Der Geheimniskrämer

Arte zeigt ein Porträt des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger

Von RENé MARTENS

Es gibt kaum ein anderes Thema, das so verzerrt dargestellt wird. Ich kann Ihren Zuschauern nur empfehlen, dazu ein seriöses Buch zu lesen." Dass ein Interviewpartner im Fernsehen so etwas sagt, kommt eher selten vor. Der Lektüretipp stammt von Henry Kissinger, ehemals Nationaler Sicherheitsberater und dann Außenminister der USA, und das angeblich verzerrte Thema ist seine Rolle bei den Aktivitäten der USA gegen Chiles Präsidenten Salvador Allende, die 1973 mit einem blutigen Putsch endeten.

Die Zurückhaltung Kissingers hat auch juristische Gründe: Der Autor Christopher Hitchens wirft ihm vor, am Tod des 1970 mit Zutun der CIA umgebrachten chilenischen Generals René Schneider in einem rechtlichen Sinne mitschuldig zu sein, außerdem gehen Angehörige des Ermordeten gerichtlich gegen Kissinger vor.

Der 85-Jährige äußert sich in Stephan Lambys Dokumentation "Henry Kissinger: Geheimnisse einer Supermacht" zum ersten Mal zu zahlreichen Episoden seines politischen Lebens, aber am nachdrücklichsten wirken seine Ausweichmanöver. An einer weiteren Stelle des Films mag Kissinger nicht ins Detail gehen. Es geht um seine Zeit als Partylöwe und Womanizer. Da merkt man, dass er genervt ist, während in allen anderen Sequenzen seine Miene unbeweglich wie ein Fels bleibt.

Selten hat man im Fernsehen jemanden erlebt, der so beharrlich eine Mimik durchhält, keinerlei Gefühlsregungen erkennen lässt. Dabei geht es in dem Gespräch um wahrlich weltbewegende Themen: vom Vietnamkrieg über die Watergate-Affäre bis zu Kissingers geheimdiplomatischen Schachzügen gegenüber UdSSR und China.

Viele andere Gesprächspartner treten im Film ganz anders auf, insbesondere Lawrence Eagleburger und Alexander Haig, die unter Kissinger im Nationalen Sicherheitsrat arbeiteten und ihrem einstigen Chef später folgten - als Außenminister. Sie inszenieren ihre Auftritte genussvoll. Aufschlussreich sind die Passagen, in denen Lamby Äußerungen des Protagonisten und seiner Kollegen zu bestimmten Themen gegenüberstellt. Willy Brandt etwa habe er sehr bewundert, sagt Kissinger, aber die übrigen Befragten haben das etwas anders in Erinnerung. Wenn man eine knapp vier Jahrzehnte alte Tonbandaufnahme aus dem Weißen Haus als Maßstab nimmt, klingen ihre Einschätzungen plausibler: Brandt, sagt Kissinger in diesem Gespräch mit Richard Nixon, sei "ein Trinker", "dumm" und "faul".

"Henry Kissinger: Geheimnisse einer Supermacht", Arte, 21 Uhr.

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