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Verschlungene Wege in Schanghai. Oder doch ein klares Schema und Verkehrskonzept?
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Verschlungene Wege in Schanghai. Oder doch ein klares Schema und Verkehrskonzept?

Demokratie

"Es geht um die Einbindung in eine globale Arbeitsteilung"

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Was bedeutet mehr Technokratie für die Demokratie? Ein Gespräch mit Parag Kkanna über rasant wachsende Knotenpunkte weltweit, über Konfliktherde und Kooperationsstrategien.

Mr. Khanna, Sie leben derzeit in Berlin, diesem idyllischen Dorf mit gerade mal knapp 3,5 Millionen Menschen auf prächtige knapp neunhundert Quadratkilometer verteilt. Wie viel Zukunft geben Sie Berlin?
Es geht nicht nur um Größe, es geht auch darum, wie lebenswert eine Stadt ist, ob sie klug mit ihren Ressourcen umgeht. Die geringe Bevölkerungsdichte der Stadt macht sie angenehmer, preiswerter, aber natürlich auch teurer in der Erhaltung. Betrachten Sie nur die Aufwendungen für den innerstädtischen Verkehr. Niemand weiß, was in fünfzig Jahren sein wird, aber um die Zukunft Berlins brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen. Ich zum Beispiel bin sehr gerne hier.

Wie entstehen Großstädte?
An Handelsrouten. Sie sind Verkehrsknotenpunkte, sei es am Meer, sei es auf dem Land. Sie werden sehen: In den nächsten Jahren werden eine ganze Reihe zentralasiatischer Städte wieder aufblühen. China betreibt derzeit das größte Infrastrukturprogramm aller Zeiten: „One Belt, One Road“ (Ein Gürtel, eine Straße). Es ist ein System von Straßen, Pipelines, Eisenbahnstrecken, aber auch maritimen Verbindungen. „Neue Seidenstraße“ wird es genannt. In diesem neuen globalen Netz werden alte Knotenpunkte enorm verstärkt und neue geschaffen werden.

China wird damit seine Machtposition sehr verstärken.
Betrachten Sie es doch erst einmal als einen Weg zu einer neuen globalen Arbeitsteilung. Die setzt Verknüpfung voraus. Das war immer so. Nehmen sie Dubai: Dubais geografische Lage hat sich nicht geändert in den vergangenen Jahren, sehr wohl aber seine Rolle im Weltverkehr. Es ist heute die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Es geht nie um die Geografie, sondern immer um die Einbindung einer Stadt, eines Landes in die globale Arbeitsteilung. Für die Art, wie das geschieht, spielen dann geografische Faktoren eine nicht unerhebliche Rolle. Aber alles ist eine Frage der Konnektivität.

Die Verknüpfung von Städten, Ländern und Regionen wächst im Augenblick ...
Wie noch niemals zuvor. Interessant daran ist, dass das passiert, ohne dass ein Imperium die Straßen, die Flotten, die Eisenbahnen, die Pipelines, die Seekabel baut. Das alles geschieht heute im gegenseitigen Interesse. Natürlich gibt es eine Hierarchie der Machtverhältnisse, aber es gibt keinen Kolonialismus, der alles nach nichts als seinen eigenen Interessen einzurichten versucht.

Chinas Rolle in Afrika?
Zu behaupten, es handele sich da um Kolonialismus, ist Schwachsinn. China nutzt den afrikanischen Staaten mindestens so sehr, wie sie China nützen. Es sind übrigens die Staaten, die seit Jahren die EU bitten, ihren Markt für die afrikanischen Agrarprodukte zu öffnen. Europa hat das nie getan. Jetzt haben die afrikanischen Staaten erstmals die Gelegenheit, Handelsbeziehungen mit Asien zu pflegen. Schon das ist ein großer Vorteil für sie. Sie sind nicht mehr allein auf die einstigen Kolonialherren angewiesen.

Das verschiebt die Machtverhältnisse enorm.
Der gegenseitige Austausch geschieht freiwillig. Auch die neuen Handelsstraßen wachsen in freiwilliger Zusammenarbeit. Natürlich gibt es Streitigkeiten, natürlich hat der eine mehr Gewicht als der andere. Aber es gibt keinen Kampf mehr um das richtige System. Alle Auseinandersetzungen finden in einem von allen getragenen System statt, das alle versorgt und von dem alle leben.

Dieses System, die Straßen und Eisenbahnen, die Pipelines und Seekabel, die müssen gesichert werden. Man braucht einen riesigen Sicherheitsapparat dafür.
Das ist gut. Militärische Ressourcen kümmern sich nicht mehr um nutzlose Territorien, sondern um die wirklich wichtige, für alle wichtige, hochwertige Infrastruktur.

Ist das gut oder ist das schlecht?
Wie sagt man? Es kommt darauf an. Ich war in Afghanistan, in Myanmar. Es geht in diesen Ländern nicht darum, dass die Menschen jetzt durch die Chinesen unterdrückt würden. Unterdrückt waren sie schon immer. Es geht darum, diese Länder voranzubringen, Jobs zu schaffen. Wenn die Afghanen Chinesen haben wollen, um ihrem Land aufzuhelfen, dann sollten wir uns dem nicht entgegenstellen.

Da das zurzeit überall in riesigem Umfang geschieht, werden doch auch die Konflikte um diese „hochwertige Infrastruktur“ zunehmen. Sie schaffen nicht Frieden, sondern Krieg.
So sieht es im Augenblick ja nicht aus. Die grenzüberschreitende Infrastruktur – das ist heute eher das Problem – wird viel zu wenig bewacht. Das ist die eigentliche Gefahr heute. Viel wichtiger ist doch, dass grenzüberschreitende Infrastrukturen grenzüberschreitende Kooperationen nicht nur ermöglichen, sondern auch erforderlich machen. Das ist doch eine positive Entwicklung. Sie geschieht, weil die jeweiligen Partner sie wollen, nicht weil der eine sie dem anderen aufzwingt. Malaysia und Singapur, die haben einander gehasst, jetzt bauen sie eine Schnellbahn zwischen Malaysia und Singapur und errichten gemeinsame Sonderwirtschaftszonen. Statt Krieg herrscht Kooperation.

Was passiert mit Korea?
Nordkorea ist das isolierteste Land auf der Welt. Es hat keinen Sinn, es noch weiter zu isolieren. Wir müssten im Gegenteil versuchen, Nordkorea enger zu verzahnen mit der globalen Wirtschaft.

Ihr neuestes Buch „Jenseits von Demokratie – Regieren im Zeitalter des Populismus“ kann man von der Website des Gottlieb-Duttweiler-Instituts kostenlos herunterladen. Es ist ein Aufruf, den Technokraten mehr Macht zu geben.
Der Westen steckt in einer Krise. Ein Kapitel meines Buches heißt „Politik als Prozess ohne Ergebnisse“. Wir kümmern uns zu sehr um die Verfahren, statt um die Ergebnisse. Das Herumreiten auf von uns „demokratisch“ genannten Verfahren, die nur die bestehenden, Weiterentwicklungen behindernden Verhältnisse zementieren, wird uns nicht weiterhelfen. Manche werfen mir vor, ich sei undemokratisch, weil ich die Effizienz Singapurs lobe. Aber welcher Antidemokrat ist für eine allgemeine Wahlpflicht? Wir müssen unterscheiden zwischen Demokratie und Staat. Hier in Deutschland kann sich eine Regierungsbildung ruhig lange hinziehen, weil es einen funktionierenden Staat gibt. In den meisten Ländern der Welt ist das nicht so.

Sie wollen mehr Technokratie.
Der Technokrat überlegt: Wie optimieren wir diesen Staat? Wie machen wir aus einem Chaos widerstrebender Interessen Good Governance? Demokratie ist vielleicht eine Methode, dahin zu kommen. Aber sie ist es nicht allein. Demokratie allein schafft auch noch keinen Konsens. Den muss der Staat erst herstellen. Er muss sich am Utilitarismus orientieren, also an der Idee, dass es um die Steigerung des Wohlergehens aller geht. Stattdessen stellt man sich hin und behauptet die Interessen aller zu vertreten – und vertritt nur die einer Minderheit.

So ist es immer. Die Demokratie gibt uns die Möglichkeit, uns einen neuen auszusuchen, dem wir uns erst einmal ausliefern. Was wollen Sie anders?
Ich möchte genau das. Aber effektiver. Zum Beispiel bin ich für Koalitionsregierungen. Ich bin für Meinungsverschiedenheiten. Die Parteien in den USA sind versteinert. Außerdem sollten zum Beispiel soziale Medien und Sensordaten anonym genutzt werden, um schnell zu erkennen, wo gerade Probleme entstehen. Mangelnden Kitaplätzen oder dem Verfall der Infrastruktur kann so viel schneller abgeholfen werden. Das ist der Unterschied zwischen bloßer Politik und einer Sachfragen zugewandten Policy. Das meine ich in meinem Buch mit „direkter Technokratie“. Deutschland ist davon in der Tat nicht allzu weit entfernt, aber wir müssen uns davor hüten, gar zu selbstgefällig zu werden.

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