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Besucher im Königin-Sofia-Museum von Madrid vor Pablo Picassos Gemälde „Guernica“.

FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Gegenseitig an Feindbildern malen

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Kultur ist eine Waffe. In Spanien wird sie gern im Kampf untereinander konkurrierender Nationalismen gezückt.

Zweieinhalb Jahre vor seinem Tod sprach Pablo Picasso ein klärendes Wort über sein „Guernica“, das sich damals in der Obhut des MoMA in New York befand: Sobald die bürgerlichen Freiheiten in Spanien wiederhergestellt seien, solle das Gemälde „den berechtigten Vertretern der spanischen Regierung“ zurückgegeben werden, denn es sei immer sein Wunsch gewesen, dass dieses Werk „zum spanischen Volk“ zurückkehre. Picasso starb im April 1973, zweieinhalb Jahre später der Diktator Francisco Franco, und noch einmal drei Jahre später hatte Spanien wieder eine demokratische Verfassung. „Guernica“ konnte „zum spanischen Volk“ zurückkehren. Also nach Madrid. Dort wurde das Gemälde ab Herbst 1981 im Casón del Buen Retiro ausgestellt, hinter Panzerglas – ganz so gewiss waren sich die berechtigten Vertreter der spanischen Regierung der Liebe ihres Volkes zu Picasso noch nicht.

Einmal, im Sommer 1992, zog das monumentale Gemälde noch um: in das einen Kilometer entfernte Nationalmuseum für Gegenwartskunst Reina Sofía. „Guernica“, sagte der Maler Antoni Tàpies – übrigens ein Katalane –, sei hier genau am richtigen Ort, um „der ganzen übrigen zeitgenössischen spanischen Malerei einen Sinn“ zu verleihen. Ohne Panzerglas. Hier hängt das Bild bis heute und wird nicht mehr verrückt. Für einen Transport sind Leinwand und Farbe zu fragil.

Die Wünsche der baskischen Stadt Gernika, deren Bombardierung im April 1937 Picasso Anlass und Inspiration für sein Gemälde war, und die des Guggenheim-Museums in Bilbao, „Guernica“ einmal als Leihgabe zu erhalten, schlug das Reina Sofía mit Verweis auf den Zustand des Bildes aus. Was den damaligen Präsidenten der Baskischen Nationalistischen Partei, Xabier Arzalluz, zu seinen berühmt gewordenen Worten veranlasste: „Das macht den Eindruck wie immer: fürs Baskenland die Bomben, für Madrid die Kunst.“

Arzalluz’ Kommentar war eine Infamie: Kaum eine zweite spanische Stadt hat während des Bürgerkriegs derart unter den Bomben der aufständischen Militärs gelitten wie Madrid; zweieinhalb Jahre belagerten und beschossen die Franquisten die Hauptstadt, bis sie sich im März 1939 endlich ergab. Das wusste auch der Anfang dieses Jahres gestorbene Arzalluz, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen, am Feindbild „Madrid“ zu malen. Die Kunst war ihm gleichgültig, „Guernica“ bloß eine Trophäe, die Kultur eine Waffe. Picasso selbst hatte nie daran gedacht, sein Gemälde dem Städtchen Gernika oder dem Baskenland zu vermachen oder etwa seiner andalusischen Heimatstadt Málaga, sondern eben „dem spanischen Volk“, das bis in jeden Winkel des Landes erst unter dem Bürgerkrieg und später unter der Franco-Diktatur zu leiden hatte.

Wenn Picasso unrecht getan worden ist, dann weil „Guernica“ nicht im Prado hängt, der Kathedrale der spanischen Kunst, sondern im benachbarten Reina Sofía (das es zu Picassos Lebzeiten noch nicht gab).

Mit Kultur lässt sich Politik machen, und weil die demokratische Verfassung von 1978 sowohl der nationalen Regierung in Madrid als auch den 17 Regionalregierungen kulturpolitische Kompetenzen zuspricht, nutzt dieses Instrument jeder, wie er kann. Als besonders ergiebig für die eine oder die andere nationale Selbstvergewisserung hat sich dabei der Kampf um die Verwahrung von Kulturgütern erwiesen. Selbst wer nie ein Museum betritt, oder möglicherweise gerade der, fühlt sich in seiner Ehre verletzt, wenn man seiner Heimat etwas wegnimmt oder vorenthält. Der richtige Aufbewahrungsort kann immer nur „bei uns“ sein, und die Politiker sorgen dafür zu definieren, wo „bei uns“ ist. So naiv wie Picasso, der sein „Guernica“ ohne nähere Bestimmung dem „spanischen Volk“ übergeben wollte, ist heute niemand mehr.

