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Google-Logo bei der "World Artificial Intelligence Conference" in Shanghai.

Versicherungsbranche

Gemeinsam gegen Google

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Konkurrenz war gestern, Kooperation ist die Zukunft: Die Assekuranzen sollen bei digitalen Innovationen nach dem Vorbild der Automobilbranche zusammenarbeiten - heißt es auf einem Kongress der Branche.

Andreas Nolte spricht das in der Branche lange Undenkbare aus. „Die Zeit der singulären Erfindungen ist vorbei“, sagt der IT-Chef des Münchner Versicherungsriesen Allianz. Seine Branche müsse künftig bei digitalen Innovationen kooperieren wie das Autobauer wie Daimler oder BMW gerade bei Mobilitätsdiensten vormachen. Das Publikum, das der Manager bei dieser Aufforderung vor sich hat, sind Vertreter von 55 Versicherungsunternehmen aus aller Welt, die sich in München zum Branchentreffen Inscom versammelt. Die brisante Leitfrage der Konferenz: „Wie überlebt man in der digitalen Welt?“ „Nur per Kooperation“, meint Nolte. Sein Haus hat dazu einen bemerkenswerten Schritt gemacht.

Auf einer offenen Plattform bietet der deutsche Assekuranz-Marktführer Wettbewerbern frei digitale Dienste und Software an - vom Einscannen von Daten über Gesundheitsapps bis hin zu künstlicher Intelligenz für Krankenversicherer. Eigenes Wissen wird damit zum Allgemeingut. Vorbehalte könne sich die eigene Branche nicht mehr leisten, sagte Nolte. „Derartige Plattformen kommen sowie“, argumentiert er. Entweder würden damit Google, sein chinesisches Pendant Tencent oder andere Internetkonzerne der Assekuranz das Wasser abgraben oder sie überwinde sich und kooperiere digital.

Amazon will in den Versicherungsmarkt einsteigen

Der IT-Chef der Allianz glaubt an Letzteres. Von einem Mitversicherer habe er bereits eine Zusage zur Kooperation auf der offenen Internetplattform erhalten. Zudem stehe man mit Technologiepartnern in vertieften Gesprächen. Um mit Datensammelkraken wie Google bei der modernen Datenanalyse mithalten zu können, die geringere Risikoniveaus und Kosten erlaubt, müsse die Assekuranz auch ihre Datenschätze zu einem gemeinsamen See zusammenfließen lassen. Sonst täten es andere.

Die Rede ist von keiner fernen Zukunft. So bereitet sich Amazon in Großbritannien und Indien auf den Einstieg in den Versicherungsmarkt vor. Lizenzen sind beantragt. Auch in Deutschland laufen Vorbereitungen, wissen Branchenexperten. Gleiches gilt für Tencent in China. Schnelligkeit ist dabei Trumpf. Auf sich allein gestellt und mit traditionellen Methoden braucht etwa die Allianz drei Jahre, um ein neues Produkt von der ersten Idee zum Endkunden zu bringen. Die vor zwei Jahren gegründete digitale Fabrik, wo die Allianz mittlerweile 350 Internetexperten in München und Stuttgart beschäftigt, schafft das in 100 Tagen.

Derartige Veränderungen betreffen aber nicht nur das Selbstverständnis von Versicherungsunternehmen sondern auch ihren Kontakt zu Kunden, für die online ohne bisherigen Papierkram vieles einfacher wird, betont Hans Zehetmaier. Er ist Chef sowie Gründer des Münchner IT-Experten und Assekuranzdienstleisters MSG. Binnen fünf Jahren werde sich die Versicherungswelt für Kunden digitalgetrieben deutlich verändern, glaubt er. Produkte würden viel einfacher. Seien heute oft noch 46 Merkmale zur Bestimmung einer Kfz-Police nötig, reiche künftig weniger als eine Handvoll.

Anderes klingt zumindest zwiespältig. Zehetmaier glaubt nämlich auch an einen Siegeszug verhaltensbasierter Tarife, die Kunden dann zunehmend in immer mehr Lebensbereichen gläsern machen. In der Kfz-Versicherung gibt es das bereits mittels Telematiktarifen. Versicherte lassen dabei ihren Fahrstil elektronisch überwachen und erhalten bei gesitteter Fahrweise Rabatte. Es geht aber auch eine Stufe weiter. So lockt der US-Lebensversicherer John Hancock schon jetzt mit Rabatten für Kunden, die sich fit halten und das elektronisch nachprüfbar machen. Ab 2019 will der US-Konzern nur noch Neukunden aufnehmen, die sich via Internetplattform gläsern machen. Solchen Plattformen gehört auch in der Assekuranz die Zukunft, sagt neben Nolte und Zehetmaier auch die Unternehmensberatung McKinsey voraus. Wer nicht dabei ist, wird abgehängt.

Was das und Digitalisierung an anderer Stelle - etwa durch den Einsatz von Chatbots, also sprechender Roboter mit Kundenkontakt – für das heutige Personal der Assekuranzkonzerne bedeutet, ist indessen absehbar. Zehetmaier nennt Zahlen, die es einem mulmig werden lassen. Bis zu 12 000 Verträge könne ein Sachbearbeiter in der Lebensversicherung heute bearbeiten, sagt er. Bis zu 120 000 schaffe er in fünf Jahren per Digitaltechnik. In der Kfz-Versicherung sei eine Steigerung von 20 000 auf 100 000 Policen jährlich wahrscheinlich. Anders ausgedrückt brauchen Versicherer nur noch ein Fünftel bis ein Zehntel ihrer heutigen Sachbearbeiter. Und diese Entwicklung wird schnell kommen, wenn die Experten sich nicht irren.

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