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Brandenburg, Oranienburg: das Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen.

Gedenken an die Opfer 

Das Grauen benennen

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Faschismus, Nationalsozialismus, Auschwitz, Holocaust, Judenvernichtung – jeder dieser Begriffe erfährt eine eigene gesellschaftliche Konjunktur.

Gleich nach der Niederlage des Nationalsozialismus wurden auf Anordnung der vier Besatzungsmächte „Ausschüsse für die Opfer des Faschismus“ gegründet. Im September 1945 begingen sie erstmals den „Tag der Opfer des Faschismus“. Aus diesen Aktivitäten entstand 1947 die bis heute bestehende Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN. Der „Tag der Opfer des Faschismus“ wurde in ganz Deutschland begangen. Während des Kalten Krieges wurde in der BRD versucht, den Gedenktag wie auch die VVN zu verbieten. Das scheiterte zwar, aber der Gedenktag verschwand aus dem öffentlichen Bewusstsein der BRD.

1952 führte die Bundesrepublik den „Volkstrauertag“ ein. Den hatte es bereits in der Weimarer Republik gegeben. Damals sollte er an die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges erinnern. 1934 benannte ihn das NS-Regime in Heldengedenktag um. Der 1952 eingeführte Volkstrauertag wurde in keinem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag. Worüber das Volk trauern sollte, wurde im Lauf der Zeit und auch regional immer wieder sehr verändert. Nur Hessen definiert den Volkstrauertag als „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege“. Dort gilt übrigens am Volkstrauertag auch ein Tanzverbot von 4 bis 24 Uhr! Der offizielle Festakt der Bundesregierung im Jahre 1987 gedachte ganz allgemein „der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus“. Inzwischen dient der Volkstrauertag auch dazu, der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten zu gedenken.

Doch zurück zum „Tag der Opfer des Faschismus“. Der wurde in der DDR jeweils am zweiten Sonntag im September begangen. Er verband, so hieß es, „Gedenken und Trauer mit Information und Aufklärung und dem Appell an die Lebenden: ‚Nie wieder Krieg und Faschismus‘“. Im Zentrum der Ehrung standen die „toten Helden des antifaschistischen Kampfes“. Seit 1990 wird der Gedenktag unter dem neuen Namen „Tag der Erinnerung und Mahnung“ begangen. Gesetzlicher Feiertag war er auch in der DDR nie gewesen.

Internationaler Holocaust-Gedenktag

In der Bundesrepublik, wo man 45 Jahre zuvor den „Tag der Opfer des Faschismus“ abgeschafft hatte, machte man – der Volkstrauertag war sehr eigene Wege gegangen – den 27. Januar 1996 zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.

Im Jahr 2005 führten die Vereinten Nationen den Internationalen Holocaust-Gedenktag ein. Am 27. Januar wird seitdem fast überall auf der Welt an die systematische Vernichtung der europäischen Juden, an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee, und an Verbrechen gegen die Menschlichkeit erinnert.

Ich erinnere an diese vertrackte Geschichte, nicht um auf sie einzugehen. Das wäre einmal eine sinnvolle Aufgabe. Mir geht es hier um etwas anderes. Um die Begriffe Auschwitz, Faschismus, Holocaust, Nationalsozialismus.

In meiner BRD-Jugend – 1960 war ich 14 Jahre alt – sprach niemand von Nationalsozialismus. Das war der Begriff, mit dem die Nazis – das waren lange, lange Zeit immer die anderen – die Deutschen verführt hatten. In diese Falle wollte man nicht noch einmal hineintappen. Die Begriffe Nation und Sozialismus waren durch die Nazis, die Hitlerei fast gleichermaßen vergiftet worden. „Drittes Reich“ hörte ich dagegen oft. Der Begriff hatte seine verführerische Kraft offenbar verloren.

Als „Die Zeit des Deliriums“ hatte Hermann Rauschning die Jahre der Naziherrschaft bezeichnet. Das traf die Stimmung, in der ich aufwuchs, sehr genau. Die Deutschen waren verführt, gedopt worden, Opfer eines sie überwältigenden Rausches von Größe und Einmaligkeit. Desto tiefer war der Sturz. Jetzt standen sie mitten in den Ruinen ihrer Großmachtträume. Umgeben von Toten, die sie getötet, und von Toten, die mit ihnen getötet hatten. Niemand wusste, wie man aus diesem Desaster wieder hinauskam. Aber eines war sicher: Gegen die Alliierten ging gar nichts. Es gab keine Heerscharen von Werwölfen. Keine Stadtguerilla gegen die Besatzungsmächte, keine Aufstände. Es gab den Schwarzmarkt.

Utopien waren zerstoben

Überleben war alles. Utopien hatte man gehabt. Sie waren zerstoben. Die Demokratie war schon darum, weil sie eine war, ungeliebt. Selbst Nation war eine Sache einiger weniger. Diese Wörter waren alle zu groß. Man überließ sie den Herren, die sich mit ihnen die Mäuler stopften. Man selbst suchte nach einem Brotkanten, einem oder zwei Eimern Kohlen. Meine Mutter fuhr, mit mir auf dem Arm, in einem überfüllten Zug zu Bauern in Nordhessen, so erzählte sie es mir – ich habe keine Erinnerung mehr daran –, um Kartoffeln aufzutreiben. Sie half ihnen dafür auf dem Hof.

„Die schreckliche Zeit“ hörte ich meine Eltern oft sagen. Gemeint war damit der Krieg. Davor, sie waren 1919 und 1920 geboren, waren sie nichts als jung gewesen. BDM und Hitlerjugend waren, glaubte man ihnen, nichts als Pfadfinderorganisationen. Das Wort Nationalsozialismus hörte ich erst, als wir ihn in der Schule durchnahmen.