Die Dama de Elche, das wunderbarste aller spanischen Kunstwerke, aus dem vierten oder fünften vorchristlichen Jahrhundert, heißt so, weil sie 1897 in der Nähe von Elche in der Mittelmeerprovinz Alicante gefunden wurde. Die Frauenbüste wurde zunächst im Pariser Louvre ausgestellt, kehrte 1941 im Rahmen eines Kulturgüteraustauschs nach Spanien zurück, stand dreißig Jahre lang im Prado und ist heute das Prunkstück des Archäologischen Nationalmuseums in Madrid.

Die „Dama de Elche“ stammt aus dem 4. oder 5. vorchristlichen Jahrhundert und zählt zu den größten Kunstschätzen Spaniens, zu sehen im Nationalen Archäologie Museum in Madrid.

In der 230 000-Einwohner-Stadt Elche hat man sich nie recht damit abfinden können, dass die in der Nähe gefundene Büste in der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt gezeigt wird. Immerhin kam sie zwei Mal für Sonderausstellungen zu Besuch; Stein ist weniger fragil als Leinwand. Aber das ist nicht genug. „Wir wollen, dass die Dama auf Dauer zu uns zurückkehrt“, sagte Elches Bürgermeister Carlos González Anfang des Monats anlässlich des 122. Jahrestages ihres Fundes. Hinter der Forderung steckt keine weitere Theorie als die, dass man mit der Büste mächtig Werbung für Elche machen könnte. Ein Nationalmuseum will viel mehr: einen Staat erschaffen. Die Dama de Elche oder „Guernica“ sind Spanien. Deswegen werden sie nicht irgendwo, sondern in der Hauptstadt ausgestellt.

Weil es in Spanien aber widerstreitende Nationalgefühle gibt und auf den Begriff der Nation kein Copyright existiert, gibt es auch ein Nationalmuseum, das nicht Spanien meint: das Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona, und daneben noch ein Nationalarchiv, das Arxiu Nacional de Catalunya in Sant Cugat del Vallès vor den Toren Barcelonas. Dorthin wurden Mitte der Nullerjahre rund eine halbe Million Dokumente aus Salamanca herbeigeschafft, worum es in Spanien eine große Auseinandersetzung gab. Eine Gasse weiter, gleich um die Ecke der Kathedrale von Salamanca, wurde in Calle del Expolio umbenannt, „Straße der Plünderung“, weil der damalige Bürgermeister der kastilischen Universitätsstadt fand, dass die Rückgabe im Bürgerkrieg geraubter Dokumente einer Plünderung des in Salamanca ansässigen Generalarchivs des Spanischen Bürgerkriegs gleichkäme. Er zog deswegen bis vors Verfassungsgericht, das seine Klage abwies.

Weder ihm noch der katalanischen Regionalregierung ging es bei diesem Streit um die bestmögliche Zugänglichmachung historischer Dokumente. Es war ein Kampf zwischen katalanischem und spanischem Nationalismus. Der wird mit besonderer Heftigkeit an der Kulturfront geführt, eben deshalb, weil die Kultur Nationen erschafft und weil sich die Nationen ihre Kultur erschaffen müssen. Aragón, die westliche Nachbarregion Kataloniens, kämpft seit 20 Jahren um sakrale Kunstwerke aus der Grenzregion zu Katalonien, die aus diesen oder jenen Gründen auf der katalanischen Seite der Grenze gelandet sind, und Katalonien kämpft darum, sie zu behalten. Auf der einen wie der anderen Seite der Grenze, die doch nur eine gedachte, administrative Grenze ist, wären die Objekte allen Menschen aus der Gegend, Aragonesen wie Katalanen, ohne weite Wege zugänglich. Aber darum geht es nicht.

Genauso wenig übrigens wie es beim Stierkampf um Stierkampf geht. Katalonien wollte die Tauromaquia, wie später die Balearen, verbieten lassen, woraufhin sie die spanische Parlamentsmehrheit 2013 zum nationalen Kulturgut erhob. Mit der Betonung auf national. Allen beteiligten Politkern, hier und dort, war gemeinsam, dass ihnen das Wohl der Tiere nur bedingt am Herzen lag, das Wohl ihrer imaginierten Nation aber sehr. Jede Nation ist eine imaginierte. Sie braucht die Kultur, um eine greifbare zu werden. Das macht die Kultur zur Waffe. Die Spanier wissen das.

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