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Theater Landungsbrücken

„Gesäubert“: Im Zwielicht des Dies- und Jenseits

  • VonMarcus Hladek
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Sarah Kanes „Gesäubert“ setzt im Theater Landungsbrücken eine Werkschau der britischen Dramatikerin fort.

Trockeneisnebel und Zwielicht: sich verdichtend, aufhellend, wandernd. An Bildhaftigkeit lässt die Theaterarbeit von Sebastian Bolitz mit der Gruppe „pan/poetic act narrative“ wenig zu wünschen übrig. Man meint an einer existentiellen Fahrt über Jenseitsflüsse beteiligt zu sein, in Gemeinschaft mit Figuren, die ein Allegorese-Spektrum von Charon und des Fährmanns toten Passagieren abbilden. So falsch ist das tatsächlich nicht, selbst wenn man sich Styx-Fahrten vielleicht eher zum Klang von Monteverdis „Orfeo“ ausmalen würde statt zum wiederkehrenden Blues mit E-Gitarre und Orgel, der zwischen Vogelzwitschern hier und da erklingt.

Das halbe Dutzend ziemlich genialer Stücke, das Sarah Kane (1971-1999) hinterließ und das die Landungsbrücken-Werkschau „20.21 KANE innen“ derzeit mit sechs freien Theatergruppen aufarbeitet, bleibt in den Originaltiteln (Blasted, Skin, Phaedra’s Love, Cleansed, Crave, 4.48 Psychosis) ja eher wortkarg bis einsilbig. Doch steckt gerade in der extremen Verdichtung und Härte der Sprache Sarah Kanes stets ungemein viel szenische Poesie.

Scheinbar glücklich

Im unbespielten Februar 2021 wäre die Engländerin 50 geworden. Mit 28 setzte sie ihren suizidalen Schlusspunkt, der das verhinderte. Was ihr im ersten Versuch mit Tabletten misslang und sie laut ihrer Agentin fürs erste scheinbar „glücklich, gesund, sehr lustig“ zurückließ, gelang ihr drei Tage später im zweiten. Da war sie gegen ärztliche Weisung kurz ohne Schwesternaufsicht und erhängte sich mit Schnürsenkeln an der Türklinke.

Drastische Details, wohl wahr, doch solche gehen in Kanes Texte ja immer wieder ein, auch in „Gesäubert“. Eigentlich spielt das Stück an einer Uni, die sich aber mehr nach Folterkammer oder einem KZ unter Aufsicht des Sadisten Tinker anfühlt. Die Idee kam Kane angeblich beim Lesen einer Stelle in Roland Barthes’ „Fragmenten einer Sprache der Liebe“, wonach Zurückweisung Liebende in die Lage von Häftlingen in Dachau versetzt. Liebesschwüre und verdrehte Beziehungen werden hier unter Andeutungen von Vergewaltigung, Verstümmelung und noch mehr, was im Trockeneisdunst gnädig abgedimmt ist, harschen Proben unterzogen.

Neben Marlene Zimmer als Gracie, die sich in beengter Situation (Hannah von Eiffs Bühne umfasst eine Art Lazarettbett mittig links, ein modellartig kleines Gartengatter links, einen roten Hocker in lila Licht mittig rechts und einen Stuhl mit Requisite als Zimmer rechts) mit ihrem toten Bruder Graham überidentifiziert und etwa seine Kleidung anzieht, agieren Andreas Jahncke, Christoph Maasch, Eric Lenke, Marko Schmidt und Ole Bechtold in den Rollen des Bruders, eines schwulen Pärchens und eines kindhaft verstörten Jungen.

Die Poledancerin verschmilzt oder verschwimmt in dieser Regie mit Tinker, dem irren Psychiater, der Experimente der Liebe leitet und an einen Arzt erinnern mag, den Kane in der realen Psychiatrie zu lieben begehrte. Anweisungen wie die von der Sonnenblume, die sich durch den Boden sprengt und aufrichtet, wandeln sich in Andeutungen wie das Blütenbild auf der Kleidung des Bruders (Kostüme: Josephin Berger, Dramaturgie: Hannah Schassner).

Verdunkelung folgte

Eine sehr brauchbare Regie im Schlüssel des Dies- und Jenseits-Zwielichts, so auch und besonders in Erinnerung an eine fantastische Dramatikerin, deren Todesnachricht ein paar Theater in Deutschland Verdunklung folgen ließen. Kanes Kollege Harold Pinter sinnierte damals erschüttert über die Unmenschlichkeit des Menschen, die Sarah Kane in den Tod getrieben habe: „She couldn’t stand the bloody thing any more.“ Nicht das schlechteste Wort zum Ende eines Millenniums.

Landungsbrücken Frankfurt:

„Gesäubert“ wieder am 7. und 24. November sowie im Januar. Premiere „Gier“ am 9. September. www.landungsbruecken.org

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