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Präsident Roosevelt (Mitte) sitzt im November 1906 auf einem dampfbetriebenen Schaufelbagger an einer Panamakanal-Baustelle.
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Präsident Roosevelt (Mitte) sitzt im November 1906 auf einem dampfbetriebenen Schaufelbagger an einer Panamakanal-Baustelle.

Panama

Geld, Gewalt und ein Kanal

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Briefkästen wurden zum Staatszweck von Panama – ein Land, das nur gegründet wurde, damit es sogleich auf seine Haupteinnahmequelle und seinen geostrategischen Hauptvorteil verzichtete.

Ohne den Kanal gäbe es den Staat Panama nicht. Als es aber Staat und Kanal gab, dauerte es neunzig Jahre, bis die beiden zusammenkamen. Das kam so: Vorweg eine Bemerkung. Es geht hier nur um die Entstehung des Staates Panama. Nicht um die Geschichte des Kanalbaus. Nicht um die Geschichte der Landenge. Die ist von ihrer Entstehung an Globalgeschichte. Seit sie vor etwa 13 Millionen Jahren entstand – die pazifische Platte wurde unter die karibische gedrückt – gibt es eine Landverbindung zwischen dem süd- und dem nordamerikanischen Kontinent. Es begann ein lebhafter Austausch der Floren und Faunen.

Der schmalste Landstreifen zwischen Atlantik und Pazifik hat aber auch erst aus einem gigantischen zwei große Ozeane gemacht. Das hat nicht nur zur Entstehung des Golfstroms beigetragen, sondern womöglich erst zu jener Folge von Eiszeiten und Zwischeneiszeiten geführt, die die Erdgeschichte seitdem bestimmt. Davon soll jetzt nicht die Rede sein, auch nicht von der Bedeutung, die die Landenge für den Welthandel seit dem 16. Jahrhundert hatte, seit also das südamerikanische Silber und später das kalifornische Gold die Märkte von Sevilla bis Peking überschwemmte. Die Planungen für einen Panamakanal etwa Kaiser Karls V. oder die Überlegungen Alexander von Humboldts zu der Möglichkeit eines solchen Projekts werden auch nicht vorkommen.

Diese kurze Geschichte beginnt mit einem Bankrott und endet mit einer Staatsgründung. Sie spielt also zwischen dem 15. Dezember 1888, als die Compagnie Universelle du Canal Interocéanique ihre Zahlungsunfähigkeit eingestand, und dem 3. November 1903, als der Staat Panama gegründet wurde.

1869 war der von Ferdinand de Lesseps erbaute Suezkanal eröffnet worden. Sieben Jahre später wurde eine Gesellschaft gegründet, die sich vornahm, an der Landenge von Panama den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean zu verbinden. Vorsitzender war Ferdinand von Lesseps. Der französischen Initiative gelang es 1878, von Kolumbien eine Konzession für den Bau des Kanals zu erhalten. Das lag nicht zuletzt daran, dass der Andenstaat sehr gespannte Beziehungen zu den USA unterhielt. Vom 15. bis zum 29. Mai 1879 fand in Paris ein internationaler Kongress statt mit Delegierten aus 26 Nationen – darunter auch Vertretern aus den USA und China –, die sich Gedanken darüber machten, ob man einen Durchfahrtskanal, so der Vorschlag von Lesseps, oder einen – halb so teuren und weniger riskanten – Schleusenkanal bauen sollte. Man folgte Lesseps. Der gründete am 8. Juli des Jahres die Aktiengesellschaft Compagnie universelle du canal interocéanique de Panama. 1881 begannen die Arbeiten. Malaria und Gelbfieber führten zu Tausenden von Toten während der nur mühsam vorankommenden Bauarbeiten.

1884 ist erst ein Zehntel der Bauarbeiten geschafft, aber die Kassen der Gesellschaft sind bereits geleert. Lesseps kommt auf die Idee, Kleinaktien auf den Markt zu werfen, um auch die Sparer und ihr Geld für den Kanalbau zu interessieren. Die dafür nötige Gesetzesänderung wird durch eine Reihe mehr oder weniger gut verteilter materieller Anreize unter Politikern zustande gebracht. Gleichzeitig wird auch die Presse massiv unterstützt. Die veröffentlicht jetzt begeisterte Artikel über den Bau des Kanals und die rosigen Aussichten, die er den Investoren bietet. Außerdem wird noch der spätere Erbauer des Eiffelturms, Gustave Eiffel, für das Projekt gewonnen.

1888 sind die gesetzlichen Grundlagen geschaffen. Dem Projekt stehen jetzt sowohl öffentliche Mittel – der Bauminister zum Beispiel war mit einer Million Francs gewonnen worden – als auch das Geld der Kleinsparer zur Verfügung. Das sah aus wie die Lösung des Problems, war aber der Anfang der Katastrophe.

Als das Projekt nicht vorankam, die Aussicht auf den Durchbruch immer weiter verschoben werden musste, da traf der Bankrott der Compagnie universelle du canal interocéanique de Panama nicht nur ein paar Großaktionäre, sondern 85 000 aufgebrachte französische Bürger, die ihr Erspartes in Kanalaktien gesteckt hatten. Als klar wurde, wer alles sich hatte bestechen lassen – unter anderem 104 Abgeordnete des französischen Parlaments – hatte Frankreich seinen „Panama Skandal“. Eine traumatische Erfahrung, die freilich bald vom noch größeren, die ganze Gesellschaft spaltenden, Dreyfus-Skandal abgelöst wurde.

Die Compagnie universelle du canal interocéanique de Panama war jetzt zwar bankrott, aber sie besaß noch immer die kostbare Lizenz Kolumbiens für den Bau eines Kanals. Aus der musste doch Geld zu schlagen sein. Es wird die Compagnie nouvelle du canal interocéanique gegründet, die nichts hat als die Aufgabe, die Kanalbaurechte möglichst lukrativ zu verkaufen. Am 26. Januar 1896 sitzt der Präsident der Gesellschaft Maurice Hutin in den Räumen der Firma Sullivan & Cromwell, Wallstreet 41. Cromwell soll der US-Regierung den Panamakanal und die Lizenz für ihn schmackhaft machen. Keine einfache Aufgabe, denn natürlich hat die US-Öffentlichkeit das Debakel in Panama beobachtet.

Die USA hatten 1898 die alte Kolonialmacht Spanien besiegt. Mit einem Schlag hatten die USA eine Reihe formeller und informeller Kolonien bekommen. Von Kuba und Puerto Rico in der Karibik bis nach Guam, Hawaii und den Philippinen im Pazifik. Die USA blickten jetzt nicht nur auf den Atlantik und den Pazifik, sondern sie waren in beiden Ozeanen eine Macht. Die USA brauchten dringend eine Seeverbindung zwischen beiden Weltmeeren. Aber sie hatten sich – nicht zuletzt wegen ihrer Reibereien mit Kolumbien, zu dem die Provinz Panama gehörte – für einen Durchstich in Nicaragua entschieden. Würde dieses Projekt realisiert werden, die Franzosen verlören 250 Millionen Dollar. Dafür lohnte es sich zu kämpfen.

William Nelson Cromwell zog in die Schlacht. Er war beim Präsidentschaftswahlkampf 1896 einer der Hauptfinanziers der Republikaner gewesen. Viele in der Partei waren ihm mehr als einen Gefallen schuldig. John Taylor Morgan, Senator von Louisiana, war Demokrat und erhoffte sich von dem Kanal in Nicaragua, dass die im Bürgerkrieg geschlagenen Südstaaten durch ihn wieder ihre alte Pracht zurückgewinnen würden. Die großen Meinungsmacher der USA, Randolph Hearst und Joseph Pulitzer, unterstützen die Nicaragua-Option. Morgan fühlte sich stark und als der New Yorker Cromwell den Südstaatler in seinem Büro in Washington besuchte, warf er ihn raus. Das hätte er besser nicht tun sollen. Nun war die Frage Nicaragua oder Panama für Cromwell nicht mehr nur eine Frage des Geldes, sondern er machte daraus einen persönlichen Rachefeldzug. Die Compagnie nouvelle überwies der Republikanischen Partei umgehend 60 000 Dollar. Das wurde bekannt und Morgan informierte den Senat und die Presse über die Machenschaften Cromwells. Aber der legte einfach nach. Am 3. März 1899 trat der Kongress von seiner ursprünglichen

