Lenka Reinerová ist tot

Gerechter sollte es zugehen

Prag war der Ort, von dem sie vertrieben wurde und an dem zu leben sie nie bereute: Am 27. Juni starb die Schriftstellerin Lenka Reinerová im Alter von 92 Jahren.

Von ULRIKE KRICKAU

Prag war der Ort, von dem sie vertrieben wurde und an dem zu leben sie nie bereute: Am 27. Juni starb die Schriftstellerin Lenka Reinerová im Alter von 92 Jahren. Als sie geboren wurde, am 17. Mai 1916, war Prag eine der lebendigsten Städte Europas. Lenka Reinerová arbeitete als Journalistin. "Wir waren jung und wollten, dass es gerechter zuging", sagte sie auf die Frage, warum sie sich nie für den bequemen, den sicheren Weg entschieden hat.

Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Prag war sie als Jüdin und Linke gefährdet. Ihre Familie riet ihr, im Ausland zu bleiben. Sie sollte sie nie wiedersehen. Über Paris, Marseille und Casablanca gelangte sie schließlich nach Mexiko, wo sie sich dem Kreis um Egon Erwin Kisch und Anna Seghers anschloss. 1948 kehrte sie mit ihrem Mann Theodor Balk und ihrer Tochter nach Prag zurück. Dass die Tschechoslowakei nicht der Staat war, für den sie sich eingesetzt hatte, wurde ihr mit Gewalt beigebracht: Reinerová kam für 15 Monate in Haft. Erst im Tauwetter des Prager Frühlings konnte sie wieder als Journalistin arbeiten; sie war die erste, die Stücke des jungen Václav Havel ins Deutsche übersetzte. Dann rollten die russischen Panzer durch Prag.

Erst nach 1989 konnte Lenka Reinerová wieder eigene Texte veröffentlichen, sieben Bücher der letzten Deutsch schreibenden Prager Autorin wurden seither veröffentlicht. Im "Traumcafé einer Pragerin" beschreibt sie ihre Vision von einer Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart Prags; sie erhielt die Tschechische Verdienstmedaille, die Goethemedaille und das Bundesverdienstkreuz, im Januar wurde ihre Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Bundestag verlesen.

Neben all den Kämpfen der Zeitgeschichte hatte Reinerová auch einen privaten Kampf auszufechten. Ende der 40er Jahre wurde bei ihr zum ersten Mal Krebs diagnostiziert, 60 Jahre lang blieb dieser Kampf mit Hilfe von Operationen, Bestrahlungen und Chemotherapien unentschieden. Bis zuletzt stellte ihre Stimme, klar und kräftig, den schwächer werdenden Körper in den Schatten. Lenka Reinerová sprach und schrieb ein betörend präzises Deutsch. Sie arbeitete an einem neuen Buch und setzte sich für ihr Herzensprojekt ein, das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, das sie 2003 zusammen mit Freunden gegründet hatte.

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