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Das Gebäude am Berliner Wannsee istseit 1992 eine Gedenkstätte.

Berliner Wannseekonferenz

„Das gemeinsam begangene Verbrechen“

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Der Holocaust-Forscher Peter Longerich über die Berliner Wannseekonferenz, auf der heute vor 75 Jahren über den Massenmord an den europäischen Juden entschieden wurde.

Herr Longerich, war die Wannsee-Konferenz so etwas wie der ultimative Auftakt für den Holocaust?
Nein, das Protokoll der Wannsee-Konferenz eröffnet einen Blick in den Entscheidungsprozess. Der Holocaust hatte bereits im Sommer 1941 in der Sowjetunion begonnen mit bereits über einer halben Million ermordeter Juden. Die Morde sollten schrittweise auf ganz Europa ausgedehnt werden, dem letzten Endes elf Millionen Juden zum Opfer fallen sollten. Und hierbei ist die Wannsee-Konferenz eine äußerst wichtige Station gewesen.

Weshalb wurde die Konferenz denn überhaupt notwendig aus Sicht der Nazis, wenn ohnedies schon gemordet wurde?
Der Hauptgrund war der, dass Reinhard Heydrich, der Chef des NS-Reichssicherheitshauptamtes, seit 1941 an einem Endlösungsplan arbeitete, der vorsah, die Juden Europas in die Sowjetunion zu deportieren. Während des ganzen Jahres 1941 hatte es auf einer Sacharbeiter-Ebene zwischen dem Reichssicherheitshauptamt und den verschiedenen Ministerien Verhandlungen über die Einzelheiten der Durchführungen gegeben. Es ging um Fragen der Vermögensentziehung, der Staatsbürgerschaftsentziehung, Kennzeichnung, usw.. Übrig geblieben war nur die Frage, wer deportiert werden sollte, also die Definition. Das sollte abschließend auf einer Konferenz der Staatssekretäre besprochen werden. Das war der Sinn der Wannsee-Konferenz, die Ministerien zusammenzubringen, um die Details der Deportation zu regeln.

Wie viele Ministerien waren beteiligt?
Es gab insgesamt 15 Teilnehmer, Adolf Eichmann war Protokollant. Ihn eingerechnet, war das Reichssicherheitshauptamt dreifach vertreten. Von den „Zentralinstanzen“ des Reiches saßen Außen-, Innen- und Justizministerium sowie die Reichskanzlei am Tisch, ferner Abgesandte von zivilen Besatzungsbehörden und SS--Dienststellen.

Es zeigt, wie stark der Staat mit seinen Institutionen in dem Massenmord verwickelt war.
Das ist das Entscheidende des Protokolls, zu verstehen, dass der Holocaust ein arbeitsteiliges Verbrechen gewesen ist, das nicht nur von der SS, sondern auch mit der Unterstützung von zivilen Behörden durchgeführt wurde.

Ist die scheinbare Normalität der Gruppe das eigentlich Frappierende?
Es waren neun Juristen darunter, die meisten davon promoviert. Es ist in der Tat das Frappierende, dass über den Massenmord wie über einen normalen politischen Vorgang gesprochen wurde, der zur Entscheidung steht.

Die Figuren sind Repräsentanten des Staates, der allgemein bürokratische Abläufe garantiert und dies mit gleicher Gewohnheit nun bei einem Massenmord vollzieht…
Das ist der entscheidende Punkt. Der Massenmord war eine Angelegenheit, die von der obersten Staatsspitze beschlossen und von den Regierungsorganen mitverantwortet wurde. Der Mord an den Juden wird nun zum Gegenstand einer Regierungskonferenz, wie die Beteiligung wichtiger Ministerien zeigt. Es ist beileibe nicht nur eine Angelegenheit, die intern in der SS verhandelt wurde. Das Entscheidende ist, dass diese Regierungsorgane in allen Stationen der Verfolgung beteiligt waren. Und es aus dem Apparat selbst gab es keinerlei Widerstand, der diesen Prozess hätte verzögern oder aufhalten können. Es zeigt, was passiert, wenn ein bürokratischer Apparat und eine Diktatur sich völlig verselbständigen und auch keine moralischen Instanzen und auch keine Öffentlichkeit mehr vorhanden ist, die diese Entwicklung hätte stoppen können.

Die Indifferenz eines Staates beunruhigt auch uns Heutige. Es fragt sich, ob staatliche Strukturen immer auch mit moralischen Strukturen verwoben sein müssen.
Es ist mehr als nur eine Indifferenz, weil die Vertreter des Staates ja auch aktive Nationalsozialisten waren und dem Projekt des millionenfachen Massenmordes nicht indifferent, sondern durchaus positiv gegenüberstanden.