Entscheidung für Nicaragua zurück und setzte eine mit einer Million Dollar finanzierte Kommission ein, die klären sollte, ob die USA sich für Nicaragua oder Panama entscheiden sollten. Cromwell bekam nun den Spitznamen „Silberzunge“ – von Silberdollar.

Im August wurden die neun Kommissionsmitglieder von der Compagnie nouvelle nicht etwa – wie zunächst geplant – zu der Besichtigung der Bauruine Panamakanal eingeladen, sondern nach Paris ins Hotel Continental. Drei Wochen lang bot Cromwell den Kommissionsmitgliedern und ihren Gattinnen alles, was die Stadt, die sich auf die 1900 startende Weltausstellung vorbereitete, zu bieten hatte.

Alles lief hervorragend. Bis auf ein entscheidendes Problem. Die Kommission war bereit, sich für Panama zu entscheiden. Sie war aber nicht einverstanden damit, dass die USA das Projekt mit den Franzosen zusammen realisieren sollten. Wenn sie schon zahlten, so die Kommission, wollten sie es auch allein machen und allein die Gewinne einstreichen. Maurice Hutin war keine Sekunde lang dazu bereit, sich darauf einzulassen. Also wandte sich Cromwell direkt an die Aktionäre der Compagnie nouvelle. Er schlug ihnen vor, eine Gemeinschaft von Wallstreet-Investoren würde ihnen zu einem guten Preis ihre Aktien abkaufen und die später, wenn denn alles klappen würde, an die US-Regierung weiterverkaufen. So hätte jeder etwas davon. Silberzunge Cromwell hatte auch in Paris Erfolg. Die Aktionäre dachten wohl „sicher ist sicher“ und folgten ihm und nicht Hutin.

Zurückgekehrt nach New York gewann Cromwell die Unterstützung des Großbankiers J. P. Morgan. Der war inzwischen an Geld weniger interessiert als zum Beispiel an altägyptischer Mystik. Für Cromwell kein Problem. Er sprach von der welthistorischen Bedeutung des zu schaffenden Kanals, vom Kuss der Ozeane usw. Am 27. Dezember 1899 gründeten Cromwell und der persönliche Rechtsanwalt von J. P. Morgan in New Jersey die Panama Canal Company of America. Aktien kosteten 5000 Dollar. Das amerikanische Großkapital stieg massiv ein.

Maurice Hutin aber hatte nicht aufgegeben. Er mobilisierte jetzt seinerseits die französischen Aktionäre und die Gerichte. Die amerikanische Gesellschaft dürfe ohne die Zustimmung der französischen Aktionäre die Aktien nicht weiterverkaufen. Große Aufregung. Rechtsanwälte setzten sich hüben wie drüben in Bewegung. Das Interesse der Wallstreet-Aktionäre war ja gerade nicht, das Risiko des Kanalbaus auf sich zu nehmen. Sie wollten ihren schnellen Schnitt durch den Verkauf der Aktien und damit der Baugenehmigung für den Panamakanal an die USA machen. Ohne den Staat wäre das Geschäft in den Augen von Wallstreet kein Geschäft gewesen.

