Marcia Pally schreibt

Ein Geschenk der Armut

Gewiss hat man Ihnen auch schon einzureden versucht, dass Mensch und Natur vor allem in den armen Ländern durch die globalen Märkte ausgebeutet werden. Doch

Gewiss hat man Ihnen auch schon einzureden versucht, dass Mensch und Natur vor allem in den armen Ländern durch die globalen Märkte ausgebeutet werden. Doch was man Ihnen gerne verschweigt: Die Ausgebeuteten sind die eigentlichen Profiteure der Globalisierung - schauen Sie nur einmal nach Ciudad Juárez, einer Stadt an der nordmexikanischen Grenze.

Schon vor einigen Jahren beeindruckte mich ein Phänomen, das wir als Medizin-Tourismus bezeichnen können und das wir vor allem in jenen Entwicklungsländern finden, die über gut ausgebildete Ärzte verfügen, doch über zu wenig vermögende Bewohner, um sie auch zu bezahlen. In der Folge werden medizinisch hochwertige Reisepakete für reiche Touristen geschnürt: chirurgische Praxen und Heilquellen, Chemo- und Aromatherapie…

Jetzt haben die Armen zwischen El Paso und Tijuana eine neue Einnahmequelle erschlossen: den Benzin-Tourismus. Seitdem nämlich die mexikanische Regierung das Benzin subventioniert, ist es um die Hälfte billiger als in den USA. Also kommen Hummer, Oldtimer oder schwere Sattelzüge über die Grenze gefahren, um hier zu tanken. Ein Fuhrunternehmer erklärte neulich in der New York Times, dass seine Spedition dadurch 12 000 Dollar im Monat spare. Nur zu verständlich, dass der Mann nicht seinen Namen nennen wollte - schließlich muss er eine Anklage wegen Steuerhinterziehung fürchten.

Der Benzinverkauf ist in El Paso um 50 Prozent gestiegen. Und die mexikanische Tourismusbehörde wittert das große Geschäft: Warum sollen die Benzintouristen, wenn sie schon mal in der Stadt sind, nicht auch noch billiges Bier oder preisgünstige Passionsfrüchte einkaufen? Oder einen Kieferorthopäden aufsuchen, bei dem die Behandlung nur einen Bruchteil kostet? In Ciudad Juárez übrigens heißt Sie eine Klinik willkommen, die Ihren Gewichtsproblemen zu Leibe rückt - von Diätplänen bis zur Fettabsaugung wird hier das volle Programm geboten.

Selbstverständlich, diese Idylle wird es nicht ewig geben. Mexikos Regierung kann es sich nicht leisten, jedes Jahr über 20 Milliarden Dollar für Subventionen auszugeben. Doch so lange sie es tut, werden die Tankstellenbesitzer das erste Mal in ihrem Leben prall gefüllte Brieftaschen haben - und die übergewichtigen Ladies in Texas ihre Pfunde verlieren.

Von Marcia Pally ist jüngst das Buch "Warnung vor dem Freunde: Tradition und Zukunft amerikanischer Außenpolitik" im Berliner Parthas Verlag erschienen.

Übersetzung: Christian Schlüter

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