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"Stromverbrauch, selbst wenn er hoch ist, liefert für sich genommen noch keine Argumente gegen irgendetwas."

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Gegen den Strom

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Wer oder was verbraucht wie viel Energie? Das kommt darauf an, ob man Google oder seine Kritiker fragt.

Technische Neuerungen und die Dinge, die wir damit anstellen, verbrauchen Strom. Zu viel Strom. Viel zu viel Strom, so war es im vergangenen Jahr alle paar Tage irgendwo zu lesen. Die übliche Vergleichsgröße in Artikeln über solche Probleme sind Länder: „so viel CO2 wie Jordanien“, „so viel Strom wie Belgien“, „wie Bangladesch“ „wie Dänemark“. Das klingt nach viel, weil selbst kleine Länder ziemlich groß sind. Doch solche Angaben lassen keine Schlüsse darauf zu, wie sich die jeweils kritisierte Angelegenheit zu anderen Strom verbrauchenden Tätigkeiten verhält.

Stromverbrauch, selbst wenn er hoch ist, liefert für sich genommen noch keine Argumente gegen irgendetwas. Niemand beklagt die Existenz von Straßenbeleuchtung, obwohl sie auch nicht wenig Strom benötigt. Bei der Kritik am Stromhunger digitaler Angelegenheiten schwingt mit, dass alle diese Einsatzzwecke entbehrlich oder doch jedenfalls nicht sinnvoll genug seien, um ihren hohen Ressourcenverbrauch zu rechtfertigen. Deshalb sind es vor allem neuere Entwicklungen, die dieser Vorwurf trifft: in letzter Zeit das „Internet of Things“, Streaming, große Serverfarmen insbesondere von Google und das Training von KI-Systemen.

Alle Leserinnen und Leser solcher Artikel können sich noch daran erinnern, dass die Welt noch vor kurzer Zeit auch ohne diese Dinge auskam. Womöglich nutzen sie die kritisierten Angebote auch noch gar nicht selbst. Das macht es einfacher, über deren nachteilige Auswirkungen zu reden, einfacher als über den ökologischen Fußabdruck selbstverständlich gewordener Einrichtungen: Weihnachtsbeleuchtung, warme Duschen, Fernseher, Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Aluminiumherstellung und Bäckereien. Oder Zeitungen.

Die „taz“ veröffentlichte 2010 einen Bericht zu ihrer Treibhausbilanz. Sie kam darin zu dem Schluss, dass sich, bezogen auf ein verkauftes Exemplar, etwa 300 Gramm „CO2-Äquivalente“ ergeben. Bei einer Google-Suchanfrage fallen – abhängig davon, ob man Google fragt oder seine Kritiker – entweder 0,2 oder sieben Gramm CO2 an. Ich will damit nicht behaupten, dass sich der Kauf einer Zeitung durch 42 oder 1500 Google-Suchanfragen ersetzen ließe. Bitte laden Sie mich auf keinen Fall zu Podiumsdiskussionen ein, auf denen ich diese Meinung vertreten soll. Mir geht es darum, dass das Energieverbrauchsargument dann besonders beliebt und bequem ist, wenn die Energie von fremden Menschen (Hipstern) und fremden Firmen (Google) in fremden Ländern (USA) verbraucht wird, für Tätigkeiten, die den Kritikern überflüssig bis störend erscheinen.

Serverzentren zeichnen sich im Unterschied zu den meisten anderen großen Energieverbrauchern dadurch aus, dass der Abstand zu den Orten ihrer Nutzung für die meisten Zwecke überhaupt keine Rolle spielt. Man kann sie daher dort aufstellen, wo der Strom günstig ist, und das ist traditionell oft da, wo es Wasserkraft gibt. Google deckt weltweit seit dem Jahr 2017 seinen gesamten Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen. Das bedeutet wie überall, dass man irgendwelchen Strom verwendet und dafür anderswo Solar- und Windstrom zukauft oder einspeist. Es ist deshalb, genau wie die Einzelheiten jeder Berechnung des Energieverbrauchs, umstritten.

Unumstritten hingegen ist, dass aktuelle technische Veränderungen sich schneller vollziehen als zum Beispiel die Elektrifizierung im 19. und 20. Jahrhundert. Deshalb steigt auch ihr Energieverbrauch steiler an als bisher gewohnt. Man kann daraus aber noch nicht ableiten, dass die neuen Erfindungen schlechter sind als die alten. Wer dieser Meinung ist, muss sie separat begründen.

Ziemlich sicher lässt sich der Energieverbrauch in den kritisierten Bereichen wirklich senken, und es ist richtig, sich dafür einzusetzen. Aber wenn die Kritik gepaart ist mit dem Vorwurf, der jeweilige Vorgang oder die ganze Branche sei doch mehr oder weniger sinnlos, wirkt das nicht wie ein glaubhaftes Engagement gegen den Klimawandel.

Diese Kolumne wurde klimaschonend erstellt: Ich habe dabei in einem Fernverkehrszug der Deutschen Bahn gesessen (100 Prozent erneuerbare Energien) und etwa vier Stunden auf einem gebraucht gekauften 11-Zoll-Laptop getippt (30 Watt). Die darin enthaltenen Behauptungen sind überwiegend ausgedacht. Die zum Ausdenken verwendete Architektur wurde durch natürliche Evolution trainiert, was ein paar Millionen Jahre gedauert hat; die Energie dafür stammte aus einem großen Fusionsreaktor. Die Kosten dieses Vorgangs habe ich nicht im Detail berechnet. Dafür war mir meine Energie zu schade.

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