1963 erschien „Der Faschismus in seiner Epoche“. Ernst Nolte ließ darin den Nationalsozialismus in einer Länder übergreifenden Gesamtschau fast verschwinden. Der NS – auch eine beliebte Bezeichnung – verlor seine Einmaligkeit. Ich las Noltes Buch damals nicht. Ich las Mitte der 60er Jahre Monate lang Hannah Arendts schon ein paar Jahre zuvor erschienenes „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Von Hannah Arendt lernte ich den soziologischen Blick. Ich war ganz und gar eingenommen von diesem Buch und seiner Autorin.

Ich sah damals nicht den Faschismus in seiner Epoche, sondern die Gleichzeitigkeit und den Zusammenhang totalitärer Herrschaftssysteme. Die Begriffe Nationalsozialismus, Faschismus, Stalinismus nahm ich nahezu gleichzeitig auf.

Seit 1963 wurden in Frankfurt die Auschwitzprozesse geführt. Durch sie erst wurde „Auschwitz“ zum zentralen Begriff für die Vernichtung der Juden. Diese prägten erst im Laufe der Prozesse das Bild vom Nationalsozialismus. Auschwitz – das wurde sichtbar – war die Erfüllung des nationalsozialistischen Traumes. Die Volksgemeinschaft sollte geschaffen werden durch die Vernichtung der Juden, also eines Teiles der Bevölkerung. Auschwitz – das waren die Gasöfen, das waren herausgerissene Goldzähne, geschorene Haare, zum Lampenschirmen verarbeitete Menschenhaut, Leichenberge. Auschwitz war der Zivilisationsbruch, unvergleichbar, einmalig. Auschwitz wurde aber auch zur Metapher. Es dauerte lange, bis eine wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung in Angriff genommen wurde. Systematisch wurde sie erst möglich, nachdem auch die Archive in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes nach 1989 geöffnet wurden.

Entscheidung zwischen den Faschismustheorien

1966 wurde ich ein Linker. Also Antifaschist. Es galt, sich zwischen den unterschiedlichsten Faschismustheorien zu entscheiden. Aber eines schien sie alle zu verbinden: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ (Max Horkheimer 1939)

Es dauerte sehr lange, bis ich begriff, dass es für deutsche Sozialisten sehr entlastend war, vom Faschismus zu sprechen statt vom Nationalsozialismus. Unsere Begeisterung für Faschismustheorien ging oft einher mit einem Mangel an Interesse für die Details der von unseren Vätern und Großvätern geübten Praxis. Die Theorie vom „autoritären Charakter“ faszinierte uns auch darum, weil die spezifischen Untaten unserer Eltern sich darin so erleichternd auflösen konnten.

Die Faschismustheorien, in die wir uns stürzten, hatten auch den Vorteil, dass sie unseren Intellekt ansprachen. Nichts als ihn. Die Opfer hatten keine Gesichter. Sie waren Zahlen. Fast nichts als das. Die Bilder der Leichenberge verschwanden zwar nicht aus unserem Bewusstsein, aber sie verloren ihre Kraft. Der soziologische Blick, den viele von uns sich wie eine Brille aufgesetzt hatten, neigt dazu, sich das Leiden vom Leib zu halten. So hatten wir, die sich doch die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit so dezidiert vorgenommen hatten, gleich zwei Filter – Faschismustheorie und Soziologie – gefunden, um nicht persönlich werden zu müssen.

1979 änderte sich das. Damals wurde die Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ in den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt. Sie war der Anfang vom Ende der Faschismustheorien. Millionen Deutsche saßen – das ist nicht übertrieben – weinend vor den Fernsehapparaten. Mit einem Male gab es nicht nur „Solidarität“, sondern auch Mitgefühl. Beides nachträglich, also vergebens. Aber es wurde vielen deutlich, wie viel weiter das Gefühl trägt als die vorgebliche Analyse. Nicht nur, dass es größere Teile der Bevölkerung erreichte. Es reichte auch tiefer in jeden Einzelnen.

Menschen wie du und ich wurden vernichtet

Das lag nicht zuletzt daran, dass „Holocaust“ nicht die Leichenberge zeigte, sondern eine ganz normale Familie, die im Verlauf des Films in die Gaskammern getrieben wird. Der Film zeigte nicht die Vernichtung, sondern wer vernichtet wurde: Menschen wie du und ich. Täter und Opfer ähnelten einander. Das verstärkte das Gefühl der Unausweichlichkeit, den Schrecken.

Das Wort Holocaust stammt aus dem Griechischen und bezeichnete dort das vollständig verbrannte Tieropfer. Anfang der siebziger Jahre war es in den USA unter Historikern üblich geworden, den nationalsozialistischen Judenmord als Holocaust zu bezeichnen. Der Welterfolg der Fernsehserie von Regisseur Marvin J. Chomsky, einem Cousin des Linguisten Noam Chomsky, der seine Karriere unter anderem als Innenrequisiteur für die Western-Serie „Rauchende Colts“ begonnen hatte, machte „Holocaust“ weltweit zum Zentralbegriff für die systematische Vernichtung der Juden.

Mit ihm sind wir noch weiter weg – von allem. Bin ich versucht zu sagen. Weit und breit kein Nationalsozialismus. Nirgends auch nur eine Spur davon. Dafür gibt es wieder ein Opfer. Diesmal sind es nicht mehr die Deutschen. Es sind die Juden. Aber sie wurden nicht geopfert, um ein höheres Wesen zu besänftigen. Sie wurden vernichtet, weil es sie nicht mehr geben sollte. Um nichts anderes ging es. Das war die Wahrheit des „Nationalsozialismus“.

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