+
Gegen den Opernsänger Plácido Domingo gibt es neue Vorwürfe der sexuellen Belästigung. (Archivbild)

Sexuelle Belästigung

Gefühltes Wissen

  • schließen
  • Harry Nutt
    Harry Nutt
    schließen

Was die Vorwürfe gegen Plácido Domingo, Daniel Barenboim und Christoph Metzelder trennt und verbindet.

Drei Nachrichten aus diesen Tagen: Gegen den Opernsänger und Dirigenten Plácido Domingo sind neue Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben worden. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP haben elf Frauen von Übergriffen und Belästigungen durch Domingo berichtet. Zu ihnen gehört laut AP die Sängerin Angela Turner Wilson, die bei einer Inszenierung an der Washingtoner Oper in der Spielzeit 1999/2000 auf ihn getroffen sei. Kurz vor einer Aufführung habe der Sänger, der zu der Zeit künstlerischer Leiter der Oper war, ihr plötzlich in den Ausschnitt gefasst. „Es tat weh, er hat fest zugepackt“, wird Wilson zitiert. Ferner berichtet eine Mitarbeiterin der Opern von Los Angeles und Houston, dass man hinter den Kulissen ohnehin seit geraumer Zeit komplexe Strategien entwickelt habe, um Domingo von bestimmten Sängerinnen fernzuhalten. Man habe darauf geachtet, keine Frauen in seine Garderobe zu schicken.

Neue Vorwürfe sind inzwischen auch gegen Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, erhoben worden. Eine Orchestermanagerin hatte im Online-Klassikmagazin „Van“ behauptet, Barenboim habe sie im März 2018 in der Garderobe der Staatsoper mit beiden Händen zwischen Schulter und Hals gegriffen und geschüttelt, was Barenboim in einer Stellungnahme vom Mittwoch jedoch bestritt. Er habe sich bei der Mitarbeiterin dafür entschuldigt, dass er sie angeschrien habe. Er habe sie aber „kategorisch nicht geschüttelt oder anderweitig berührt“.

Ein dritter öffentlich mit großer Aufmerksamkeit bedachter Vorgang betrifft den früheren deutschen Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder. Gegen den 38-Jährigen wird wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt. Das hatte die Staatsanwaltschaft Hamburg am Mittwoch bestätigt.

Dies sind drei sehr unterschiedliche Fälle, die durch ihr bloßes zeitliches Zusammentreffen in einen Zusammenhang gezwungen werden, nicht zuletzt an dieser Stelle. Was sie aber eint, ist die Prominenz der Betroffenen. In allen drei Fällen sind inzwischen Anwälte und Berater damit betraut, den Informationsfluss zu kanalisieren.

Während bei Metzelder Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, sind oder waren mit den Vorwürfen gegen Barenboim und Domingo auch die künstlerischen Einrichtungen damit befasst, die Folgen abzuschätzen und zur Aufklärung beizutragen. Denn neben der Frage nach strafrechtlicher Relevanz geht es dabei auch um den gesellschaftlichen Ruf von Personen und Institutionen.

Und wer ein wenig ehrlich ist mit sich selbst, wird nicht abstreiten, dass er doch gern etwas genauer wissen möchte, was an den Vorwürfen dran ist, obwohl es geboten wäre, zunächst in aller Ruhe die zuständigen Instanzen ermitteln zu lassen. Ganz in diesem Sinne hatte Wolfgang Kubicki, der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, in der ARD-Talkshow „Maischberger“ argumentiert: Die Berichterstattung einiger Boulevardmedien zögen Metzelder „die Schuhe aus“, sagte Kubicki und verwies auf die Unschuldsvermutung. Die Staatsanwaltschaft habe schließlich nur einen Anfangsverdacht.

Die zunächst vorsichtig-kühle und wohl auch juristisch gebotene Haltung bewahrte Kubicki aber nicht davor, anschließend ein bisschen zu spekulieren. Er habe Metzelder mehrfach getroffen und auch, wenn das nicht reiche, wie er zugab, um jemanden wirklich zu kennen, betonte er: „Das würde mich sehr wundern, wenn der tatsächlich auf Kinderpornografie steht.“

Es soll hier natürlich nicht darum gehen, die Urteilskraft des Politikers Kubicki infrage zu stellen. Vielmehr wird an dessen Einschätzung ein Reflex deutlich, der sich tief in die öffentliche Wahrnehmung eingenistet hat. Wenn es um Fragen der sexuellen Gewalt geht, scheint es seitens Außenstehender kaum noch möglich, Zurückhaltung zu üben. Denn obwohl auch Kubicki allgemein so etwas wie einen Zusammenhang zwischen juristischer und sozialer Vernunft angemahnt hat, konnte er persönlich trotzdem doch nicht widerstehen, sein Bild von der Person mit den neuen Vorwürfen abzugleichen.

Angesichts einer forcierten medialen Dynamik sitzt inzwischen jeder nicht nur in der ersten Reihe, sondern kommt von dort schon routinemäßig als Experte mit auf die Bühne, um sein gefühltes Wissen zum Maß der Dinge zu machen. In einer gesellschaftliche Atmosphäre, in der die Hysterie des ständigen Verdachts herrscht und die in Nischenöffentlichkeiten liebevoll gepflegt wird, wächst auch das Misstrauen gegenüber den ermittelnden Instanzen. Der israelische Schriftsteller Sami Berdugo (siehe FR vom 4. September) hat darauf hingewiesen, dass die populistische Annäherung der Herrschenden an das Volk bei diesem den fatalen Umkehrschluss provoziert, auch selbst über unbegrenzte Deutungshoheit zu verfügen. Wo aber das Versprechen zu gelten scheint, dass alles vollständig und sofort geliefert werden muss, stellt die Notwendigkeit einer nüchternen Aufklärung fast eine narzisstische Kränkung dar.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion