+
Der Hilferuf von Roberto Saviano gilt Europa und Deutschland.

Roberto Saviano in Italien

Es geht um Leben oder Tod

  • schließen

Der Autor Roberto Saviano ruft SOS: Italiens Innenminister Matteo Salvini droht damit, Schluss zu machen mit dem Polizeischutz für den von der Mafia bedrohten neapolitanischen Schriftsteller.

Im Jahre 2006 veröffentlichte Roberto Saviano, geboren 1979 in Neapel, „Gomorrha“, einen Bericht aus dem Innenleben des organisierten Verbrechens. Das Buch wurde ein Welterfolg, der auf ihm basierende Film ebenfalls. Saviano erhielt Todesdrohungen. Seit 2006 steht der Autor unter Polizeischutz.

Eine der ersten Amtshandlungen des neuen italienischen Innenministers Matteo Salvini, geboren 1973 in Mailand, war im Juni die Erklärung, er erwäge, Saviano den Polizeischutz zu entziehen (s. FR v. 27.6.18). Als Saviano ihn daraufhin als „Minister der Unterwelt“ bezeichnete, reichte Salvini Klage gegen Saviano ein.

Auf die reagierte der Autor mit einem – auch in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten – Aufruf an die Autoren, Blogger, Intellektuellen, Journalisten, Schauspieler Italiens. Stellung sollten sie beziehen, sich nichts vormachen lassen, es ginge um die Migranten, um nichts als die Meinungsfreiheit einiger weniger. „Kommt raus, Italien braucht heute eure freien Stimmen.

Matteo Savini gäbe Roberto Saviano zum Abschuss frei

Fürchtet euch nicht vor denen, die mehr als andere den Konflikt fürchten, weil sie nicht die Instrumente haben, mit ihm anders umzugehen als auf autoritäre Weise. Und es ist eine autoritäre Geste, wenn ein Minister einen Schriftsteller unter dem Briefkopf des Ministeriums anzeigt. Auf der einen Seite steht jemand, der Kritik äußert, auf der anderen die gesamte Regierung, die bis heute keinerlei Einwände dagegen geäußert hat, so instrumentalisiert zu werden.... Die Zeit, sich bedeckt zu halten, ist vorbei. Wenn ihr euch nicht beteiligt, bedeutet das, dass ihr einverstanden seid mit dem, was passiert: Es gibt nur Komplizen oder Rebellen.“

Bei Roberto Saviano geht es um Leben und Tod. Der italienische Innenminister, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist, gäbe mit einem Abzug des Polizeischutzes den Autor zum Abschuss frei. Das wäre ein weiterer Sieg des organisierten Verbrechens. Ermöglicht von der Staatsmacht selbst. Soweit sind wir in Italien, einem der Gründungsmitglieder der Europäischen Union.

Wer hat sich um Italien verdient gemacht: der aktuelle Innenminister, der als Journalist für ein unabhängiges Padanien kämpfte, oder der Autor, der seinen Landsleuten und der Welt dabei half, dem organisierten Verbrechen auf die Finger zu schauen?

Roberto Saviano ruft SOS, save our souls, rettet unsere Seelen. Er wendet sich an seine italienischen Landsleute, aber wir müssen uns davor hüten, die Auseinandersetzung zwischen einem Minister der Lega Nord und dem Neapolitaner Saviano als einen typisch italienischen Konflikt zu betrachten.

Noch vor sechs Jahren legte die Lega Nord des regierenden Innenministers eine Landkarte vor, auf der Regionen Norditaliens und auch Mittelitaliens sich vom „römischen“ Südteil, den „Afrikanern“, abgespaltet und mit der Schweiz, Österreich, Bayern und Savoyen den Staat Padanien gebildet hatten.

Die Utopie hat viele Gesichter. Bei dieser ging es darum, die ökonomisch Zurückgebliebenen rauszuwerfen und sich zusammenzuschließen mit ökonomisch gleich- oder gar bessergestellten. Es ist eine Welt, in der lustvoll derjenige getreten wird, der schon am Boden liegt. Das ist keine italienische Spezialität.

