Die Oper erzählt von der Angst vor Machtverlust. Foto: Rolf K. Wegst

Uraufführung

Gesang vom syrischen Trauma

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Richard van Schoors Oper „Alp Arslan“ im Stadttheater Gießen.

Die ganze Welt ist ein Chaos, ruft Alp Arslan verzweifelt, aber die Wahrheit ist, dass er selbst zum mörderischen Chaos erheblich beiträgt. Er ist schwach und desorientiert und mit 16, mitten in kriegerischen Zeiten, nach dem Tod seines Vaters Emir von Aleppo geworden. Die Stadt interessiert ihn nicht, dass Kreuzzügler („Franken“) sie bedrohen, ist nur eine Gefahr neben vielen anderen. Wer ihn und seine Machtposition gefährden könnte, wird vorsichtshalber ermordet. Sein einziger halbwegs loyaler Ratgeber, der Eunuch Loulou, bringt Alp Arslan schließlich prophylaktisch selbst um, bevor er seinerseits enthauptet wird und einen geisterhaften Epilog singt.

In Richard van Schoors jetzt uraufgeführter Oper „Alp Arslan“, einer Auftragsarbeit des Stadttheaters Gießen, geht es nicht nur um einen historischen Stoff aus ferner Kreuzzugs-Zeit. Librettist Willem Bruls versteht seine Arbeit auch als Requiem für die Stadt Aleppo; Verweise auf Baschar al-Assad liegen nicht sehr fern.

Loulou aber hat die zentrale Rolle inne. Er lebt in vergeblich erotisch unterfütterter Hinwendung zu Alp Arslan und erscheint als einzige Figur mit positiven Emotionen. Alle handelnden Personen sind von tiefen Traumata geprägt, aber nur Loulou kann sie vielschichtig verbalisieren.

Denis Lakey, Countertenor, bewältigt seine große Partie mit reichen Ausdrucksmöglichkeiten, dynamischen Abstufungen und einem enormen Tonumfang. Seine ausweglose Klage gibt dem Werk seinen Rahmen: im Prolog bis zum Hals eingegraben in den Sand, im Epilog als abgeschlagener Kopf mit bedrückender Lebenstrauma-Bilanz. Zwischendurch unternimmt er einen erfolglosen Versuch, Alp Arslan vom Morden abzuhalten.

Daniel Arnaldos als Alp Arslan ist in seinem dramatischen Impetus weitgehend beschränkt auf das emotionale Repertoire trotziger, aufgewühlter bis eiskalter Verzweiflung; nur kurze lyrische Passagen sind ihm gegönnt, von denen man gern mehr gehört hätte. Die starken Figuren sind die Frauen: Für Großmutter (Rena Kleifeld), deren Altstimme zuweilen tiefer geführt ist als Arnaldos Tenor, ist Alp ein verachtenswerter Schwächling. Marie Seidler als seine Mutter Bent Yaghisiyan erklärt mit klarem Timbre und feinem Nachdruck, warum sie nie in der Lage war, ihn oder gar seinen Vater zu lieben.

Gießens Intendantin Cathérine Miville hat behutsam und mit respektvoller Klarheit inszeniert. Das sandfarbene Bühnenbild (Marc Jungreithmeier), das Stadt und Wüste subtil verbindet, nutzt zuweilen auch handelnde Personen als Video-Projektionsflächen, so dass ihre enge Verwobenheit mit Stadt, Landschaft und Geschichte sinn- und augenfällig wird.

Willem Bruls’ Libretto ist von lakonischer Poesie. Richard van Schoors Musik ist sinfonisch und polystilistisch angelegt; sie changiert zwischen transparenter, manchmal spröder Begleitung des Gesangs, ausdrucksreicher Klangentfaltung und fast liturgisch anmutenden Chor-Passagen. Als Solist an Oud, Vielle und Cello ist Mathis Mayr zu hören, Evgeni Ganev spielt ein stahldrahtig klingendes Cembalo. Ein syrisches Musiker-Quintett ist dem Orchester beigesellt und trägt eine starke Farbe bei. Das Philharmonische Orchester Gießen (Leitung: Jan Hoffmann) zeigt intensive Vertrautheit mit den Intonations-Finessen der Partitur.

Stadttheater Gießen: 10., 23. Mai, 7., 21., 30. Juni. www.stadttheater-giessen.de

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