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Als ob sie nur eine interessierte Zuhörerin sei: Die Angeklagte im Prozess in Köping.

Prozess gegen deutsche Studentin

Gerichtszeichner vs. Live-Ticker

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Eine deutsche Studentin wurde in Schweden wegen Mordes an zwei Kindern zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Medien vor Ort haben die Gerichtsberichterstattung in eine neue Dimension geführt.

Im Gerichtssaal im schwedischen Köping verliert die Angeklagte für einen Augenblick die Fassung. "Alle, die mich kennen, wissen, dass ich zu so etwas nicht imstande wäre", schluchzt Christine S. aus Hannover, als ihr Verteidiger wissen will, wie sie sich zu den Vorwürfen stellt, im März in Arboga zwei kleine Kinder ermordet und deren Mutter schwer verletzt zu haben. Die 32-jährige Studentin hat ihre Tränen noch nicht getrocknet, als ihre Antwort schon im Internet steht. Zum Beispiel auf der Website von "Aftonbladet", Schwedens auflagenstärkster Zeitung: ",Es ist schrecklich', sagt die Deutsche, und beginnt wieder zu weinen", heißt es dort, und dann folgt das genannte Zitat.

Minute für Minute, als sei es der Live-Ticker eines Fußballspiels, folgen die führenden schwedischen Medien der Gerichtsverhandlung über den Mordfall, der in Schweden enormes Aufsehen erregt. Mit ihren Laptops auf dem Knie und drahtloser Internetverbindung dokumentieren eigens dafür abgestellte Reporter jeden Wortwechsel, jede Gefühlsregung auf ihren Blogs.

Als die Mutter der Opfer die Angeklagte als Täterin identifiziert, als der Gutachter ihre Aussage als Konstruktion zerpflückt, als die Angeklagte sich weigert, dem Staatsanwalt über ihr Privatleben zu berichten - stets können Interessierte mitfolgen, als säßen sie selbst dort.

Beim Prozessauftakt hatten sich passionierte Gerichtskiebitze noch darüber beschwert, dass die 40 Zuhörerplätze im kleinen Köpinger Amtsgericht fast ausschließlich für die Presse reserviert waren. Die Öffentlichkeit werde so ausgesperrt, hatten sie geklagt. Jetzt kann die "Öffentlichkeit" daheim am Computer sitzen und jedes Detail nachlesen.

Schwedens Medien führen die Gerichtsberichterstattung in eine neue Dimension. Noch beim Prozess gegen den Mörder von Außenministerin Anna Lindh vor vier Jahren waren Computer im Gerichtssaal verpönt, und die Blog-Welt war noch nicht so entwickelt, dass man an direkte, fast wörtliche Wiedergabe der Verhöre dachte.

Diesmal ist das anders. Nur an einem Punkt unterscheidet sich die Darstellung auf den Internet-Seiten von "Aftonbladet", "Expressen" oder "Sveriges Radio" von dem, was die direkt Anwesenden zu hören bekommen. Denn wenn im Gerichtssaal der Name der Angeklagten fällt, heißt es auf den Blogs "die Deutsche", und wenn es um den Mann geht, dessen unerwiderte Liebe angeblich den Mordanschlag auslöste, dann schreiben die Reporter "der Lebensgefährte".

Denn einerseits dehnen die Medien das Öffentlichkeitsprinzip bis an seine Grenzen, wenn es um die Wiedergabe aus dem Gerichtssaal geht. Andererseits aber halten sie sich eisern an die Regel, dass der Name eines Verdächtigen bis zu einem eventuellen Schuldspruch (oder Geständnis) geheimgehalten wird. Man muss zwar nicht allzu lange im Internet surfen, um alle Angaben zu den Schlüsselfiguren des Morddramas zu finden. Doch in der schwedischen Berichterstattung werden nicht mal die Anfangsbuchstaben der Namen genannt. Nur bei der Mutter der ermordeten Kinder gibt es unterschiedliche Vorgangsweisen. Die Zeitungen, denen die Frau vor dem Prozess Interviews gewährte, nennen auch jetzt ihren vollen Namen. In den anderen heißt sie nur "die Mama".

So tabu wie der Name der Angeklagten sind auch Fotos aus dem Gerichtssaal. Die Richter ließen eine Sicherheitszone um das Gebäude legen, um Fotografen zu hindern, durch die Fenster zu knipsen.

Als Christine S. auf dem Weg in den Saal ungeniert in die Fernsehkameras blickte, machten die Web-TV-Kanäle der Zeitungen ihr Gesicht unkenntlich, ehe sie die Bilder ins Internet stellten. So haben im Gerichtssaal die Zeichner Hochkonjunktur, die das Geschehen mit ihrem Bleistiftstrich festhalten. Das gibt der Berichterstattung eine skurrile Dimension, wenn der Live-Ticker von der Anklagebank mit Stilmitteln wie vor hundert Jahren illustriert wird.

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