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Quizshows

In der Geisterbahn

Wer mal nachzählt, kommt leicht auf über zwanzig verschiedene Quizsendungen, die allein im Ersten und den Dritten laufen. Mit einer Flut billiger Programmware macht die ARD ein ganzes Genre unerträglich. Von Peer Schader

Von Peer Schader

Hätten Sie gewusst, dass der Abstand eines Warndreiecks zum Auto nach einer Panne auf der Autobahn laut Straßenverkehrsordnung mindestens 100 Meter betragen muss? Dass Howard Carpendale vor seiner Karriere als Schlagersänger im Jahr 1963 südafrikanischer Meister im Kugelstoßen war? Dass die zweiten Filmmusiktage Sachsen-Anhalt dieses Jahr in Halle stattfanden? Dass ein Lüneburger Stülper, was immer das auch sein mag, mit Kuhdung abgedichtet wird? Es gibt so vieles, was uns das Fernsehen beibringen kann. Das meiste davon vergisst man aber besser gleich wieder. Sonst hat man am Ende des Abends das Hirn vollständig mit unnützen Quizshow-Antworten verklebt.

Wer mal nachzählt, kommt leicht auf über zwanzig verschiedene Quizsendungen, die allein im Ersten und den Dritten laufen - wobei das nur die Zahl für die vergangenen Wochen ist. Die meisten sind "groß" oder "mit Jörg Pilawa", andere tarnen sich als "Test" oder "Duell": "Das Quiz mit Jörg Pilawa", "Star Quiz mit Jörg Pilawa", "Das große Hessenquiz", "Das Quiz der Deutschen", "Das unglaubliche Quiz der Tiere", "Das große Geschichtsquiz", "Das Schlagzeilenquiz", "Quickie - Das schnelle Quiz", "Stadt gegen Land - das Wissensduell" und "Das Duell im Ersten".

Im Dezember ist es besonders schlimm, weil dann Weihnachts- und Jahresrückblick-Ausgaben dazu kommen und der NDR, hauptverantwortlich für die Quizschwemme, noch mal zeigt, wozu er fähig ist: dem "Großen Quiz der Weihnachtsmänner" nämlich und zu "2009 - Das Jahresquiz" mit Jan Hofer, das am Wochenende im Dritten lief, anders als "2009 - Das Quiz", bei dem Frank Plasberg sich am Dienstag im Ersten als Nachfolger für Jörg Pilawa empfiehlt, der zum ZDF geht und dort unter anderem - na klar: Quizshows moderiert.

Im Vergleich zur ARD hält sich das ZDF mit den Raterunden bisher zurück, aber auch in Mainz sind die Verantwortlichen der Ansicht, der öffentlich-rechtliche Auftrag müsse in Quizform verpackt werden, damit ihn das Publikum überhaupt noch schluckt - so wie man Kindern gesundes Gemüse ins Lieblingsessen mogelt. Mit dem so genannten "ZDF-Geschichtspapst" Guido Knopp moderiert Markus Lanz deshalb "History! Das Quiz", das "definitiv härteste Geschichtsquiz überhaupt im deutschen Fernsehen", und neben dem Promi-Quiz "Gut zu wissen" auch "Das will ich wissen". Einer für alle.

Obwohl mit "Wer wird Millionär?" die erfolgreichste Sendung des Genres bei RTL läuft, ist die Quizshow im deutschen Fernsehen inzwischen fast ausschließlich Sache der Öffentlich-Rechtlichen. Anders als bei "Wer wird Millionär?" kümmert sich bei den meisten Pendants leider niemand darum, dass der Einsatz von Licht und Musik auf die Spieldramaturgie abgestimmt ist, oder dass - auch nur aus Versehen - sowas wie Spannung aufkommt. Bei NDR, MDR, HR und SWR muss man schon froh sein, wenn im Studio kein Kandidat von der Pappkulisse erschlagen wird und der fönfrisierte Moderator nicht wegen einer Fehlprogrammierung mit seinen geklonten Brüdern die Sendeleitung stürmt.

"Na, was hat Sie hergetrieben?", begrüßt Andrea Ballschuh ihre Kandidaten in "Quickie - Das schnelle Quiz" beim MDR und animiert zur Bewerbung für die Spezialausgabe rund ums Meissner Porzellan am 23. Januar (auf dem Postweg, natürlich). Bevor er seine "Frägelchen" stellt, schwärmt Jörg Bombach im "Hessenquiz": "Es ist etwas Tolles, in Hessen leben zu dürfen: Wir haben eine interessante Geschichte, die Gegenwart ist auch nicht schlecht." Sein SWR-Kollege bei "Schlauberger - Quizzen was Spaß macht" unterhält sich mit dem Publikum als stünde es unter Medikamenteneinfluss: "Sie sind schon wieder gut drauf!" Und wenn Carlo von Tiedemann in der "NDR Quizshow" einen "Fröhlichmacher fürs Wochenende" verspricht, kann es kein Zufall sein, dass sich das wie eine Aufforderung zur sofortigen Selbstalkoholisierung anhört.

