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Geräuschlos

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Von: Stephan Hebel

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Bei all dem Lärm in dieser taumelnden Welt ist der gelegentliche Verzicht auf Geräusche prinzipiell zu begrüßen.
Bei all dem Lärm in dieser taumelnden Welt ist der gelegentliche Verzicht auf Geräusche prinzipiell zu begrüßen. © Birgit Reitz-Hofmann/Imago

Weitgehend geräuschlos ist offenbar super, wie eine Internet-Recherche zeigt. Die Kolumne „Times mager“.

Schon 1983 stellten die „Rodgau Monotones“ fest: „Mein Ohrenarzt hat sich ein Haus gebaut, es ist zu laut.“ Dass sie diese treffende Bemerkung ihrerseits mit weithin hörbaren Gitarren- und Trommelgeräuschen verbanden, soll hier nur am Rande kritisch angemerkt werden, an der Diagnose ändert es nichts: Bei all dem Lärm in dieser taumelnden Welt ist der gelegentliche Verzicht auf Geräusche prinzipiell zu begrüßen.

Es verwundert daher nicht, dass die Einordnung als „weitgehend geräuschlos“ längst den Charakter eines Qualitätsmerkmals angenommen hat, ähnlich wie „überwiegend festkochend“ (Kartoffel) oder vor allem „atemberaubend frisch“ (Seife), wie wir dem Fachportal „brand-history.com“ entnehmen müssen: „Atemberaubend frisch. Wilde Frische rund um den Körper (Sujet ,Dusche‘). Zeit: 1980“.

Aber zurück zum Thema: Weitgehend geräuschlos ist offenbar super, wie eine kurze Internet-Recherche zeigt. Weitgehend geräuschlos verlief nämlich sowohl die Integration der Dresdner Bank in die Commerzbank, zumindest in Mittelbayern, sowie die Scheidung von Jeff Bezos, um nur die zwei ersten Treffer zu nennen. Aber reden wir kurz über Politik, denn hier entfaltet die weitgehende Geräuschlosigkeit erst ihr volles Aroma.

Falls Sie Stephan Weil nicht kennen: Das ist ein Sozialdemokrat, und gerade hat er in Niedersachsen mit minus dreieinhalb Prozentpunkten eine Wahl gewonnen (jaja, das geht, wie uns alle Zeitungen berichten, steht aber hier nicht zur Debatte). Er wird jetzt schon zum dritten Mal Ministerpräsident, und Sie wollen sicher wissen, wie er das macht. Um es vorweg zu sagen: Die historischen Fakten bieten eine eindeutige Erklärung.

Gehen wir chronologisch vor: 2014 meldet der „Vorwärts“, die seinerzeit rot-grüne Landesregierung arbeite „weitgehend geräuschlos“. 2018 teilt die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ mit, in der nunmehr rot-schwarzen Regierung gehe es „weitgehend geräuschlos“ zu. 2020 entnehmen wir der „Braunschweiger Zeitung“, die immer noch große Koalition arbeite „weitgehend geräuschlos“. Und nun, 2022, ist zu vermelden, dass Stephan Weil mit der CDU „weitgehend geräuschlos zusammengearbeitet“ habe („Augsburger Allgemeine“ u.v.a.). Gekrönt von einem „weitgehend geräuschlosen Wahlkampf“ (Tagesschau, 7. Oktober 2022).

Falls Sie nun fragen, warum ein Regieren ohne Geräusche, ohne Debatte und zielführende Kontroversen mitten in turbulenten Zeiten so toll sein soll: Keine Ahnung. Hier und da gab es auch Berichte, in denen stand, was Stephan Weil eigentlich so gemacht hat, während er regierte. Aber das ging unter, weitgehend geräuschlos.

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