Comedy-Boom

Zu geil fürs Fernsehen?

Christiane Ruff, Mutter der deutschen Comedy-Serie, über den Niedergang eines Genres. Trotzdem ist sie davon überzeugt, dass Sitcoms ein Comeback erleben werden. Von Tilmann P. Gangloff

Von Tilmann P. Gangloff

Wenn Sat.1 sein Publikum erheitern will, weiß man, dass Freitag ist; "Fun-Freitag". Seit geraumer Zeit allerdings sind die Darbietungen genauso wenig "funny" wie die Zuschauerzahlen: Der schon seit Jahren totgesagte "Comedy-Boom" scheint endlich in den letzten Zügen zu liegen.

Niemand taugt besser zur Kronzeugin dieses Niedergangs als Christiane Ruff, Geschäftsführerin von Sony Pictures in Hürth bei Köln. 2003 wurde sie als Produzentin komischer Serien wie "Nikola", "Ritas Welt" oder "Mein Leben und ich" mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet: weil sie es schaffe, "Leidenschaft und Professionalität miteinander zu verbinden, Quote und Qualität, Herz und Verstand". Vor einigen Wochen ist sie auf eigenen Wunsch ausgeschieden: Nach 21 Jahren Fernsehen will sie das Medium erst mal für eine Weile hinter sich lassen.

Mit "Der Lehrer" zeigt RTL von heute an (21.15 Uhr) die vorerst letzte von Ruff produzierte Comedy-Serie. Die Momentaufnahmen aus dem Alltag des unkonventionellen Titelhelden sind 2007 entstanden. RTL strahlt die acht Folgen in vier Doppelpacks im Anschluss an "Doctor´s Diary" aus.

Die Serie hat gar keine Chance, sich zu etablieren. Die Sender, bedauert Ruff, "haben heute einfach keinen langen Atem mehr, um Serien die nötige Entwicklungszeit zuzugestehen." Tatsächlich wird nicht selten schon nach ein oder zwei Folgen abgesetzt, was nicht auf Anhieb Erfolg hat ("Die Anwälte").

Aber Ruff, die in den Anfangsjahren von RTL als Produzentin von Shows wie "Mini Playback Show", "Traumhochzeit" oder "Tutti Frutti" eine "Bombenzeit" hatte, hat viel zu lange fürs Fernsehen gearbeitet, um diese Entwicklung nicht verstehen zu können: "Aus Sendersicht sind einige ungünstige Parameter aufeinander getroffen. Alle sind in massiven finanziellen Schwierigkeiten, da überlegt man sich zweimal, wo man sein Geld investiert. Wenn Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" mit weniger Aufwand mehr Zuschauer anziehen, verabschiedet man sich relativ leichten Herzens von einem Genre, dessen Akzeptanz ohnehin abnimmt."

Eingesetzt hat dieser Trend lange vor der Wirtschaftskrise. Während sich Ruff bei Sony auf die Erfolgstitel konzentrierte, probierten sich auch andere Firmen an Sitcoms ("Kinder, Kinder", "Mitten im Leben"), allerdings ohne Erfolg - "und so ist der Comedy-Freitag bei allen Sendern mehr und mehr zerbröselt."

Neue Versuche von Sony mit seriellen Konzepten für Mirja Boes ("Angie") oder Niels Ruf ("Herzog") funktionierten ebenfalls nicht. "Herzog", nach Ruffs Ansicht "vielleicht etwas zu frech für viele Zuschauer", hatte immerhin eine begeisterte Fan-Gemeinde; die DVD wird mit dem Slogan "Zu geil fürs Fernsehen" beworben.

Ruff ist trotzdem überzeugt, dass Sitcoms ein Comeback erleben werden: "Das Fernsehen ist schließlich ein Wellenmedium, alles kommt wieder." Vorerst aber ohne sie. Das aktuelle Fernsehen scheint nicht mehr ihre Welt zu sein: "Damals unter Helmut Thoma hat sich RTL durch eine große Risikobereitschaft ausgezeichnet. Da hat man ganz viel an die Wand geschmissen und dann geschaut, was hängen bleibt. Heute spricht man bei den Sendern zunächst mal übers Geld und dann erst über Inhalte."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion