land und die Menschen sind daran nicht zerbrochen.

Das arbeitet Neil Mac Gregor heraus. Deutlicher als wir in Deutschland das sehen. Er zeigt das, indem er beim Gang durch die deutsche Geschichte stets mit zeigt, wie die Deutschen ihre Geschichte darstellen. Das meint der Untertitel „Memories of a Nation“. Es ist beeindruckend, wie hier Geschichte im Doppelsinne von vergangenem Geschehen und dem heutigen Blick darauf, von Geschichte und Geschichtsschreibung, immer gegenwärtig ist.

Man ist so fasziniert davon, dass man leicht eine doch riesengroße Lücke der Ausstellung übersieht: die Abwesenheit der Naturwissenschaften. Relativitätstheorie und Quantenphysik, die entscheidenden Werkzeuge zum Verständnis der Welt, in der wir leben, spielen in der Ausstellung keine Rolle.

Der Tisch, an dem Otto Hahn, Lise Meitner, Fritz Strassmann die erste Spaltung eines Atomkerns durchführten, gehört ganz sicher zu den bedeutendsten Objekten der Weltgeschichte. Es fällt nicht auf, dass er fehlt. Denn es fehlen Einsteins Papers zur speziellen oder zur allgemeinen Relativitätstheorie ebenso wie Hinweise auf die Arbeiten von Max Planck oder Werner Heisenberg.

Lücke im deutschen Selbstbild

Hat man es einmal gesehen, scheint einem völlig unverständlich, dass gerade eine Ausstellung, die nicht nur Geschichte zeigt, sondern auch wie sie vorgestellt, wie über sie nachgedacht wird, darauf verzichtet, das radikalste Umdenken über die Welt, das es bis dahin gab, zu dokumentieren. Ein Großteil der das Weltbild revolutionierenden Schriften des ausgehenden 19. und des frühen 20. Jahrhunderts erschienen zuerst auf deutsch.

Der Artikel über die Kernspaltung vom 17. Dezember 1938 allerdings nicht. Ihn veröffentlichte Lise Meitner zusammen mit ihrem Neffen, dem Kernphysiker Otto Frisch, im Februar 1939 auf englisch in „Nature“. Dort taucht auch das erste Mal der Begriff „Nuclear fission“ (Kernspaltung) auf. Er wurde in Stockholm geschrieben – ist also eines der bedeutendsten Werke der Exilliteratur.

Denkt man eine Sekunde darüber nach, wird einem deutlich, dass die Lücke in der Londoner Ausstellung sehr genau eine Lücke im deutschen Selbstbild darstellt. Es gibt wahrscheinlich nur sehr Wenige, die nach Deutschland befragt, auf die Idee kämen die Quantenphysik, Relativitätstheorie und Unschärferelation zu erwähnen. Obwohl jeder sofort versteht, dass sie den wahrscheinlich wichtigsten Umbruch in der menschlichen Weltwahrnehmung bedeuten. Polytheismus, Monotheismus – das sind winzige Differenzierungen verglichen damit. Selbst die Entdeckung bis dahin unbekannter Welten durch Fernrohre und Mikroskope reicht nicht daran heran.

Warum sehen wir diese Leistungen der Naturwissenschaften nicht? Eine erste einfache Antwort lautet: Die Naturwissenschaften sind Produkte international zusammenarbeitender Forschergruppen. Einzelne Leistungen einzelnen Ländern zuzuweisen, wirkt einigermaßen lächerlich. Wer so spricht, übersieht, dass die Tatsache, dass es zum Beispiel einen europäischen Kolonialismus gab, eine gemeinsam betriebene Aufteilung der Welt, niemand daran hindert, nationale Kolonialgeschichten zu untersuchen, zu schreiben und auszustellen.

Mein Verdacht ist: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Geschichtskritik der Deutschen und ihrem Rückzug aus den Naturwissenschaften. Die von Deutschen verübten Verbrechen wurden soziologisch, politisch, moralisch analysiert. Es wurden Theorien entwickelt, die versuchten, die Tiefenstrukturen von Gesellschaften bis hinein in die intimsten Regungen des Einzelnen zu erforschen. Es galt sich klarzuwerden über die Vernetztheit von ökonomischen Makrostrukturen, politischen Organisationsfragen und psychischen Dispositionen. Die Verbindung von Politik und Moral aufzudecken, war das Ziel der Anstrengungen. Denn die radikale Trennung von beidem hatte in die Katastrophe geführt. Die Naturwissenschaften hatten zur Lösung dieses Problems nicht beizutragen. Ärger noch: Sie schienen spätestens seit Hiroshima und Nagasaki Teil des Problems.

Eine entfesselte instrumentelle Vernunft schien nicht weniger mörderisch als die radikale Absage an die Vernunft durch Rassenideologien. Das Atomzeitalter – wir haben das Menetekel, das dieser Begriff einmal heraufbeschwor, vergessen – hatte in Deutschland begonnen. Es war inzwischen ein Weltzeitalter geworden. Diese Krankheit war nicht von Deutschen zu heilen.

Sie half aber den Deutschen, sich von ihrer deutlich spezifischeren Krankheit, dem Nationalsozialismus, zu kurieren. Die Tatsache, dass die neue Weltkatastrophe nicht von Deutschland ausging, ermöglichte es den Deutschen, sich mit ihrem Problem als einem Kleineren zu beschäftigen. Das half ihnen, neben den sehr kritischen Blicken der „Siegermächte“, dabei ganz neue „Memories of a Nation“ zu schreiben. Es war die Atombombe, es waren die Zehntausenden von Atombomben, die Deutschland lehrten, einen neuen Weg zu gehen. Manchmal ist noch anregender als das, was man sieht, das, was man nicht sieht.

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