Wir hören diesen keineswegs neuen Klang derzeit überall in Europa. Noch spielen wir „diesen Kuss der ganzen Welt“, während wir in Wahrheit immer mehr ausschließen aus den europäischen Provinzen. In Deutschland sollen Listen existieren, auf denen mehr als 20.000 Namen stehen von Leuten, die rechtsradikalen Gruppierungen nicht passen. Ich habe sie nicht gesehen – die Regierung will sie nicht veröffentlichen –, ich halte es für eine Veranstaltung von Wahnsinnigen. Aber ich glaube nicht, dass es einfach Namen von Ausländern sind. Dazu sind es zu wenige. Ich glaube auch nicht, dass es nur die gegen Rechtsradikale sich aktiv einsetzende Zeitgenossen sind. In anderen Ländern führen die Regierungen solche Listen und arbeiten sie nach und nach ab. Recep Tayyip Erdogan ist einer davon, Putin ein anderer. Ich schaffe es nicht, mich bei dem Gedanken zu beruhigen, in Europa gebe es ganz sicher nirgendwo etwas Vergleichbares.

Savianos SOS gilt auch uns. Er ruft um Hilfe, aber wir sollten begreifen, dass er es auch für uns tut. Wir haben viele Gelegenheiten verstreichen lassen. Wir in Europa und wir in Deutschland. 2015 zum Beispiel war nicht das Jahr, in dem wir überschwemmt wurden. Es war das Jahr, in dem man uns sagte „wir schaffen das“, aber nichts tat. Weder wurde den Flüchtlingen noch besonders betroffenen Gemeinden oder gar den Helfern geholfen. Es war auch niemand da – jedenfalls offiziell nicht –, der Ausschau hielt nach terroristischen Trittbrettfahrern, die die Chance der schnellen Einreise nutzten, um auch hier ihren Schrecken zu verbreiten. Wir haben die Chance, die 2015 bot, vertan, wie wir die der Einführung des Euro zur Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Wirtschafts- und Steuerpolitik vertan hatten.

„Ein jegliches hat seine Zeit... töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;... herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;...zerreißen hat seine Zeit, zusammennähen hat seine Zeit;... lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Der Prediger Salomo)

So hieß es im 3. vorchristlichen Jahrhundert. Heute spricht man von Zeitfenstern, die man nutzen müsse. Verpasse man sie, sei es schwierig bestimmte Dinge noch zu lernen oder zu erreichen. Wir haben manches wichtige Zeitfenster sich wieder schließen lassen und so leben wir jetzt in einer Zeit des Streits und des Hasses. Wir tun uns von Jahr zu Jahr schwerer damit, mit dem Abbrechen wieder aufzuhören und wieder anzufangen mit dem Bauen. Selbst das Töten hat auch in Europa wieder seine Zeit. 

Daran erinnert uns Savianos Ruf. Es geht um sein Leben. Er ist aber auch ein Indikator für den Zustand Europas. Als der iranische Staatschef und schiitische Geistliche Chomeini 1989 jedem, der den Autor Salman Rushdie ermorden würde, eine Prämie von einer Million US-Dollar versprach, stellte sich die von Rushdie stets kritisierte britische Regierung schützend vor ihn. Und sie blieb bei diesem Entschluss.

Heute erwägt der italienische Innenminister, einen ihm unangenehmen Autor, von der Mafia abschießen zu lassen. Mussolini erklärte einmal, seine Landsleute sollten aufhören mit den romantischen Vorstellungen von der Gleichheit aller Menschen, sie sollten begreifen, dass sie im Jahrhundert der Autorität, im faschistischen Jahrhundert lebten. „Niemals zuvor“, meinte er, „verlangten die Menschen so sehr nach Autorität, nach Führung, nach Befehlen wie heute. Wenn jedes Zeitalter seine Doktrin hat, dann ist der Faschismus die Doktrin unserer Zeit.“ Er hatte Recht. Mit den bekannten Folgen. Recht behielt er allerdings nur zwanzig Jahre. Dann war sein Jahrhundert vorbei.

Wir müssen den autoritären Weg nicht gehen. Wir müssen nicht zerreißen, lasst uns zusammennähen!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion