Unter Tieren

Geglückte Rettung

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Drei gerettet. 600 ihrem Schicksal überlassen. Wie immer, wenn man sich für die Rechte der Tiere einsetzt, ist die Freude über die Geretteten mit dem Schmerz über all die anderen vermischt.

Es überrascht mich immer wieder, wie unheimlich bilderbuchmäßig Ferkel unterwegs sind. Diese drei hier kommen mit schlackernden Ohren auf uns zugeflitzt, rosa, munter und freudig quiekend. Die so zart wirkenden, tatsächlich aber rauen und robusten Rüsselscheiben (gemeinhin oft „Steckdose“ genannt) untersuchen mich, den Neuankömmling gründlich.

Hey, irgendwer nagt da doch an meinen Schuhen! Man hatte mich gewarnt, ich hatte es aber nicht glauben wollen: Diese knapp vier Monate jungen alten Schweinchen namens Felix, Knut und Helge besitzen bereits kräftige Kiefer und scharfe Zähne. Ich entziehe meine Füße mal lieber ihrem Zugriff. Streichele den Ferkeln Stirn und Rücken und freue mich, dass sie nun in Sicherheit sind.

Es sind drei Überlebende eines Unfalls, der auch überregional traurige Schlagzeilen machte: In der Nacht vom 10. auf den 11. März verunglückte im Landkreis Ludwigslust ein Transporter mit über 600 Ferkeln. Ein weiterer LKW und zwei PKW fuhren auf, drei Menschen starben, zwei weitere wurden verletzt. Die A24 war fast 15 Stunden komplett gesperrt.

Schweine liefen auf der Fahrbahn herum… und mindestens drei von ihnen in den nahegelegenen Wald. Dort hatte zunächst keiner Zeit, nach ihnen zu suchen – bis Tanja Günther und Jürgen Foß von der Sache hörten. Die beiden haben den Lebenshof „Land der Tiere“ aufgebaut, keine 20 km von der Unfallstelle entfernt. Sie packten Transportboxen und Käscher ins Auto und fuhren los.

Nicht weit von der Autobahn entfernt, lagen diese drei Ferkel in einer Kuhle neben dem Waldweg, schliefen aneinandergeschmiegt. Handzahm waren sie noch nicht, Menschen waren ihnen bisher nicht mit freundlichen Absichten begegnet. Auf ihren Rücken trugen sie teilweise blutige Kratzer – ob noch aus dem Stall, ob von dem ganzen Stress und Gedrängel beim Transport oder aufgrund des Unfalls, weiß man nicht.

Im Alter von drei Wochen werden Ferkel üblicherweise von ihren Müttern getrennt und gemästet; das kann auf demselben Betrieb sein oder anderswo. Von dort erfolgt ein Transport in die Schweinemast, bis die Tiere etwa sieben Monate sind. Dann kommt der letzte Transport, der zum Schlachthof.

Wie in jeder industriellen Produktion sind auch in der heutigen Schweinemast die einzelnen Schritte aus Effizienzgründen voneinander getrennt; im Vergleich zu Arbeitskraft und Platz fallen die Kosten für den Transport eher gering ins Gewicht. Diese Ferkel hier stammten aus Dänemark.

Drei gerettet. 600 ihrem Schicksal überlassen. Wie immer, wenn man sich für die Rechte der Tiere einsetzt, ist die Freude über die Geretteten mit dem Schmerz über all die anderen vermischt. Ich habe mich mal durch die Meldungen der letzten Wochen gegoogelt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Am 16. Januar stürzte in Nordfriesland ein Schweinetransporter vom Deich; 40 Schweine kamen um oder wurden eingeschläfert. – Am 28. Januar starben im Münsterland bei einem Unfall mit einem Schweinetransporter drei Menschen. Am selben Tag verunglückte bei Castrop-Rauxel ein weiterer Viehtransporter. – Am 6. Februar kamen bei Coesfeld 19 Schweine bei einem Unfall um. – Am 7. Februar kippte auf der Kreisstraße 134 in der Nähe von Sassenholz ein Transporter mit 158 Schweinen um. 25 Tieren konnten (zunächst) aus dem Laderaum fliehen, die anderen wurden anscheinend eingeschläfert. – In der Nacht auf Freitag 8. Februar geriet auf der A7 ein Schweinetransporter in Brand. Sieben Tiere starben, die Bergung der übrigen 75 Schweine gelang erst nach Stunden. – In der Nacht auf Montag, 18. Februar ging in Emstek ein Geflügel-Transporter in Flammen auf. Von den 4000 geladenen Hühnern überlebte kein einziges.

Am 04. März 2019 brach in der Nähe von Welbergen Feuer im Motorraum eines LKW aus. Der LKW selbst war mit 64 Schweinen und der Anhänger 48 Schweinen beladen. Einige Tiere liefen auf die Fahrbahn; vier wurden von der Polizei erschossen und 60 von Mitarbeitern des Veterinäramts eingeschläfert.

Die 48 Tiere auf dem Anhänger wurden zum Schlachthof gebracht. Dort wurden sie zu Fleisch verarbeitet – um von Menschen gekauft und verzehrt zu werden, die Helge, Knut und Felix genauso zauberhaft finden würden wie ich. Die sich ebenfalls freuen, wenn sie von der geglückten Rettung hören. Doch es lassen sich nicht alle retten, sondern immer nur ein winziger Bruchteil, solange mit diesen Lebewesen gehandelt und ihre Tötung gebilligt wird.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Zuletzt ist ihr Buch „Nichtstun ist keine Lösung. Politische Verantwortung in Zeiten des Umbruchs“ im DuMont Buchverlag erschienen.

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