1. Startseite
  2. Kultur

Gescheiterter Kombinierer

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

"Dreggsagg" Michl Müller.
"Dreggsagg" Michl Müller. © imago/Walter Baehnisch

Kabarettist Michl Müller lästert über die Bundeswehr oder das massenhafte Abhören deutscher Telefonierer - doch die stoffreichen Themen lässt er mit billigen Pointen entgleiten. Umso mehr wendet er sich im Verlauf seines Programms dem Klatsch und Tratsch aus der Welt des Otto-Normalbürgers zu.

Von Wolfgang Heininger

Michl Müller ist in. Mühelos füllt der Franke inzwischen auch große Säle mit seiner Mischung aus politischem Kabarett, amüsanten Geschichten und Liedern, die nur auf den ersten Blick eine Persiflage auf die kommerzielle Musikindustrie von Andrea Berg bis zum Musikantenstadl darstellen. Doch genau diese Kombination ist es, an der der selbsternannte „Dreggsagg“ letztlich scheitert.

Dabei war es doch so gut losgegangen, am Mittwoch im Aschaffenburger Hofgarten. Höchstaktuell hatte der 42-Jährige über die pannengeplagte Bundeswehr gelästert, die am gleichen Tag eigentlich Waffen zur Unterstützung der Kurden gegen die Islamterroristen in Nordirak liefern wollte. Die jedoch nach dem Ausfall des eigenen Transportflugzeugs, der verweigerten Einfluggenehmigung für die holländische Ersatzmaschine und schließlich nach dem Totalschaden derselben weiterhin in Leipzig Däumchen drehen musste.

Genug Stoff für einen deftigen Satireabend

Und der gelernte Werkzeugmacher, der vor zehn Jahren hauptberuflich, ins Kleinkunstfach wechselte, hatte noch weitere Stichpunkte in seinen Notizblock für sein neues Programm "Ausfahrt freihalten" notiert: das massenhafte Abhören deutscher Telefonierer durch amerikanische und britische Geheimdienste, den Prozess um die rechtsextreme Terrorzelle NSU oder die Nebenverdienste der inzwischen zurückgetretenen bayerischen Ministerin Haderthauer, in dem sie Schwerverbrecher in der Haft teure Modellautos bauen ließ. Genug Stoff also, um einen deftigen Kabarettabend zu bestreiten.

Doch was für eine Enttäuschung. Die stoffreichen Themen ließ er mit billigen Pointen – Merkel: „Das Handy abhören macht mir nichts. Ich schreib' eh' nur SMS'.“ oder Sigmar Gabriels Charakterisierung  als „fleischgewordene Leberknödelsuppe“ - entgleiten, bis sie gänzlich entschwunden zu sein schienen. Zwar ließ er den politischen Anspruch zwischendurch noch einmal kurz aufblitzen, doch da wirkte er um so mehr als Fremdkörper.

Umso mehr wandte sich der zweifellos auch unterhaltsame Müller im Verlauf seines Programms dem Genre zu, dass er wirklich beherrscht: Klatsch und Tratsch aus der Welt des Otto-Normalbürgers mit Boden- und Klischeehaftung. Das war oft amüsant, wenn auch selten neu und kratzte zuweilen an den Geschmacksgrenzen.

Klatsch und Tratsch aus aller Welt

Wer dem Bad Kissinger allerdings den Floh ins Ohr gesetzt hatte, jede Viertelstunde einen Schlager mit mäßig originellen Text zum Schlechten geben zu müssen, erwies dem fränkischen Entertainer wahrlich keinen Gefallen. Auch wenn ein Großteil des Publikums begeistert mitsang, wie es sich auch sonst lauthals amüsierte.

Michl Müller wird seinen Siegeszug über die bayerischen Landesgrenzen hinaus demnach wohl ungehindert fortsetzen, auch wenn es die Mischung in diesem Fall nicht macht und er sich entscheiden sollte, was er denn eigentlich will. Seine Fans ficht der Dreifachspagat offenbar nicht an. Der Auftritt im hessischen Bad Orb im November ist bereits ausverkauft.

Auch interessant

Kommentare