Gab es eine spezielle Monstrosität der Personen?
Man muss sie sich im Einzelnen anschauen. Natürlich, der fanatische Freisler, der spätere Präsident des Volksgerichtshofes, war unter ihnen, der Unterstaatssekretär Luther des Auswärtigen Amtes war eine höchst dubiose Figur. Und auch Stuckart, Vertreter des Innenministeriums zeichnete sich durch eine brutale und zielgerichtete Vorgehensweise aus. Wenn man sie sich anschaut, sind es überwiegend nicht blasse Bürokraten, sondern nationalsozialistische Beamte, die wissen, was sie tun.

Und doch schützte die Bildung nicht vor diesen Gräueltaten. Immerhin waren viele der Juristen ja promoviert…
Ja, das ist richtig, unter den fanatischsten Nationalsozialisten oder den skrupellosesten gab es viele, die ein akademisches Studium hinter sich hatten.

Heydrich war der Initiator des Treffens, was ging in der Führungsspitze voraus?
Hitler hat diesen Prozess, der zu der Entscheidung führte, alle europäischen Juden zu ermorden, aus dem Hintergrund gesteuert. Es gibt gerade zu den Monaten um die Jahreswende 1941/42 von ihm mehrere interne, aber auch öffentliche Äußerungen, wo von der Vernichtung und Ausrottung der Juden die Rede ist und davon, dass seine Prophezeiung von 1939, der Weltkrieg würde das Ende der jüdischen Rasse in Europa bedeuten, nun Wirklichkeit wird. Man kann diese Erklärungen als gezielte Signale an die Verantwortlichen betrachten, mit möglichst radikalen Vorschlägen zu dem Ausrottungsprogramm beizutragen.

War Hitlers Rolle so zentral, dass ohne ihn Anfang und Fortsetzung des Holocausts nicht stattgefunden hätte?
Wenn man sich die Judenverfolgung von 1933 anschaut, erkennt man, dass alle entscheidenden Schritte der Autorisierung Hitlers bedurften. Wir können es im Einzelnen nachweisen für die Einführung des Judensterns, für den Beginn der Deportation und es gibt auch später entsprechende Entscheidungen über das Schicksal einzelner jüdischer Gemeinschaften in den Ländern. Von daher ist die Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass auch hinter der Wannsee-Konferenz Hitler als der eigentliche Initiator und Antreiber stand.

Was war der Anlass, dass man nun noch einmal eine Konferenz benötigte?
Es gab zum einen den Plan von Heydrich, den er auch auf der Wannsee-Konferenz erläutert hat, also die Deportation in den Osten. Mittlerweile war aber bereits die Deportation in Ghettos in Osteuropa durch Hitler und Himmler in Gang gesetzt worden. Der Plan Heydrichs war damit und durch die Kriegsentwicklung obsolet geworden. Nun ging es darum, den Prozess der Ermordung der Juden rasch auf andere Länder auszudehnen und zu beschleunigen und ihn dann auch tatsächlich bis zum Ende durchzuführen. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ein Massenmord einmalig initiiert wird und dann einfach abläuft, sondern es ist ein Prozess, der immer wieder neue Initiativen und neue Entscheidungen verlangt, es ist kein Automatismus.

Der Krieg spielte also stark mit in die Überlegungen hinein?
Aus der nationalsozialistischen Sicht bedeutete die Ausweitung des Kriegs zum Weltkrieg, was mit dem Kriegseintritt der USA der Fall war, eine Umstellung der Kriegskonzepts auf einen „Krieg gegen die Juden“. Man glaubte tatsächlich, auch wenn dies aus heutiger Sicht absurd erscheint, einen Krieg gegen eine weltweite jüdische Verschwörung zu führen, daher wollte man auch gegen die Juden im eigenen Machtbereich vorgehen. Wiederum gab es den Hintergedanken, aus der eigenen Bevölkerung und Verbündeten Mitwisser und Komplizen zu machen, so dass keiner mehr aus der Front ausbrechen konnte. Der Mord an den Juden sollte als gemeinsam begangenes Verbrechen den deutschen Block so zusammenschweißen, dass der Krieg einfach nicht verloren gehen durfte.

Davon haben wir nichts gewusst, sagten die Deutschen nach dem Krieg. Sie haben in einem Buch dargelegt, dass die Deutschen relativ viel gewusst haben, nämlich wieviel genau?
Der tatsächliche Wissensstand ist schwer einzuschätzen. Aber die vom Regime und der Propaganda ausgesandten Signale haben den durchschnittlichen eigentlich Deutschen in die Lage versetzt, sich schon ein Bild davon zu machen, was vor sich geht. Ich würde von einer Grauzone sprechen, zwischen den an sich vorhandenen Informationen und dem Nichtwissenwollen bzw. der Ignoranz vieler Menschen. Das Resultat lässt sich in Prozentzahlen nicht ausdrücken. Aber die zur Verfügung stehenden Informationen waren für Deutsche ausreichend, um sich eine Vorstellung von dem Massenverbrechen zu machen.

Interview: Michael Hesse

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