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Überwachung

Die Gefahren nicht überschätzen

  • Jonas Rest
    VonJonas Rest
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Ein Selbstvermesser über das Self-Tracking. Alles hatte angefangen mit dem Wunsch, die Work-Life-Balance zu optimieren. Die Selbstvermessung ist so weit fortgeschritten, dass man sich auch Gedanken über Gefahren machen muss: Ist das Self-Tracking eine neue Form der Kontrolle?

FR: Herr Schumacher, Sie sind einer der Pioniere der Selbstvermessungsbewegung in Deutschland. Was haben Sie an sich alles schon vermessen?

Ich messe unter anderem meine Aktivität, meinen Schlaf, Körpergewicht, Blutzucker, Blutdruck, Ernährung und habe eine kleine Kamera zum Anklemmen, die meinen Alltag aufzeichnet.

FR: Sie sind also den Großteil des Tages damit beschäftigt, sich selbst zu vermessen?

Ganz und gar nicht. Das meiste ist automatisiert, etwa die Erfassung von meiner Aktivität oder dem Schlaf. Mit den aufgezeichneten Daten beschäftige ich mich auch nur, wenn ich ein konkretes Ziel verfolge. Ansonsten ist es einfach interessant, über einen längerfristigen Zeitraum Daten über sich selbst zu sammeln, um Trends in der eigenen Entwicklung zu beobachten. So kann man viele kleine interessante Sachen über sich herausfinden. Ich weiß etwa, dass ich schlechter schlafe, wenn ich abends noch einen Film gesehen habe – und dass ich viel Zeit vor dem Weinregal verbringe.

FR: Wieso haben Sie damit angefangen, sich zu vermessen?

or vier Jahren wollte ich meine Work-Life-Balance optimieren. Ich habe dann mit einem Schrittzähler angefangen, um zu sehen, ob ich mich ausreichend bewege. Ich habe dann schnell gemerkt, dass es sehr motivierend ist zu sehen, ob man seine Ziele erreicht. Gerade mache ich eine Diät, bei der ich am Anfang abgenommen habe – und dann nicht mehr. Durch die Messung des Oberarmumfangs habe ich aber gesehen, dass die Ursache dafür war, dass ich durch mein Training Muskeln aufgebaut habe. Das motiviert.

FR: Es geht also vor allem um Fitness?

Nein. Es gibt Personen, die so die Ursachen für Migräne herausfinden konnten. Eine Frau in Berlin litt etwa unter Schlafstörungen und auch die Ärzte konnten ihr nicht helfen. Durch Selbstversuche hat sie herausgefunden, dass es an dem Mangel eines bestimmten Botenstoffs lag. Eine andere Person konnte die Ursache für ihren Hautausschlag feststellen: ein bestimmtes Nahrungsmittel.

FR: Begonnen hat der „Quantified-Self“-Trend 2007, mit einem Blog der Journalisten des US-Technikmagazins Wired, Kevin Kelly und Gary Wolf. Wieso kam die Selbstvermessung gerade zu dieser Zeit hoch?

Damals gab es die ersten Produkte, die dies sehr leicht möglich machten. Das iPhone kam auf den Markt und Nike hat einen Sensor für Laufschuhe herausgebracht, der sich mit dem iPod verbinden konnte. Da die Beschleunigungssensoren in Smartphones verbaut werden, sind ihre Preise mit der massenhaften Produktion der Geräte drastisch gefallen.

FR: Wie hat sich die Selbstvermessungsbewegung in der Zwischenzeit verändert?

Schumacher: Die letzten vier Jahre waren sehr Lifestyle orientiert. Es ging vor allem um Menschen, die gesund waren und vielleicht ein paar Kilos abnehmen wollten. Ich denke, künftig wird es stärker ins Medizinische gehen. MySugr, eine App für Diabetiker, hilft Tausenden von Nutzern, besser mit Ihrer Erkrankung leben zu können. Es gibt auch schon Start-ups, die Brustgurte und Armbänder zur Pulsmessung entwickeln, mit denen sie warnen wollen, wenn ein Herzinfarkt bevorsteht – so dass man präventiv ins Krankenhaus gehen und sich Medikamente geben lassen kann. Derzeit muss man noch häufig die Informationen selber bewerten können. In Zukunft wird die Auswertung verstärkt von Apps übernommen werden.

FR: Die Besessenheit mit Selbst-Optimierung wird oft kritisiert.

Das Unbehagen kommt daher, dass man mit Zahlen arbeitet – also eine Management-Lösung für den Körper anwendet. Ich glaube aber, dass die Menschen immer schon ihre Probleme lösen wollten – dazu braucht man nur mal einen Blick auf den Umfang der Coaching-Literatur zu werfen. Self-Tracking-Lösungen sind noch relativ neu, in den meisten Fällen jedoch viel effektiver als klassische Methoden zur Selbsthilfe, weshalb sie für jeden interessant sind, der ein Problem loswerden möchte. Selbst-Optimierung klingt hart im Kontext von der Leistungsgesellschaft. Aber wenn man an Diabetiker denkt, die einfacher ihre Therapie kontrollieren können, erscheint es logisch, dass man auf die bestmögliche Behandlung setzen möchte.

FR: Es ist leicht vorstellbar, dass die Selbstvermessung in eine neue Form der Kontrolle über uns umschlägt. Krankenkassen könnten dies zur Pflicht machen, wenn man nicht einen teuren Risikotarif zahlen will.

Das ist vorstellbar. In den USA gibt es bereits erste Ansätze, die den Nachweis der eigenen Gesundheit mit finanziellen Anreizen kombinieren. Ob das eine sinnvolle Maßnahme ist, muss gesellschaftlich entschieden werden. Selbst bin ich kein Befürworter davon, finde aber auch, dass wir die Gefahren nicht überschätzen sollten. Viel interessanter ist doch das gemeinsame Interesse der Mitglieder und der Krankenkassen an einem gesunden Leben mit hoher Lebensqualität. Wenn neue Technologien zur Verfügung stehen, die Leid und Kosten senken können, haben Krankenkassen sicher einen Gestaltungsspielraum, diese Möglichkeiten zu fördern. Schließlich liegt es auch im Interesse der Beitragszahler, wenn effizient mit Ihrem Geld umgegangen wird und ein Mensch, der weniger krank ist, ist glücklicher und verursacht zugleich weniger Kosten.

Interview: Jonas Rest

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