Quizshows vom Fließband

Auf die Fragen kommt es in diesen Sendungen so gut wie nie an. Es sei denn, man interessiert sich ernsthaft dafür, dass im mecklenburgischen Plau am See jährlich eine Badewannenrallye veranstaltet wird oder dass 2007 in der Wiesbadener Innenstadt eröffnete Einkaufszentrum "Lilien-Carré" heißt. Manchmal müssen die Kandidaten auch Lieder von Herbert Grönemeyer und DJ Ötzi weitersingen oder Tiere am eingespielten Brunftschrei erkennen. Und gewinnen zum Schluss Navigationsgeräte oder die Saisonabschlussfahrt für ihren Fußballverein, der geschlossen mit selbst bedruckten T-Shirts im Studiopublikum sitzt und darauf wartet, seinen Schlachtruf in die Fernsehöffentlichkeit hinaus zu brüllen.

Quizshows in den Dritten sind ein bisschen wie Geisterbahnfahren: Man weiß eigentlich, was auf einen zukommt, erschrickt dann aber doch. Für die ARD erfüllen sie denselben Zweck wie die Dokusoaps in den Privatsendern: Quizshows sind billige Programmware, die sich am Fließband herstellen und leicht wiederholen lässt.

Im Ersten, wo bisher Jörg Pilawa die meisten Quizrunden erledigte, sehen die Kulissen nicht ganz so billig aus, und statt normalen Menschen raten dort Prominente um die Wette: Reiner Calmund, Bernd Stelter, Johann Lafer, Simone Thomalla, Henry Maske, Walter Sittler - wer eben gerade Zeit hat. Man wüsste bloß gerne, was die ARD-"Wetterexpertin" Claudia Kleinert verbrochen hat, die dazu verflucht wurde, durch sämtliche Quizshows im deutschen Fernsehen zu tingeln. Wenigstens ist sie damit nicht allein: Die meisten Gäste kommen öfter. Und wenn es doch mal eng wird, sagen die CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und Christian Wulff eben ein paar politische Termine ab, um einzuspringen und Volksnähe zu demonstrieren. Im Notfall besuchen sich die Moderatoren gegenseitig: Jauch bei Plasberg, Lanz bei Pilawa, Pilawa bei egal wem.

Es ist eine Mischung aus Einfallslosigkeit und Ignoranz, die zu dieser Monokultur der Unterhaltung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geführt hat und die nun dafür verantwortlich ist, dass dem Publikum ein ganzes Genre unerträglich wird. Für Alternativen fehlt offensichtlich die Fantasie. Als in diesem Jahr die Telenovela "Eine wie keine" auf dem Problemsendeplatz um 18.50 Uhr floppte, hielt man es bei der ARD für eine gute Idee, die Lücke mit einem weiteren täglichen Quiz zu stopfen. Eines, in dem Zuschauer gegen Promis antreten - für ARD-Verhältnisse bereits ein echter Geistesblitz.

Dabei ist das "Duell im Ersten" eine einzige Katastrophe: mit einem Moderator im Wachkoma, einem beige-blauen 80er-Jahre-Studio und albernen Spielchen, die heutzutage auf jedem Kindergeburtstag als Beleidigung empfunden würden. Kürzlich gewann ein Kandidat 20 000 Euro, weil er auf einem Bild Michel aus Lönneberga erkannte, den Vornamen der derzeitigen Landwirtschaftsministerin wusste, Wolfgang Petrys Hit "Wahnsinn" zu Ende texten konnte und im Spiel "Ich packe meinen Koffer" besser war als "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke, die auf der Deutschlandkarte zuvor Erfurt mit Wiesbaden verwechselt hatte.

"Gleich beginnt die Tagesschau, das Quiz ist längst vorbei / Doch morgen geht sie wieder los, die Mörderraterei!", hat Kerkeling vor fast zwanzig Jahren gereimt. Vielleicht sollte man dem Mann solche Parodien künftig verbieten. Jedenfalls so lange die Programmmacher beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen alles daran setzen, sie irgendwann mit der Realität zu überholen.

2009 - das Quiz; Di., 20.15 Uhr, ARD

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