Hutin entzog Cromwell das Mandat, als Vertreter der Compagnie Nouvelle aufzutreten.Angesichts dieser Entwicklung sprach sich die Kommission in einer informellen Erklärung gegen Panama für Nicaragua aus. Das war am 10. November 1900. Ein paar Tage später betrat Philippe Bunau-Varilla als Abgesandter der Compagnie nouvelle New Yorker Boden. Cromwell hatte ihm ein Telegramm geschickt und ihm geraten zu kommen. Bunau-Varilla, ein hochintelligenter, witziger, aber auch sehr komischer, eitler Geck, traf Morgan, Rockefeller, Carnegie, den Schatzminister, den Senator Mark Hanna aus Ohio e tutti quanti. In seinen Memoiren beschreibt er ausführlich, dass diese Begegnungen alle durch „Gottes schützende Hand“ zustanden gekommen waren. Wir wissen aber, dass die Leute, die sie ihm vermittelt hatten, sehr gut bezahlt worden waren. Am 30. November 1901 sprach sich die Kommission definitiv gegen Panama und für Nicaragua aus. Ein entscheidender Grund war Hutins Forderung von 110 Millionen Dollar für die Aktien der Compagnie Nouvelle. Das war fast dreimal mehr, als Cromwell veranschlagt hatte. Schon am 10. Dezember wurde ein Vertrag zwischen den USA und Nicaragua unterschrieben.

Philippe Bunau-Varilla war inzwischen wieder in Paris. Er schlug Alarm. Die Aktionäre, die fürchteten, dank der überzogenen Forderungen von Maurice Hutin, völlig leer auszugehen, wüteten auf einer Aktionärsversammlung so sehr, dass die Polizei eingreifen musste. Maurice Hutin war seinen Job los. Er wurde durch Maurice Bo, einen Vertrauten von Bunau-Varilla und Cromwell ersetzt. Zwei Tage später schickte Bo ein Telegramm nach New York mit dem Angebot, die Aktien für 40 Millionen zu verkaufen.

Jetzt wird aus der Finanzspekulation Panama-Kanal eine Staatsaffäre. Dank Theodore Roosevelt. Präsident McKinley war dem Attentat eines Anarchisten zum Opfer gefallen. Sein Vize Roosevelt wurde sein Nachfolger. Eine seiner ersten Amtshandlungen war ein Treffen mit den Mitgliedern der Kommission. Er machte ihnen klar, dass sie sich umentscheiden müssten: gegen Nicaragua für Panama. Roosevelt hatte gegen Spanien gekämpft. Er wollte die USA zur Weltmacht machen.

Der Panamakanal war für ihn der entscheidende Schritt in diese Richtung. Der neue Präsident diktierte der Kommission ein neues Votum. Am 14. Januar 1902 sprach sie sich für Panama aus. Die Presse attackierte den Präsidenten. Er sei vor der Wallstreet eingeknickt. Es wurde auch bekannt, dass Geld von Bunau-Varilla bis zur Gattin des Kriegsministers und bis zu Roosevelts Schwester geflossen war.

Jetzt hatte der Präsident zwar noch den Kongress vor sich, aber vor allem musste er – das war das größere Problem – Kolumbien gewinnen. Er versuchte es mit Geld, mit Drohungen und mit Kriegsschiffen. Als Kolumbien – obwohl US-amerikanische Marine drohend vor der Küste stand – nicht bereit war, das Gelände um den zu bauenden Panamakanal herum zu den Konditionen Roosevelts freizugeben (alle Einnahmen des Kanals 90 Jahre lang für die USA, das Gelände am Kanal untersteht den USA), nahm Roosevelt Kontakte zu einer Bewegung „unabhängiges Panama“ auf, unterstützte sie unter anderem mit strategisch positionierten Kriegsschiffen.

Am 3. November 1903 wurde der Staat Panama gegründet. Der verzichtete am 18. November in einem Staatsvertrag mit den USA auf den Kanal. Es gab kaum eine Großmacht – darunter auch Deutschland –, die damals nicht versucht hatte, den Amerikanern in die Quere zu kommen. Aber niemand war so interventionsbereit und fähig wie die USA unter Theodore Roosevelt. Der Kanalbau mit seinen 28 000 Toten ist eine der großen epischen Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Es ging auch dabei nicht nur um Ingenieurskunst, sondern immer auch um Geld, Gewalt und Good Governance.

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